Denkfabrik: Wer definiert Armut?

Denkfabrik: Wer definiert Armut?

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Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach und Mitglied des Aufsichtsrates mehrerer Dax-Unternehmen.

In unserer Wohlstandsgesellschaft wandelt sich das Verständnis von Armut. Damit steigt auch die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg, sagt Renate Köcher.

Über den Armutsbericht, den die Bundesregierung jüngst vorgelegt hat, ist viel geschrieben und diskutiert worden. In der hitzigen Debatte, wie viel Armut es in Deutschland gibt, ging nahezu unter, dass der Bericht insgesamt zu einer überwiegend positiven Bilanz kommt. Danach hat sich das Armutsrisiko in den vergangenen zehn Jahren trotz wachsender sozialer Unterschiede praktisch halbiert; noch stärker verringerte sich das Armutsrisiko für Kinder.

Im europäischen Vergleich gehört Deutschland heute nach Dänemark und Schweden zu den Ländern mit dem geringsten Armutsrisiko. Als Armutsrisiko gilt dabei ein Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in einem Land. Die Folgen des Aufschwungs der vergangenen Jahre und der stark gesunkenen Arbeitslosigkeit sind in dem Bericht noch nicht einmal ausreichend berücksichtigt, da er in wesentlichen Teilen mit Daten von 2005 arbeitet.

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Die Einschätzung der Bevölkerung ist eine gänzlich andere. Zwar kennen 62 Prozent niemanden, den sie als arm bezeichnen würden. 15 Prozent kennen zumindest einen Haushalt, 16 Prozent mehrere Familien, die nach ihrem Eindruck arm sind. Trotzdem ist die überwältigende Mehrheit überzeugt, dass Armut in Deutschland nicht nur ein großes Problem ist – sondern immer mehr zunimmt. Konstant glauben seit Jahren 82 Prozent der Bevölkerung, dass es immer mehr Bedürftige gibt, nur elf Prozent sind vom Gegenteil überzeugt.

Dies hat mehrere Gründe. In der Berichterstattung und Diskussion über Armut dominieren Negativfakten bei Weitem. Auch in den Verlautbarungen der verschiedenen Bundesministerien fällt eine völlig unterschiedliche Fokussierung und Interpretation auf. In der Berichterstattung der Medien wurde teilweise der Kreis der Armen drastisch erweitert, indem alle Personen zum Kreis der Armen gezählt werden, die ohne staatliche Transferzahlungen „arm wären“; zum anderen liegt der Fokus der Berichterstattung häufig auf den wachsenden sozialen Unterschieden statt auf der Reduktion des Armutsrisikos.

Die gesellschaftliche Definition von Armut verändert sich kontiniuierlich

Dies ist jedoch nicht der einzige Grund für das abweichende Urteil der Bürger. In den Jahren der Wachstumsschwäche, in denen gleichzeitig mehrere Sozialreformen durchgeführt wurden, hat sich der Eindruck verfestigt, dass sich die materielle Situation der Masse der Bevölkerung mittel- und langfristig nur verschlechtern kann.

Daran haben auch die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und steigende Löhne und Gehälter bisher wenig geändert, da Steuerprogression und Inflation die Einkommenszuwächse auffressen oder gar überkompensieren. Die Preisentwicklung bei Energie und Lebensmitteln führt seit zwei Jahren den Sorgenkatalog der Bevölkerung an und verstärkt bis weit in die Mittelschicht hinein Ängste vor dem Abstieg. Gerade für untere Einkommensschichten bedeutet eine längerfristige Preissteigerungswelle ein gravierendes Risiko: Zwei Drittel derjenigen, die sich der Unterschicht zurechnen, fürchten derzeit, in größere finanzielle Schwierigkeiten zu geraten.

Auch die gesellschaftliche Definition von Armut verändert sich kontinuierlich. Schon die Orientierung am mittleren Einkommen bedeutet zwangsläufig, dass sich der Kreis, der als arm eingestuft wird, mit dem gesellschaftlichen Einkommen verändert. Die Frage ist, ob ‚Armutsrisiko‘ nicht besser über einen festen Betrag definiert werden sollte, der an den notwendigen Ausgaben für die Sicherung eines menschenwürdigen Existenzminimums ansetzt. Auch dieses Verfahren wäre freilich nicht ohne Probleme, da die Vorstellungen von einem solchen Existenzminimum differieren und sich verändern.

Denkfabrik Armut

Bürger glauben an steigende Armut (Klicken sie auf die Grafik für eine erweiterte Darstellung)

Wie stark das Verständnis einer Wohlstandsgesellschaft von Armut im Fluss ist, zeigen diese Zahlen: Mitte der Neunzigerjahre definierte die Mehrheit der Bürger Armut als kontinuierliche Abhängigkeit von der Unterstützung anderer. 40 Prozent stuften jemanden als arm ein, der seinen Lebensunterhalt nicht selbst bestreiten kann und ständig auf Hilfe angewiesen ist; 23 Prozent zogen den Kreis enger und definierten Armut über Obdachlosigkeit. Diese eng gefassten Interpretationen sind mittlerweile eine Minderheitenposition. Heute gilt in der Bevölkerung bereits als arm, wer ernsthafte Schwierigkeiten hat, den Lebensunterhalt zu bestreiten und einem ständigen Zwang zu Einschränkungen unterliegt (43 Prozent); 17 Prozent zählen alle zum Kreis der Bedürftigen, die nach Bestreiten des Lebensunterhalts nur noch geringe finanzielle Spielräume haben.

So schwer es ist, sich auf eine Definition von Armut zu verständigen, so breit ist der Konsens in der Bevölkerung über die Gegenstrategie – dass sich der Staat auf die Unterstützung armer Familien mit Kindern konzentrieren und dabei vorrangig in den Ausbau der Kinderbetreuung und die Bildung der Kinder investieren sollte.

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