Denkfabrik: Paradoxe Konsequenz

kolumneDenkfabrik: Paradoxe Konsequenz

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Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Der Ausbau des Niedriglohnsektors hat das Armutsrisiko in Deutschland reduziert, Mindestlöhne hingegen würden diesen Trend wieder umkehren, sagt Hans-Werner Sinn.

Vor gut einem Jahr beklagte der Armutsbericht der Bundesregierung, dass immer mehr Menschen in Deutschland von Armut gefährdet seien – weil ihr Einkommen unter 60 Prozent vom Durchschnitt (bedarfsgewichtetes Medianeinkommen) gefallen war. Nun kommt das Institut Arbeit und Qualifikation in Duisburg mit einer neuen, vermeintlichen Schreckensmeldung, wonach der Niedriglohnsektor deutlich gewachsen ist. Das Armutsproblem wird, so scheint es, immer größer. Und daher müssten Mindestlöhne her, tönt es aus der Politik.

Der Eindruck täuscht indes gewaltig, denn die Nachrichten stimmen nicht mehr oder werden falsch interpretiert. Heute, ein Jahr nach dem Armutsbericht, ergibt sich nach einer Analyse des ifo Instituts ein anderes Bild. Der Armutsbericht, erstellt auf Basis des sozioökonomischen Panels von 2005, kam zu dem Schluss, dass der Anteil der Armutsgefährdeten in den Jahren bis 2005 auf 18 Prozent gestiegen war. Dieselbe Datenbasis zeigt ein Jahr später, dass die Gefährdung bis 2006 wieder um 1,5 Prozentpunkte oder etwa eine Million Personen zurückging – obwohl der Niedriglohnsektor wuchs. Das ist eine geradezu dramatische Wende in einem bis dato verhängnisvollen Trend.

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Das Ausmaß der Armut lässt sich nicht zeitaktuell berechnen. Dies geht nur im Rückblick, wenn entsprechende Erhebungen aufbereitet sind. Und um das Geschehene zu verstehen, muss man bedenken, dass 2005 das Jahr der maximalen Arbeitslosigkeit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der Einführung des Hartz-IV-Systems war. Ein Jahr später war der Aufschwung da. Hartz IV begann zu wirken. Die Armutsgefährdung ging zurück, weil die Arbeitslosenzahl um knapp 400.000 fiel und weil Niedriglöhner nun zusätzlich zu ihrem Arbeitseinkommen Hartz-IV-Bezüge erhielten.

1,3 Millionen Menschen erhalten Lohnzuschüsse

Die Agenda gab dem Aufschwung eine besondere Beschäftigungsdynamik. Viele Langzeitarbeitslose konnten integriert werden, auch viele Ältere fanden neue Jobs. Bis zum Tiefpunkt der Arbeitslosigkeit im November 2008 wurden, wie ifo zeigt, allein in Westdeutschland (inklusive Berlin) eine Million Stellen mehr geschaffen, als bei einer Wiederholung früherer Aufschwungmuster zu erwarten gewesen wäre. Diese Stellen entstanden zwar teilweise im Niedriglohnsektor. Insofern hat das Duisburger Institut recht. Doch wer das als Problem sieht, vergleicht die Entwicklung mit Wunschträumen statt realistischen Alternativen. Es geht nicht um gute oder schlechte Stellen, sondern um schlechte oder gar keine Stellen. Mit der Schaffung eines Niedriglohnsektors sollten Langzeitarbeitslose in Arbeit und Brot kommen. Eine solche Politik hätte man selbst dann rechtfertigen können, wenn damit ein temporärer Anstieg der Armutsgefährdung verbunden gewesen wäre. Immerhin stand zu hoffen, dass der Wiedereingliederung ins Berufsleben bei zunächst niedrigen Löhnen anschließend der soziale Aufstieg gefolgt wäre. Doch selbst eine temporär höhere Gefährdung trat nicht ein, sondern das Gegenteil. Eine Million weniger Armutsgefährdete war mehr, als man bei einem Rückgang der Arbeitslosenzahl um knapp 400.000 erhoffen konnte. Noch größere Effekte der Agenda wird man für die Folgejahre feststellen, wenn sich die volle Beschäftigungsdynamik des letzten Booms in der Armutsstatistik widerspiegelt. Ab 2012 werden sich dort zwar die Folgen der Rezession zeigen. Doch dürften deren Effekte dank der Agenda kleiner ausfallen, als es sonst der Fall gewesen wäre.

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