Denkfabrik: Ost und West: Auch 18 Jahre nach Wiedervereinigung große Unterschiede

Denkfabrik: Ost und West: Auch 18 Jahre nach Wiedervereinigung große Unterschiede

Bild vergrößern

Renate Köcher ist u.a. Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

18 Jahre nach der Wiedervereinigung gleicht sich der Lebensstandard in Ost und West langsam an. Nicht aber das Verhältnis zu Staat und Marktwirtschaft, sagt Renate Köcher.

Fast zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist die Lage in den westdeutschen und ostdeutschen Ländern immer noch in vieler Hinsicht anders. Das gilt für die Arbeitslosenquote, die durchschnittliche Produktivität, die Einkommens- und Vermögenssituation, aber auch für die Wirtschaftsstruktur. Die Angleichung der Lebensverhältnisse dauert länger, als viele anfangs dachten.

Doch es gibt Fortschritte: Zu Beginn der Neunzigerjahre lag das Nettohaushaltseinkommen in Ostdeutschland bei rund zwei Dritteln des westdeutschen Niveaus – heute sind es immerhin 80 Prozent. Beim Pkw-Besitz gibt es nur noch marginale Unterschiede, und auch beim Immobilienbesitz holt Ostdeutschland auf. 1991 hatten 49 Prozent der Westdeutschen und 70 der Ostdeutschen keinen Immobilienbesitz. Seither hat sich der Kreis mit eigenem Haus oder eigener Wohnung in den alten Ländern um sieben Prozent, in den neuen Ländern um zwölf Prozent erhöht. Parallel zu der objektiven Entwicklung von Einkommen und Vermögen gleicht sich auch die subjektive Zufriedenheit allmählich an das westdeutsche Niveau an. Im Oktober 1990 waren 56 Prozent der westdeutschen, aber nur 34 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung mit ihrer wirtschaftlichen Lage ohne Einschränkung zufrieden. Heute fällt die Bilanz in West und Ost ähnlicher aus – allerdings nicht nur aufgrund der wachsenden Zufriedenheit in Ostdeutschland, sondern auch durch eine kritischere Bilanz der westdeutschen Bevölkerung.

Anzeige

Nach wie vor andere Staatsverständnisse

Statt 56 Prozent stufen heute nur noch 48 Prozent der Westdeutschen ihre materiellen Verhältnisse als gut ein, während dieser Anteil in Ostdeutschland von 34 auf 39 Prozent gestiegen ist. Auch heute noch hat die ostdeutsche Bevölkerung jedoch deutlich mehr als die westdeutsche das Gefühl, in einer ungefestigten Situation zu leben und die eigene Zukunft nur schwer kalkulieren zu können. Jeder fünfte westdeutsche, aber fast jeder dritte ostdeutsche Erwerbstätige hält seinen Arbeitsplatz für nicht gesichert.

Nach wie vor hat die ostdeutsche Bevölkerung ein anderes Staatsverständnis: Bei den Vorstellungen von der richtigen Rolle des Staates und im weltanschaulichen Bereich generell wirken die alten Prägungen und Erfahrungen aus DDR-Zeiten noch nach. Vor die Wahl gestellt, ob in erster Linie der Staat die Verantwortung für die Bürger übernehmen sollte oder die Bürger soweit wie möglich selbst, entscheidet sich in Ostdeutschland (anders als im Westen) eine knappe Mehrheit für den Staat. 49 Prozent der Ostdeutschen plädieren zudem für eine größere staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft.

Ist die Demokratie, die wir in der Bundesrepublik haben, die beste Staatsform oder gibt es eine andere Staatsform, die besser ist? (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Ist die Demokratie, die wir in der Bundesrepublik haben, die beste Staatsform oder gibt es eine andere Staatsform, die besser ist? (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Wenn Freiheitsspielräume mit anderen gesellschaftlichen Zielen konkurrieren, fällt die Entscheidung in West und Ost unterschiedlich aus. Im Konflikt zwischen Gleichheitsidealen und Freiheitsspielräumen räumt die Mehrheit der Ostdeutschen, aber auch 35 Prozent der westdeutschen Bevölkerung den Gleichheitsidealen den Vorrang ein. Annähernd die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung vertritt die Auffassung, dass Ziele wie soziale Gerechtigkeit durchaus auch mit der Verringerung von Freiheitsspielräumen verfolgt werden sollten – eine Auffassung, der sich nur jeder vierte Westdeutsche anschließt. Auch heute ist das Freiheitsstreben im Osten weniger ausgreifend, die Zahl der Freiheiten geringer, die als unverzichtbar gelten. So ist 86 Prozent der westdeutschen, aber nur 74 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung die Meinungsfreiheit besonders wichtig. Auf die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Parteien wählen zu können, legt nur die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung besonderen Wert, in Westdeutschland sind es 66 Prozent.

Anteil der Bürger, die von unserem Wirtschaftssystem eine gute Meinung haben (in Prozent)

Anteil der Bürger, die von unserem Wirtschaftssystem eine gute Meinung haben (in Prozent)

Die Akzeptanz des politischen und wirtschaftlichen Systems hat in Ost und West gleichermaßen gelitten. Nach wie vor steht jedoch die ostdeutsche Bevölkerung unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung besonders skeptisch gegenüber. Nach der geradezu euphorischen Bewertung zu Beginn der Neunzigerjahre erodierte das Vertrauen rasch. Heute bewerten nur 19 Prozent der ostdeutschen und 39 Prozent der westdeutschen Bevölkerung das Wirtschaftssystem positiv. Das politische System hat zumindest in Westdeutschland mehr Rückhalt: 62 Prozent der Westdeutschen halten die bundesdeutsche Demokratie für die beste Staatsform. In Ostdeutschland wird diese Auffassung nur von 29 Prozent der Bevölkerung geteilt, 41 Prozent glauben, dass es überlegene Alternativen gäbe. Diese Differenzen werden die Diskussionen und Entwicklungen unseres Landes in den nächsten Jahren gravierend beeinflussen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%