Denkfabrik: Renate Köcher über hartnäckige Skepsis an der Globalisierung

Denkfabrik: Renate Köcher über hartnäckige Skepsis an der Globalisierung

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Quelle: Allensbacher Archiv

Obwohl Deutschland wie kaum ein anderes Land von der Globalisierung profitiert, sehen die Menschen sie noch immer als Bedrohung, sagt Renate Köcher.

Trotz aller Risiken befindet sich die deutsche Wirtschaft auf solidem Wachstumskurs. Der beste Seismograf für die Stimmungslage der Unternehmen ist ihre Bereitschaft, die Belegschaft aufzustocken. Dies ist in beachtlichem Umfang der Fall. Während sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf Fälle wie Nokia und Rationalisierungsprogramme einiger Großunternehmen konzentriert, nimmt die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich zu. Innerhalb von nur zwei Jahren ist die Arbeitslosigkeit von 5 auf 3,6 Millionen zurückgegangen; erstmals seit 16 Jahren könnte im Laufe dieses Jahres die Arbeitslosenzahl wieder unter drei Millionen sinken.

Diesen Erfolg verdankt Deutschland seiner Exportbilanz. In einem Ausmaß wie wenige andere Länder profitiert Deutschland von dem dynamischen Wachstum anderer Weltregionen und von der globalen Verflechtung. Grund genug für den Exportweltmeister, Globalisierung in erster Linie als Chance zu begreifen – sollte man meinen.

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Tatsächlich hat sich jedoch in Deutschland in den vergangenen fünf, sechs Jahren hinweg eine Sichtweise durchgesetzt, die Globalisierung überwiegend als Risiko und Gefährdung des deutschen Wohlstandsniveaus interpretiert. So sind 49 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Globalisierung für Deutschland überwiegend Risiken mit sich bringt, nur 24 Prozent sehen überwiegend Chancen, ein weiteres Viertel der Bevölkerung ist in dieser Frage unentschieden. Bisher haben der konjunkturelle Aufschwung und die gravierende Besserung auf dem Arbeitsmarkt an dieser Einschätzung nur wenig ändern können.

Diese Skepsis ist nur zu verstehen, wenn man sich vor Augen führt, wann sich die Bevölkerung ihr Urteil über die Folgen der Globalisierung bildete. Noch Ende der Neunzigerjahre konnten viele mit dem Begriff überhaupt nichts anfangen und hatten entweder noch nie von Globalisierung gehört oder keinerlei Vorstellungen von ihren Auswirkungen. Bei denjenigen, die sich schon ein Urteil gebildet hatten, hielten sich positive und negative Wertungen annähernd die Waage.

Die Karriere des Begriffs Globalisierung fällt in die Phase der Wachstumsschwäche und der damit einhergehenden Rekordarbeitslosigkeit. In dieser Phase wurde Globalisierung zu einem Thema der öffentlichen Diskussion – mit dem Ergebnis, dass Globalisierung immer mehr als Risikoszenario gesehen wurde. Im Jahr 2002 waren 31 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die Globalisierung für Deutschland mehr Risiken als Chancen birgt, 2004 waren es 42 Prozent, 2006 sogar 50 Prozent. Wirtschaft wie Politik begründeten in diesen Jahren Rationalisierungsmaßnahmen und unpopuläre Reformen immer wieder mit den Zwängen, die von einer globalisierten Wirtschaft ausgehen.

Vertrauen in deutsche Leistungskraft Quelle: WirtschaftsWoche

Quelle: Allensbacher Archiv

Bild: WirtschaftsWoche

Als Folge verbindet die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung heute Globalisierung vor allem mit der Standortkonkurrenz, mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen und dem Verschwinden ganzer Branchen aus Deutschland. 82 Prozent denken bei Globalisierung an die Verlagerung von Unternehmen und Unternehmensteilen ins Ausland, 61 Prozent an den Verlust von Arbeitsplätzen, 30 Prozent an sinkende Einkommen, nur elf Prozent an wachsenden Wohlstand. Dabei ist die große Mehrheit durchaus überzeugt, dass das „Made in Germany“ auch in dem härteren globalen Wettbewerb ausgesprochen gute Chancen hat. So trauen 69 Prozent der Bevölkerung den deutschen Unternehmen zu, dass sie durch ihre Leistungsfähigkeit und die Qualität der Produkte überzeugen und sich auch künftig erfolgreich durchsetzen werden.

Trotzdem schließen sich nur 22 Prozent dem Argument an, dass die Globalisierung im Verbund mit dieser Leistungskraft deutscher Unternehmen überwiegend Vorteile bringt, bestehende Arbeitsplätze sichert und die Schaffung neuer Arbeitsplätze ermöglicht. Die Mehrheit sieht vor allem die Konkurrenz mit Niedriglohnstandorten und erwartet als Folge der Globalisierung Arbeitsplatzverluste. Dies ist einer der Gründe, warum die Mehrheit auch bis heute darauf beharrt, dass bestenfalls geringe Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten sind. Nach den langen Jahren der Wachstumsschwäche wirkt es so, als gäbe es eine Barriere, Erfolge wahrzunehmen und an nachhaltige Chancen zu glauben.

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