Deutsche Bahn: Pendler sollen bald Intercity fahren

Deutsche Bahn: Pendler sollen bald Intercity fahren

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Nahverkehrsanbieter sehen sich von dem Plan der Deutschen Bahn bedroht, nach dem in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern ICEs zum Nahverkehrstarif fahren sollen

von Christian Schlesiger

Die Deutsche Bahn will Kleinstädte mit Intercitys verbinden. Das ist gut für die Fahrgäste, doch die Regionalbahnen befürchten Nachteile.

Für genervte Pendler in Westfalen könnte Burkhard Bastisch bald ein Held sein. Bis Dezember muss der Chef des Nahverkehrs Westfalen-Lippe (NWL) entscheiden, ob die Bürger ab Dezember 2019 mit einem Nahverkehrsticket den Intercity der Deutschen Bahn auf dem Weg von Hagen nach Siegen nutzen dürfen – ohne Aufpreis. Die Differenz zwischen Regionaltarif und Intercity-Preis für die rund 100 Kilometer übernähme der NWL.

Für andere wäre Bastisch dann jedoch eine Art Kollaborateur. 2019 läuft der aktuelle Nahverkehrsvertrag aus, Bastisch bastelt an den Details der Folgeausschreibung. Kooperiert der NWL künftig mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn, würde er den Regionalverkehr ausdünnen, weil er nicht mehr so viel Züge bräuchte.

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Die wichtigsten Baustellen der Bahn 2015

  • S-Bahn Berlin

    Von Mitte Januar bis Anfang Mai wird auf der Nord-Süd-Verbindung der Oberbau, die Leit- und Sicherungstechnik und der Tunnel unter die Lupe genommen. In dieser Zeit ist die Strecke zwischen Gesundbrunnen und Yorkstraße gesperrt. Von Ende August bis Ende November wird außerdem eine Brückenkonstruktion am erst 2006 eröffneten Berliner Hauptbahnhof saniert. Fernzüge halten dann im unteren Teil des Kreuzungsbahnhofs.

  • Hannover-Göttingen

    Mitte Mai sollen auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwölf Weichen erneuert werden. Während der Bauzeit wird die Strecke gesperrt. Der Fernverkehr wird von Hannover über die alte Strecke nach Göttingen umgeleitet. Das dauert 30 Minuten länger.

  • Köln-Frankfurt

    Von Mitte April bis Mitte Mai werden auf der ICE-Strecke 44 Kilometer Schienenstrang ausgewechselt. Dazu wird die Strecke durch den Westerwald an vier Wochenenden gesperrt. Die Züge werden dann am Rhein entlang fahren. Die Fahrzeit verlängert sich um 60 Minuten.

  • Köln-Aachen

    Die Strecke bekommt von Ende Juni bis Mitte August auf 22 Kilometern neue Gleise. Fernzüge fahren einen Umweg über Venlo und brauchen dafür 45 Minuten länger. Auf der Route Köln-Siegen werden im gleichen Zeitraum 35 Kilometer Gleise renoviert. Davon sind in der Bauzeit 77 Nahverkehrszüge betroffen, die durch Busse ersetzt werden.

  • Mannheim-Stuttgart

    Von Mitte September bis Ende Oktober werden auf der Schnelltrasse Gleise und Weichen ausgetauscht. Dafür wird die Strecke zwischen Kraichtal und Stuttgart-Zuffenhausen zeitweise gesperrt. Die Umleitung über die alte Strecke kostet 40 Minuten Fahrzeit.

  • Nürnberg-Ansbach

    Von Anfang März bis April wird ein zehn Kilometer langer Streckenabschnitt saniert. Zeitweise ist eine Sperrung nötig. Die Fernzüge der Linie Nürnberg-Karlsruhe werden über Treuchtlingen umgeleitet. Das dauert 40 Minuten länger als sonst.

  • München-Ingolstadt

    Auf dieser Route wird voraussichtlich noch bis August 2015 die Schienentechnik erneuert, damit Züge künftig dort mit Tempo 200 fahren können. Dabei muss ein alter Damm saniert, Gleise erneuert und neue Signalkabel verlegt werden. Ein Teil der Fernzüge muss über Augsburg umgeleitet werden. Das führt zu einer 30 Minuten längeren Fahrzeit.

