Der Ökonom: Der Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft

Der Ökonom: Der Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft

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Soziale Marktwirtschaft: Auch Grundlage für die Agenda 2010 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder

Ludwig Erhard setzte die soziale Marktwirtschaft in Deutschland durch. Der geistige Schöpfer unserer Wirtschaftsordnung aber war seine rechte Hand: Alfred Müller-Armack.

Im Jahr 1946 glaubt in Deutschland noch niemand an Aufschwung und Wirtschaftswunder. Das Land ist zerstört, das Wirtschaftsleben wird von den Alliierten kontrolliert, viele Waren sind rationiert, die Preise festgeschrieben, es blüht nur der Schwarzmarkt. Wie soll das Land wieder aufgebaut werden? Und wie soll die künftige Wirtschaftsordnung aussehen? In Politik und Wissenschaft tobt darüber ein heftiger Grundsatzstreit zwischen Verfechtern eines freien und unregulierten Marktes angelsächsischer Prägung und den Befürwortern einer staatlichen Lenkungswirtschaft. Antikapitalistische Strömungen sind weit verbreitet, die CDU verabschiedet in ihrem Ahlener Programm unter anderem diesen Satz: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.“

In diesem Jahr schreibt Alfred Müller-Armack, Wirtschaftsprofessor an der Universität Münster, ein Buch. Es heißt „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ und beschreibt eine mögliche Synthese von marktwirtschaftlicher Ordnung und sozialer Gerechtigkeit. Von diesem dritten Weg hänge „das Schicksal unserer Zivilisation“ ab, glaubt der Ökonom. Zentrale Aufgabe der neuen Ordnung sei es, „das Prinzip der Freiheit auf dem Markte mit dem Prinzip des sozialen Ausgleichs zu verbinden“. Sein Konzept tauft er folglich auf den Namen: „soziale Marktwirtschaft“.

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Müller-Armacks Credo: Nur eine Marktwirtschaft mit freier Preisbildung, fairem Wettbewerb und individueller Freiheit kann das Land voranbringen – wenn gleichzeitig der soziale Frieden gewahrt bleibt und den Menschen eine Teilhabe am Wohlstand ermöglicht wird. Anders als in der reinen Lehre ist der Staat bei Müller-Armack kein „Nachtwächter“ im Sinne von Adam Smith, der nur den Rahmen setzt und sich ansonsten heraushält. Sondern er darf sozial- und konjunkturpolitisch aktiv werden, sofern die staatlichen Interventionen „marktkonform“ sind, also den Wettbewerb nicht verzerren. So propagierte Müller-Armack zum Beispiel dezidiert (und mit Erfolg) eine Einkommensumverteilung, etwa durch eine progressive Einkommensteuer. Sozialpolitisch motivierte staatliche Preiskontrollen hingegen lehnt er kategorisch ab. Mit Blick auf die Mietpreisregulierung in Nachkriegsdeutschland etwa konstatierte der Ökonom: „Es ist eine geradezu groteske Situation, dass gegenwärtig in Deutschland das knappste Wirtschaftsgut zum billigsten Preise abgegeben wird.“

Müller-Armack wurde 1901 als Sohn eines Krupp-Betriebsleiters in Essen geboren. Er studierte Nationalökonomie und Philosophie und wurde 1934 zum ordentlichen Professor an der Universität Köln berufen. Umstritten ist seine Rolle während der NS-Zeit. Fakt ist, dass er bereits 1933 in die NSDAP eintrat; er glaubte anfangs noch, die neuen Machthaber könnten die Wirtschaftskrise in den Griff bekommen. Politisch aktiv wurde der christlich geprägte Ökonom gleichwohl nicht.

Nach einem elfjährigen Intermezzo als Ökonom an der Universität Münster (1939–1950), kehrte Müller-Armack nach Köln zurück. 1952 holte ihn der damalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard als Leiter der Grundsatzabteilung nach Bonn, 1958 wurde er unter Erhard Staatssekretär und half ihm, das zunächst noch theoretische Konstrukt der sozialen Marktwirtschaft in die Praxis umzusetzen. „Müller-Armack war, anders als Erhard, ein christlicher Reformer, der den Markt als ein Instrument ansah, mit dessen Hilfe man Ziele verwirklichen konnte, die von christlichen Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit geprägt waren. Er hatte viel weniger Vertrauen in den Markt als Erhard“, schreibt der Erhard-Biograf Alfred Mierzejewski.

Was zudem weniger bekannt ist: Müller-Armack kämpfte für die Nachhaltigkeit staatlichen Handelns, lange bevor es diesen Begriff in der öffentlichen Debatte gab. Er erkannte früh den hohen Stellenwert von Bildung und Forschung für die rohstoffarme Volkswirtschaft Deutschlands und setzte sich massiv für den Ausbau von Hochschulen und moderne Ausbildungsstrukturen ein. Anfang der Sechzigerjahre rief er die „zweite Phase der sozialen Marktwirtschaft“ aus, zu deren Eckpfeilern er die Investition in Humankapital zählte.

Trotz seines Plädoyers für Umverteilung war Müller-Armack kein Anhänger eines allumfassenden Wohlfahrtsstaats. Er sah sehr wohl die Gefahren, die von übermäßiger Umverteilung auf die Leistungsbereitschaft ausgehen. Auch was die Akzeptanz seiner Ideen in der Bevölkerung angeht, war er bisweilen skeptisch. „Es darf angesichts der unleugbar negativen Ergebnisse der Wirtschaftslenkung überraschen, mit welcher Treue und Beständigkeit gleichwohl die öffentliche Meinung am Ideal der Wirtschaftslenkung festhält.“

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