Die Megatrends: Blick in die Zukunft - Seite 10

Die Megatrends: Blick in die Zukunft

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Megatrend Arbeitswelt: Bunt und flexibel Die Arbeitnehmer werden künftig zu Unternehmern in eigener Sache – die Unsicherheit wächst, aber auch die Freiheit. Manchmal fängt die Zukunft ganz harmlos an. Da rauft sich eine Handvoll junger Leute in Berlin zusammen, gründet ein virtuelles Unternehmen und nennt es Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA). Ihr Anspruch laut Web-Site: „neue Formen der Kollaboration zu etablieren“. Es gibt kein Firmengebäude, niemand ist fest angestellt, gearbeitet wird projektweise und mehr spielerisch als gewinnorientiert. „Wir hatten das Gefühl, dass es so was geben müsste“, sagt Mitgründer Holm Friebe. Montagabends hocken die Mitarbeiter regelmäßig in Kreuzberg zusammen, um alles mal durchzusprechen; ansonsten gibt es keine festen Arbeitszeiten. Daneben kann jeder machen, was er will: Friebe zum Beispiel, studierter Volkswirt, schreibt Bücher, arbeitet für Werbeagenturen, gibt Seminare. Er und seine Mitstreiter sind überzeugt, dass die ZIA Schule machen wird. Die „leibeigene Festanstellung“, wie sie es süffisant nennen, sei ein Auslaufmodell. Tatsächlich befindet sich die globale Arbeitswelt derzeit in einem radikalen Umbruch, der die gelebte Zukunftsvision der Berliner Paradiesvögel gar nicht mehr so abseitig erscheinen lässt. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts bestimmte noch das Paradigma der tayloristischen Massenproduktion die Struktur der Unternehmen: strenge Hierarchien, klar vorgegebene Arbeitsanweisungen, Polarität von Unternehmensleitung und Belegschaft. Das ändert sich nun: Angetrieben von Globalisierung, technischem Fortschritt und immer individuelleren Kundenwünschen, treten an die Stelle der alten Hierarchien flexible Netzwerke und Teamstrukturen. Feste Handlungsanweisungen werden durch Zielvorgaben ersetzt. Gleichzeitig werden Stammbelegschaften reduziert, der verbleibende Kern von festen Angestellten nach Bedarf durch flexible, zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse ergänzt. Dieser Prozess, da sind sich die Experten einig, dürfte die Arbeitswelt in den kommenden Jahrzehnten ähnlich stark verändern wie im 19. Jahrhundert die industrielle Revolution. Was heute noch normal ist, wird dann zur Ausnahme: Nur 30 bis 40 Prozent der Beschäftigten, schätzt Trendforscher Matthias Horx, dürften in der Mitte des 21. Jahrhunderts noch feste Arbeitsverträge haben. Befristete Jobs und Selbstständigkeit nehmen dafür zu (siehe Grafik). Die Erwerbsbiografien, die schon heute immer seltener so stromlinienförmig und beamtenartig verlaufen wie die unserer Eltern, werden in so einer Welt noch unsteter und bunter. Jobwechsel und Umzüge werden zunehmen, dazwischen ist man vielleicht mal eine Zeitlang arbeitslos oder befristet angestellt. „Die Erwerbsarbeit“, so der Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka, „wird elastischer, poröser, fluider.“ Das Gleiche gilt für die Büros. Im flexiblen, projektgesteuerten Netzwerk-Unternehmen von morgen wechseln auch die Arbeitsumgebungen häufiger, Arbeitsplätze verschwinden ins digitale Paralleluniversum – und finden sich in der realen Welt einfach da wieder, wo man das Notebook einstöpselt. Gleichzeitig verschwimmen auch die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. Abends setzt man sich noch mal zu Hause an den Computer, um die E-Mails zu checken oder etwas fertigzustellen. Das Handy bleibt am Wochenende an, im Urlaub wird täglich die Mailbox abgehört. Der traditionelle Neun-bis-fünf-Uhr-Job stirbt aus, die Arbeitszeiten werden länger und vor allem flexibler. Vielfach gilt das schon heute – für Wissensarbeiter und Kreativjobs sowieso, aber auch für einfache Arbeit. Beispiel Einzelhandel: Selbst in Deutschland haben die Geschäfte jetzt immer länger geöffnet, in Amerika kann man schon seit vielen Jahren rund um die Uhr shoppen. Der US-Einzelhandelsriese Wal-Mart setzt jetzt sogar noch eins drauf: Künftig soll es bei Wal-Mart gar keine festen Arbeitszeiten mehr geben, verkündete der Konzern Anfang des Jahres. Stattdessen müssen sich die Mitarbeiter bereithalten, dann an der Kasse zu stehen oder Popcorn in die Regale zu räumen, wenn der Kunde einkaufen will. Für die Beschäftigten bedeutet das alles: Sie werden künftig immer mehr Verantwortung tragen – in den Unternehmen und auch für sich selbst. Wer in der fluiden Arbeitswelt von morgen oben schwimmen will, der muss gut vernetzt und bereit sein, immer dazuzulernen und sich weiter zu qualifizieren. Das Schöne daran: Auch der leidige alte Konflikt zwischen Arbeit und Kapital könnte dann endlich obsolet werden. „Irgendwann ist nicht mehr klar, wer Arbeiter ist und wer Unternehmer“, sagt Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Mit weitreichenden Folgen für die Interessensvertreter: „Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände müssen sich an die Veränderungen anpassen“, so Schneider, „sonst drohen sie in Bedeutungslosigkeit zu versinken.“ Auch das Bildungssystem wird nicht einfach so bleiben können, wie es ist. „Es gibt keine zukunftssicheren Berufe mehr“, sagt Trendforscher Horx. Entsprechend werden Schulen und Universitäten immer stärker darauf achten müssen, „weiche“ Fähigkeiten zu vermitteln, die zu Teamarbeit, Kommunikation und Selbstlernen befähigen. Studienzeiten müssen kürzer werden, um Platz zu schaffen für Weiterbildungsphasen während des Berufslebens. Bisher erzeugen diese Veränderungen in den Industrieländern vor allem eines: Angst vor sozialem Abstieg. In Deutschland kam bei einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung heraus, dass die Hälfte der Befragten fürchtet, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. Der wachsenden Verunsicherung stehen aber auch gewaltige Chancen gegenüber. Je flexibler die Arbeitswelt wird, umso einfacher wird es, Beruf und Privates miteinander zu vereinbaren – Familie, Hobbys, ehrenamtliche Tätigkeiten. Die Revolution der Arbeitswelt bringt nicht nur Zumutungen mit sich, sondern auch die Befreiung aus dem Korsett des tayloristischen Arbeitsregimes, in dem der Rhythmus der Maschinen dem Menschen aufgezwungen wurde. Jetzt kommt es darauf an, dass wir den Wandel gestalten. Historiker Kocka: „Viel hängt davon ab, was wir tun.“ rolf.ackermann@wiwo.de

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