
Frankfurt Wann immer man in diesen Krisenzeiten durchs Frankfurter Bankenviertel streift, wen immer man dabei auch sieht und trifft und spricht – stets hat man es mit Geiseln, Opfern, Getriebenen und Gefangenen zu tun. Vor der Krise mit Geiseln des kapitalistischen Systems und seiner Funktionslogik.
Auf dem Höhepunkt der Krise mit Opfern der Medien. Im weiteren Verlauf mit Getriebenen der Politik. Seit ihrem vorläufigen Ende mit Gefangenen von frischen Ertragszielen und überschüssiger Liquidität. Das Geld sucht sich den Weg zurück in den Markt, sagt der Gesellschafter einer feinen Privatbank, die nächste Krise kommt bestimmt. Nicht die Wirtschaft, allein der Performance-Druck treibt die Kurse, sagt ein Booz-Boston-Bain-McKinseyaner, die Grundkultur der Gier sei nun mal nicht zu ändern.
Die besten Finanzmarkt-Söldner werden sich auch in Zukunft die Höhe ihrer Boni selbst festschreiben, sagt der Abteilungsleiter eines führenden Geldhauses – oder beim nächsten Institut anheuern. Wir haben das Tschernobyl des Finanzmarktkapitalismus erlebt, sagt einer, der der Branche den Rücken gekehrt hat, aber auch nach Tschernobyl habe niemand die Atomkraftwerke abgeschaltet.
In Frankfurt ist es wie im Zoo
Nirgends in Deutschland gehen Freiheit und Fatalismus, Allmachtsfantasien und Ohnmachtsgefühle so nahtlos ineinander über wie in Frankfurt; nirgends liegen Laisser-faire und Zwang so dicht beieinander, nirgends sind liberale Grundhaltung und zünftiger Marktgehorsam so eng miteinander verschränkt.
Wenn es tatsächlich so etwas wie Raubtierkapitalismus in Deutschland gibt, dann müssten sich im Frankfurter Bankenviertel Löwen tummeln, mit hochgezogenen Lefzen, auf Beutejagd nach Boni und Renditen. Tatsächlich aber begegnet man nur stolz herausgeputzten Tieren, die eingesperrt sind und daher verhaltensauffällig, die zwanghaft hin und her laufen, ständig mit ihren Köpfen nicken und immer wieder in die gleichen Stereotypien und krankhaften Bewegungsmuster zurückfallen.
Es ist wie im Zoo. Auf den ersten Blick erwecken die Löwen Eindruck. Auf den zweiten Mitleid. Zugerichtet, gierig und teilnahmslos machen sie sich über die Fleischtöpfe her.
Walter war einmal der zweitwichtigste Banker in Deutschland
Herbert Walter, ein ehemaliges Alphatier im Frankfurter Bankenzoo, ist vor einem halben Jahr ausgebüxt. Nicht ganz freiwillig, wie man sich erinnert, aber was soll’s: Auch geschenkte Freiheit öffnet Horizonte, weitet den Blick.
Walter war einmal der zweitwichtigste Banker in Deutschland, Chef der Dresdner, der "Beraterbank", hoch oben im Gehalts- und Bonihimmel, umgeben von lauter Beratern, Einbläsern und Chefflüsterern, die sich vortrefflich auf den Umgang mit Flipcharts, Excel und PowerPoint verstanden und die ihn ständig mit Zahlen, Kurven, Säulengrafiken und Marktpreisrisikomodellen eindeckten, ganz so, wie Walter es mochte. Stundenlang konnte Walter sich Schaubilder ansehen, die das grüne Band der Sympathie zierte.
Heute, nach dem Verkauf der Dresdner an die Commerzbank, blickt Walter lieber auf das grüne Band Stadtnatur vor seinem Fenster. Er hat ein Büro gleich gegenüber dem Palmengarten bezogen, fünf mal zehn Meter, Schreib- und Konferenztisch, vier Stühle, ein Stehpult, ein Fernseher, blaugrauer Teppich auf dunkelbraunem Parkett. Walter trägt noch immer Frankfurter Uniform, dunkelblauer Anzug, eingestickte Initialen im Hemd.
Er sieht sagenhaft gut aus für seine 56 Jahre, seine ganze Erscheinung ein Ausdruck von sportlicher Disziplin und Genusskontrolle. Walter ist noch immer gut im Geschäft, versteht sich. Er ist Berater, Industrieexperte, sitzt da und dort im Aufsichtsrat.
Und doch hat Walter in den vergangenen Monaten viel Zeit gehabt, um über sich, seine Frankfurter Funktionstüchtigkeit und über die Mechanismen der Finanzindustrie nachzudenken. Zum ersten Mal seit 30 Jahren.










