Megatrend Internet: Welt im Netz Das Netz wird allgegenwärtig, es steuert Häuser, Autos und Märkte und dringt in die entlegensten Winkel der Welt vor. Am 2. Januar 2050 treffen sich die Regierungschefs der führenden Wirtschaftsnationen ausnahmsweise mal wieder persönlich zum Gipfel. Mehr aus Nostalgie denn aus Notwendigkeit: Weil es effizienter ist, finden seit 20 Jahren alle internationalen Gipfeltreffen per virtueller Videokonferenz statt. Nun aber kommen sie in Kapstadt zusammen, um den Aufbruch in die zweite Hälfte des Jahrhunderts zu feiern, gekrönt von einem internationalen Prestigeprojekt: Die gesamte Welt ist nun von einem leistungsfähigen Datennetz abgedeckt, dessen Keimzelle das frühere Internet ist. Als letzter Kontinent wurde nach Asien nun auch Afrika komplett ans globale Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen, das fast zehn Milliarden Menschen erreicht. Finanziert hat das Vorhaben die Weltgemeinschaft – angeführt von China, Indien, Russland und den USA. Nach 2030 hatte das Vorhaben an Fahrt gewonnen. Dank dem Boom der privaten Raumfahrtindustrie konnten weit mehr Fernmeldesatelliten im Orbit platziert werden als ursprünglich vorgesehen. Sie wurden auf den zahlreichen Rohstoffexpeditionen ins All als Geste des guten Willens der neuen Wachstumsindustrie mitgenommen und ausgesetzt. Geholfen haben auch die vielen Innovationen bei Glasfaser- und Mobilfunknetzen sowie Akkutechnologien. Batterien sind so leistungsstark geworden, dass selbst streichholzschachtelgroße Versionen ein ganzes Jahr lang Strom liefern. Solche mobilen Energiespeicher sind extrem wichtig. Denn 80 Prozent der Menschheit, vor allem in den Entwicklungsländern, besitzen keinen klassischen Computer. Kommuniziert wird hauptsächlich über einen persönlichen Kommunikator, einen Nachfolger des Mobiltelefons, das den Personalcomputer als bevorzugten Zugang zum Internet abgelöst hat. Die Premiumversionen der Internethandys beamen ihre Informationen auf berührungsempfindliche Wände und Schreibtische. So oder so ähnlichkönnte sie aussehen, die Zukunft des Internets. Es wird weltweit ausgebaut, es wird mobil und fügt sich als eine Art unsichtbarer Service in den Alltag ein – so das Fazit einer im September veröffentlichten Studie des Pew Internet & American Life Project. Das Institut aus Washington D. C. hat 742 Visionäre, Forscher und Analysten aus der ganzen Welt befragt, wie sie sich die Welt und das Internet im Jahr 2020 vorstellen – und welche Folgen der technische Fortschritt auf unser Leben haben wird. Die Mehrzahl der Experten ist optimistisch und erwartet ein kostengünstiges Internet, das weltweit Zugriff auf Informationen bietet und globale Innovation forciert. Eintrittspforten in den Cyberspace werden Mobilfunknetze sein, das Internet wird drahtlos. Zwar wird die „digital divide“ – der Informationsgraben zwischen den entwickelten Ländern und der Dritten Welt – in so kurzer Zeit nicht überwunden. Doch das Internet wird helfen, Talente in benachteiligten Regionen zu entdecken, sie einzubinden, und besseren Zugriff auf die Informationsschätze der Welt geben. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wird sich damit der gesamte Pool an Intelligenz und Kreativität für Innovationen nutzen lassen. Allerdings hat das einen Preis: „Privatsphäre ist ein Ding der Vergangenheit“, meint Berkeley-Professor und Google-Berater Hal Varian. Wobei viele Menschen damit womöglich kein großes Problem ha-»ben: Schon heute publizieren Millionen persönliche Informationen im Internet in sogenannten sozialen Netzwerken, die Blogger-Gemeinde wächst und wächst. Die Datensammelei erreicht in wenigen Jahrzehnten eine neue Qualität, weil „nahezu jeder Gegenstand mittels einer eigenen Adresse ins Internet eingebunden wird“, glaubt der Internetpionier Bob Metcalfe. Der technologische Grundstock dazu wird gerade gelegt, beginnend mit Sensoren, Funk, GPS-Chips sowie Kameras, die den Verkehr und ganze Stadtviertel beobachten, den Stromverbrauch zu Hause und im Büro aus der Ferne regulieren, automatisch Waren anfordern und versuchen, die Vorlieben ihrer Benutzer beim Planen von Terminen und Projekten und in der Freizeitgestaltung zu ergründen. Über das Internet verbundene Gegenstände, gekoppelt mit