Megatrend Frauen: Bessere Lösungen Typisch weibliche Qualifikationen sind im 21. Jahrundert gefragt – und begünstigen den Aufstieg der Frauen in Top-Positionen. Im prachtvollen Salon Murat des französischen Präsidentenpalasts Elysée empfängt Hausherrin Ségolène Royal zwei ihrer wichtigsten Verbündeten, US-Präsidentin Hillary Clinton und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Damen-Trio erörtert an dem ovalen Konferenztisch die angespannte Lage in Nahost, die Folgen des Klimawandels und die Schwäche des Dollar. So weiblich könnte Weltpolitik im Jahre 2009 aussehen. Nach Merkel in Berlin schicken sich nun mit der Französin Royal und der Amerikanerin Clinton zwei weitere Politikerinnen an, die Machtzentralen in ihren Ländern zu erobern. In anderen Staaten wie Südkorea, Finnland oder Neuseeland gibt es schon weibliche Regierungschefs oder Präsidenten. Auch in der Wirtschaft gelangen immer mehr Frauen auf Chefposten. Die Fernsehunternehmerin Arzuhan Dogan Yalcindag übernahm im Januar den Vorsitz des türkischen Unternehmerverbandes Tüsiad, KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier ist die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großbank, und die Inderin Indra Nooyi führt seit einigen Monaten den US-Getränkekonzern Pepsico. In den USA sind heute 16,4 Prozent der Vorstandsmitglieder der 500 größten Konzerne weiblich – Tendenz steigend. Die Frauen sind im Kommen – und immer häufiger schaffen sie es auch bis nach ganz oben. Vieles spricht dafür, dass sie in diesem Jahrhundert den Durchbruch schaffen. Trends wie die Entwicklung zur Wissensgesellschaft und einer Arbeitswelt voller Netzwerke und flacher Hierarchien begünstigen ihren Aufstieg. „Der Vormarsch der Frauen in die gesellschaftlichen Machtbastionen ist nachhaltig und andauernd“, sagt der Trendforscher Matthias Horx. In einer Gesellschaft, in der Bildung zur zentralen Ressource für künftigen Wohlstand wird, haben Frauen die besseren Karten. Das zeigt sich bereits in der Schule: Mädchen lernen schneller und besser als Jungen. 1950 war ein Drittel der Abiturienten in Deutschland weiblich, heute sind es knapp 60 Prozent. Frauen machen hierzulande mehr als die Hälfte der Studenten aus, und sie studieren schneller, effektiver und mit den besseren Abschlüssen. In den USA kommen inzwischen auf 100 Männer mit höherer Schulbildung 140 Frauen. „Die Bildung ist in den vergangenen 30 Jahren von den Männer zu den Frauen umverteilt worden“, beobachtet Horx. Für die veränderte Arbeitsweltsind die Frauen besser gerüstet. Die klassischen Industrieberufe, eine Domäne der Männer, fallen zunehmend weg, an ihre Stelle treten serviceorientierte und wissensgeprägte Jobs. Die Großorganisation ist auf dem Rückzug, Netzwerke mit flachen Hierarchien ersetzen sie. In dieser neuen Berufswelt sind die sogenannten weiblichen Qualifikationen wie Team- und Dialogfähigkeit, emotionale Intelligenz und Organisationstalent mehr denn je gefragt. „Frauen haben viel mehr den ganzheitlichen Blick“, sagt Peter Brabeck-Letmathe, Chef des Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé, „sie werden deshalb eine wachsende Rolle dabei spielen, eine neue Unternehmenskultur für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.“ Schon heute setzen viele Unternehmen auf Frauen und fördern sie im Rahmen sogenannter Diversity-Programme. So hat der amerikanische Konzern General Electric seit 1998 ein eigenes Frauennetzwerk. GE-Managerinnen tauschen dort ihre Erfahrungen aus und finden Mentorinnen. Die Initiative zeigt erste Erfolge: Vor acht Jahren waren erst sechs Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt, heute ist der Anteil mehr als doppelt so groß. Der französische Ölmulti Total hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2010 zwölf Prozent des Top-Managements mit weiblichen Führungskräften zu besetzen, heute liegt die Quote bei sieben Prozent. Es tut sich etwas in den Konzernen. Das hat Gründe. Zum einen können die Unternehmen es sich nicht länger erlauben, die halbe Menschheit von ihrem Managementpool auszuschließen. Besonders in westlichen Industrieländern werden angesichts der rückläufigen Geburtenrate die Talente knapp. Volkswirte bemängeln deshalb die geringe Frauenerwerbsquote in Europa, die mit rund 54 Prozent elf Prozentpunkte niedriger ist als in den USA – eine Ursache für Europas schwaches Wirtschaftswachstum. Zum anderen können die Konzernherren nicht länger ignorieren, dass weibliche Chefs gut für das Geschäft sind. In einer Zehn-Jahres-Studie fand das Ökonomenpaar Nina und Valdemar Smith im Auftrag des dänischen Sozialministeriums heraus, dass Firmen, deren Leitung mit mehr Frauen besetzt sind, rentabler arbeiten. Eine Studie der New Yorker Frauenförderorganisation Catalyst belegt: Unternehmen mit einem hohen Frauenanteil in der Führung erwirtschaften bis zu 35 Prozent bessere Unternehmenszahlen als solche mit dem geringsten Frauenführungsanteil. Das mag auch daran liegen, dass Teams aus Männern und Frauen bessere Ideen entwickeln als gleichgeschlechtliche Gruppen. Patricia Russo, Chefin des Telekommunikationsausrüsters Alcatel-Lucent, hat diese Erfahrung gemacht: „Sie bekommen bessere Lösungen, wenn sie mit gemischten Teams arbeiten.“ Der Vormarsch der Frauen basiert aber auch auf ihrer Konsumstärke. Frauen erledigen zwar traditionell die Einkäufe, doch jetzt haben sie ihr selbst verdientes Geld zum Ausgeben. Umfragen belegen, dass Frauen heute bis zu 80 Prozent der Kaufentscheidungen in einem Haushalt treffen – und somit den Erfolg zahlreicher Produkte bestimmen. Diese weibliche Konsummacht hat bereits konkrete Auswirkungen auf die Personalpolitik von Konzernen: „Je mehr weibliche Verbraucher sie haben, desto eher achten Unternehmen darauf, wie viele Managerinnen sie beschäftigen“, sagt Catalyst-Präsidentin Ilene Lang. So werden beispielsweise die US-Konsumgüterriesen Kraft Foods, Sara Lee und Pepsico von Frauen geführt. Letztlich kommt auch der Sinneswandel so mancher Konzernlenker den Frauen zugute. Den beruflichen Erfolg, den sie den Ehefrauen oft noch verwehrten, wollen sie ihren Töchtern ermöglichen. So erklärte Carlos Ghosn, Chef der Autobauer Renault und Nissan und Vater von drei Mädchen und einem Jungen, auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Frauen: „Ich möchte mir nicht vorstellen, dass eine meiner Töchter mir eines Tages sagt: ,Ich habe den Job nicht bekommen, weil ich eine Frau bin.‘“ Bei Renault und Nissan kümmert Ghosn sich deshalb jetzt auch um die Förderung von Frauen.» annette.ruess@wiwo.de
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