Beim derzeitigen Betreiber Abellio ist man entsprechend nervös. Die niederländische Staatsbahn-Tochter rechnet sich gute Chancen auf Fortsetzung des Auftrags aus. Sollten dem Schienenpersonennahverkehr Strecken ohne Ausschreibung weggenommen werden, „werden wir uns mit allen Mitteln gegen diese monopolitischen Bestrebungen wehren“, sagt Abellio-Chef Stephan Krenz.

"Hoch bedenklich"

Mit dieser Warnung steht er nicht allein. Seitdem die Deutsche Bahn angekündigt hat, bis 2030 alle Städte ab 100.000 Einwohnern an das Intercity-Zugnetz anzubinden, ist die Nahverkehrsbranche in Aufruhr. Der Staatskonzern bietet den Bundesländern an, Intercity-Teilstrecken für Nahverkehrskunden gegen einen Tarifausgleich freizugeben. Die Regionalbahnbetreiber Abellio, Transdev, Netinera und Benex sehen darin „schwerwiegende negative Auswirkungen“ auf den Nahverkehrsmarkt, wie sie in einem Brandbrief an die Verkehrsminister der Länder schreiben. Die Ausweitung des Fernverkehrs der Bahn von 130 auf 162 Millionen Zugkilometer würde durch öffentliche Subventionen kofinanziert. Dies sei wettbewerbsrechtlich „hoch bedenklich“.

Das Geschäftsjahr 2014 der Deutschen Bahn

  • Das Geschäftsjahr 2014...

    Das Geschäftsjahr 2014 der Deutschen Bahn im Vergleich zum Vorjahr und zur Konzernplanung.

    Quelle: PwC, Deutsche Bahn

  • Schienenpersonenverkehr

    2014: 79,8 Milliarden Personenkilometer

    Veränderung zu...

    2013: -0,7 Prozent

    Plan: -2,3 Prozent

    Quelle: PWC, Deutsche Bahn

  • Verkehrsleistung im Schienengüterverkehr

    2014: 102,8 Milliarden Tonnenkilometer

    Veränderung zu...

    2013: -1,4 Prozent

    Plan: -2,8 Prozent

  • Umsatz

    2014: 39,7 Milliarden Euro

    Veränderung zu...

    2013: +1,5 Prozent

    Plan: k. A.

  • Eigenkapitalquote

    2014: 26 Prozent

    Veränderung zu...

    2013: -7,8 Prozent

    Plan: -15 Prozent

  • Operativer Gewinn nach Zinsen, vor Steuern

    2014: 1,3 Milliarden Euro

    Veränderung zu...

    2013: -7,8 Prozent

    Plan: -6,2 Prozent

Die Deutsche Bahn sieht das ganz anders. Das Angebot an die Länder sei „freiwillig“, betont der neue Personenverkehrsvorstand Berthold Huber. „Wir reden hier im Übrigen nur von drei Prozent des Gesamtmarktes.“ Man werde den Fernverkehr zudem unabhängig von Vereinbarungen mit den Ländern ausweiten.

Die Kommunen wollen Doppelstock-ICEs

Gleichwohl starten neue Intercity-Routen auffällig oft genau dort, wo Nahverkehrsverträge auslaufen. Der Bahn bringen solche Deals viel Geld. So verdient der Konzern auf der Strecke von Bremen nach Norddeich, wo Nahverkehrskunden seit 2013 im Intercity mitfahren dürfen, rund zwei bis drei Millionen Euro pro Jahr. Die Intercity-Verbindung von Stuttgart nach Zürich, auf der auf Teilstrecken ab 2017 Nahverkehrstickets akzeptiert werden, bringt knapp neun Millionen Euro pro Jahr. Auch in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt es Beispiele.

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Die Politik ist alarmiert. „Noch sind das Einzelfälle“, sagt Kirsten Lühmann, SPD-Sprecherin für Verkehr und Aufsichtsrätin bei der Bahn. „Aber wenn die Ausnahme zur Regel wird, habe ich ein Problem damit. Staatliche Mittel, die für den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stehen sollen, dürfen nicht einfach an die Deutsche Bahn zur Mitfinanzierung des Fernverkehrs weitergeleitet werden.“

Auf kommunaler Ebene dürfte der Wunsch, solche Deals einzugehen, indes zunehmen. Die Bahn bestellte bei Bombardier 44 schicke Züge mit Doppelstockwagen für den Intercity-Verkehr. Die ersten rollen ab Dezember auf der Strecke Bremen–Norddeich. Solche Züge wollen auch andere haben. NWL-Chef Bastisch: „Weiße Züge mit roten Streifen machen Bürgermeister ganz narrisch.“

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