Denkfabrik: Schleichende Entmündigung

Denkfabrik: Schleichende Entmündigung

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Notker Wolf, Abtprimas des Benediktinerordens in Rom

Deutschland entwickelt sich zum moralischen Obrigkeitsstaat. Das schafft nicht mehr Gerechtigkeit, sondern macht die Menschen unfrei, sagt Abtprimas Notker Wolf.

Die Deutschen sind im Ausland nicht als bekennende Optimisten bekannt. Von Rom aus betrachtet, wo ich die meiste Zeit des Jahres lebe und arbeite, erscheinen mir manche deutsche Problemdiskussionen als eigenartig luxuriös. Wenn ich gelegentlich zu Hause in St. Ottilien bin, fällt mir der Hang zum Schwarzsehen umso mehr auf: Wir blicken prinzipiell mit Sorge in die Zukunft.

Genau entgegengesetzt präsentiert sich erstaunlicherweise die Politik. Wer Parteien und Gewerkschaften in Deutschland heute zuhört, könnte meinen, alle befänden sich wieder in der gemütlichen Zeit vor der Globalisierung. War alles nur ein Spuk? Hat sich unsere Wettbewerbssituation grundlegend geändert? Gibt es wirklich in einem hochverschuldeten Staat wieder mehr zu verteilen?

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Die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre wird sein, unser Wirtschafts- und Sozialsystem neu zu justieren. Es geht um die Zukunft des Erfolgsmodells der sozialen Marktwirtschaft, um deren Weiterentwicklung zur Marktwirtschaft mit Leistungsgerechtigkeit. Dieser Denkansatz scheint mir deshalb vernünftig und verfolgenswert zu sein, weil er Leistung und Gerechtigkeit in einen gleichwertigen Zusammenhang stellt. Auch in der christlichen Soziallehre sind diese Werte untrennbar verbunden. Verteilt werden kann immer nur, was durch die Leistung des Einzelnen und der Gemeinschaft erwirtschaftet worden ist. Und wer die Leistungsträger schwächt, der hat am Ende weniger zu verteilen.

Mehr Staat bedeutet für den Einzelnen stets auch weniger Freiheit und mehr Abhängigkeit

Verteilen bedeutet aber gerechtes Teilen.

Gerechtes Teilen des gemeinsam Geschaffenen war und ist seit jeher die Grundlage des inneren Friedens in jeder Gesellschaft.

Wo dieses Prinzip umgekehrt wurde, gab und gibt es Streit, Konflikt, Krieg. Die Solidarität mit den Menschen in der Dritten Welt und der Blick auf die vielen Konfliktherde sollten die etablierten Industrienationen daran erinnern, dass sie ihren Wohlstand mit ihnen werden teilen müssen, soll der Friede nicht ein fragiles Gut bleiben.

Vielleicht müssen wir uns gerade aus dieser Erkenntnis heraus von der Idee verabschieden, dass Politik nur dann gut und menschlich sei, wenn sie die Forderung nach sozialer Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit über jede praktische Vernunft stellt, wenn sie Utopien wie die angebliche Zuständigkeit des Staates für das Glück des Einzelnen weiter pflegt, statt mehr Selbstverantwortung einzufordern.

Mehr Staat bedeutet für den Einzelnen stets auch weniger Freiheit und mehr Abhängigkeit. Das kann, davon bin ich überzeugt, auf Dauer nicht gut gehen. Denn statt Glück oder sozialer Gerechtigkeit handeln wir uns mit einer solchen Politik vor allem immer mehr Bürokratie ein und damit eine schleichende Entmündigung des Einzelnen. Noch konkreter: Wir bekommen den moralischen Obrigkeitsstaat.

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