Die Deutschen irren sich: Falscher Blick auf die Welt

Die Deutschen irren sich: Falscher Blick auf die Welt

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Zeitungsständer stehen vor einem Kiosk. Die Medien prägen unsere Sicht auf die Welt.

von Tim Rahmann und Niklas Dummer

Eine weltweite Umfrage zeigt: Deutsche, Briten und Franzosen schätzen die gesellschaftliche und politische Lage in ihrem Land völlig falsch ein. In welchen Punkten wir uns besonders irren – und warum das so ist.

Jede siebte junge Frau zwischen 15 und 19 Jahren bekommt ein Kind, jeder fünfte Bundesbürger ist Muslim und die Mordrate ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Welche Aussage ist falsch? Die Antwort: Alle drei Aussagen.

Die Bundesbürger haben einen völlig falschen Blick auf die Welt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Ipsos.

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Demnach überschätzen die Deutschen sowohl die Zahl der Einwanderer in Deutschland als auch die Zahl der Teenagergeburten. Hingegen unterschätzen sie die Zahl der Bürger, die bei Wahlen ihre Stimme abgeben.

Immerhin: Damit sind die Deutschen in bester Gesellschaft. Die Marktforscher erstellten die Studien nämlich in 14 Ländern. Das Ergebnis ist überall gleich: Der Blick auf die gesellschaftliche und politische Lage ist verzerrt.

Neun Fragen, neun Fehleinschätzungen

  • Mordrate

    49 Prozent der Befragten über Ländergrenzen hinweg glauben, dass die Mordrate in ihrem Land gestiegen ist. Nur 27 Prozent sagten aus, die Zahl der Tötungsdelikte je Einwohner sei gesunken. Dabei ist der Trend in allen 14 Ländern, die untersucht wurden, eindeutig: Die Mordrate geht zurück. Vor allem die Briten überschätzten die Gefahr, Opfer eines Mordanschlags zu werden.

  • Zahl der Muslime

    Wie viele Menschen je 100 Einwohner sind muslimischen Glaubens? 31, glauben die Franzosen. Dabei sind es nur acht. Ähnlich die Zahlen in Deutschland: Hier glauben die Befragten, dass 16 Prozent der Mitbürger muslimischen Glaubens sind. Tatsächlich sind es nur sechs Prozent.

  • Zahl der Christen

    Volltreffer für die Deutschen: Die Befragten tippten im Durchschnitt, dass 58 Prozent der Bundesbürger Christen sind. Genau richtig! In fast allen Ländern wurde die Zahl der Christen unterschätzt, vor allem in den USA, wo 78 Prozent christlichen Glaubens sind, der Tipp aber nur bei 56 Prozent lag.

  • Einwanderung

    Die Zahl der Einwanderer wird international völlig überschätzt. 23 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen seien Einwanderer, glauben die Deutschen. Falsch. Es sind nur 13 Prozent. Voll daneben liegen die Italiener. (Anteil der Einwanderer an der Gesamtbevölkerung: sieben Prozent. Tipp: 30 Prozent).

  • Zahl der Senioren

    Deutschland wird immer älter. So weit, so richtig. Doch wie sieht es konkret aus? Wie viele von 100 Bundesbürger sind über 65 Jahre alt? 40, sagen die Deutschen. Es sind nur 21. Auch hier beweisen die Italiener das schlechteste Gespür. Sie glauben, 48 Prozent der Bürger Italiens seien im rentenfähigen Alter. Dort sind es aber ebenfalls 21 Prozent.

  • Wahlbeteiligung

    Die Wahlbeteiligung in Deutschland sinkt tendenziell. Aber längst nicht so dramatisch, wie es die Mehrheit glaubt. 58 Prozent der Wahlberechtigten hätten bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme abgegeben, tippen die Deutschen. Es waren 72 Prozent. Voll daneben lagen, genau, Italiener (54/74) und Franzosen (57/80).

  • Arbeitslosigkeit

    In Deutschland ist jeder Fünfte arbeitslos. Glauben zumindest die Befragten der Ipsos-Studie. Tatsächlich sind es derzeit gut sechs Prozent. Die Italiener glauben gar, jeder zweite Landsmann sei ohne Job. In Wirklich sind es aber „nur“ zwölf Prozent.

  • Teenagerschwangerschaften

    Dramatisch überschätzt wird die Zahl der Teenagerschwangerschaften. Im Durchschnitt glaubten die Befragten der 14 untersuchten Länder, dass 15 Prozent der 15- bis 19-Jährigen ein Kind zur Welt bringen. Es sind nur 1,2 Prozent. Vor allem die Briten überschätzen die Zahl.

  • Lebenserwartung

    Wie alt werden Neugeborene? 89 Jahre alt, glauben die optimistischen Südkoreaner. Dabei können die Babys von heute im Schnitt auf ein Alter von 80 Jahren hoffen. Ebenso in Deutschland. Hier lag der Tipp bei 82 Jahren – und damit knapp drüber. 

Warum? Eine zentrale Rolle spielen dabei die Massenmedien. Tages- und Wochenzeitungen, das Fernsehen und die Nachrichtenseiten im Internet tragen Ereignisse in die Welt. Fast alles, was wir über die Welt wissen, erfahren wir in den Medien - das wusste schon der berühmte Soziologe Niklas Luhmann. Doch hier beginnt das Problem: „Wir haben zu den allerwenigsten Themen, die gesellschaftlich relevant sind, persönliche Erfahrungen“, sagt Klaus Meier, Medienwissenschaftler an der Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Warum die Verzerrung wichtig ist

Das Weltbild, das sich ein jeder durch seinen Medienkonsum bastelt, ist stark verzerrt – aus gutem Grund: „Die Medien dienen der Gesellschaft als Frühwarnsystem“, sagt Meier. Sie spiegeln keineswegs die Realität wieder, so wie sie ist. „In freien Gesellschaften liegt der Fokus des Journalismus auf Problembereichen.“ Mit anderen Worten: Er solle gefährliche Entwicklungen in der Gesellschaft aufzeigen, auf die sich Politik, Wirtschaft und die Bürger einstellen müssen.

Das sei überlebenswichtig, wie ein Blick auf die DDR zeige, so Meier. „Dort wurde alles schöngeredet, es gab kein Warnsystem.“ Solche Gesellschaften neigten dazu, zu Bruch zu gehen.

Doch was ist mit Boulevardmedien, die sich mit Vorliebe auf Geschichten voller Gewalt, Skandale und Problemen stürzen? Sind sie für eine Gesellschaft hilfreich?

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