unerschöpflichem Speicherplatz und an menschliche Intelligenz heranreichende Analysesoftware, bereiten den Weg für neue, smarte Maschinen in Form von Robotern. Diese können nicht nur im Internet effizient nach den gerade benötigen Informationen suchen – sondern sie auch erstmals deuten. „Sie werden unsere Lebensqualität verbessern und uns von stumpfsinniger Plackerei befreien“, glaubt Rob Atkinson von der Information Technology & Innovation Foundation, einem IT-Think-Tank in Washington. Das Internet wird intelligent? Zu welchen Veränderungen wird das führen, wenn neue Techniken immer stärker die menschliche Intelligenz nachahmen und den Alltag organisieren? Ist dies vielleicht sogar – eine Bedrohung? Manchen wird die Entwicklung unheimlich. „Irgendwann nach 2020 werden unsere Maschinen intelligent, sich rasend schnell entwickeln und uns schließlich als Haustiere behandeln“, prophezeit der prominenteste Zukunftsforscher des Silicon Valley, Paul Saffo, mit dem ihm eigenen schwarzen Humor. Aus den Datenschätzen des Internets entstandene Roboter mit übermenschlichen Fähigkeiten erwartet auch Ian Pearson, Chef-Zukunftsforscher der British Telecom. Er dreht seine Vision aber noch eine Stufe weiter. Wenn sich intelligente Maschinen künstlich schöpfen lassen, kann man auch humane Wesen digitalisieren. Im Jahr 2050, so meint Pearson, könne es möglich sein, dass das Individuum selber Teil des Internets wird – als unsterbliche, digitale Kopie seines Bewusstseins. Doch mit diesen düsteren Szenarien gehören Saffo und Pearson noch zu einer Minderheit. Das positive Szenario lautet: Der technische Fortschritt wird vor allem den Einwohnern der entwickelten Staaten in den kommenden Jahrzehnten das Arbeiten und Leben erleichtern. Er wird ihnen helfen, effektiver zu arbeiten, um der Konkurrenz aus den früheren Billiglohnländern, die immer näher heranrücken, weiterhin einen Schritt voraus zu sein. Die Angst vor einer Klimakatastrophe dürfte den Siegeszug des Netzes noch fördern. Wenn möglich, wird in der Zukunft überwiegend dezentral gearbeitet, mit Kollegen, Vorgesetzten und Geschäftspartnern zusammengeschaltet über das Datennetz. Die Software wandert vollständig ins Internet. Google wird Microsoft als größten Softwareanbieter der Welt ablösen. Besprechungen sind durch Videokonferenzen ersetzt, die so real wie tatsächliche Zusammenkünfte wirken. Wer über Expertenwissen verfügt, kann sich gleich bei mehreren Unternehmen verdingen. Eine neue Generation von Suchmaschinen, gekoppelt mit leistungsstarken Computern, wird den in Europa und USA angehäuften technologischen Wissensschatz besser ausbeuten und der ganzen Menschheit zugänglich machen. Die Wertschöpfung liegt dabei nicht in den Netzen, sondern in ihrem effizienten Einsatz via Internetsoftware. Vor allem die Staaten, die freien Informationsfluss fördern, werden künftig prosperieren. China und Russland werden zwar wohl noch bis Ende dieses Jahrzehnts versuchen, das Internet zu kontrollieren. Vor allem die sozialen Netzwerke, aus denen sich oppositionelle politische Gruppierungen formen könnten, beunruhigen die Herrschenden. Aber die Führungen in Peking und Moskau werden einsehen müssen, dass die staatliche Kontrolle des Netzes und Gängelung seiner Nutzer erhebliche Wettbewerbsnachteile mit sich bringen – die die eigene Entwicklung behindern. China wird sich klarmachen, dass es sein Ziel, die Hegemonie der USA zu brechen, nicht mit einem kontrollierten Internet und einer Bevormundung von Kreativität erreichen kann. Allerdings: So viele Vorteile die neue Internetwelt bringt, die Omnipräsenz von High Tech im Alltag kann auch Gegenreaktionen hervorrufen. Etwa von Menschen, die der totalen Vernetzung entgehen wollen und die neuen Technologien und internetgetriebenen Eingriffe ins persönliche Leben ablehnen. In der Pew-Zukunftsstudie fand die meisten Anhänger eine düstere Voraussage: Während die Mehrheit der neuen Anti-Technologie-Bewegung moderne Technik einfach aus dem persönlichen Leben ausgrenzt, könnte sich eine Splittergruppe formieren, die mit Terroraktionen gegen das intelligente Internet vorgeht. matthias.hohensee@wiwo.de (Silicon Valley)
Die Megatrends: Blick in die Zukunft
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