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Dorfentwicklung: Wie Dörfer trotz Abwanderung Zukunft haben

von Christopher Schwarz

Dörfer haben trotz Abwanderung und Überalterung eine gute Zukunft, wenn sie sich auf ihre Stärken besinnen: Unternehmergeist und Gemeinsinn.

Bürgermeister Heino Pauka Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche
Bürgermeister Heino Paukarste Schuldenfreie Kommune Niedersachsens Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Heino Pauka empfängt seine Besucher bei strömendem Regen mit dem Knüppel in der Hand. Mit dem armdicken Stück Holz, beruhigt der Bürgermeister seine Gäste, werde keine Gewalt ausgeübt. Der Dorfknüppel verleihe in Dötlingen vielmehr das Rederecht. Und vorzutragen hat Pauka einiges, als er den Mitgliedern der Wettbewerbsjury „Unser Dorf hat Zukunft“ beim Empfang zwischen der mittelalterlichen Feldsteinkirche und dem Tabkenhof, dem mit 59 Meter Länge größten „Niedersachsenbauernhaus“, seine Heimat erklärt: Dötlingen, die „Perle des Oldenburger Lands“, sei eine „prosperierende Gemeinde“, die „erste schuldenfreie Gemeinde Niedersachsens“, seit bald zehn Jahren, wo man „Probleme gemeinsam anpackt“ und löst: Mit dem Jugenddiakon, der „zur Entlastung der Eltern“ den Kindern bei ihren Hausaufgaben zur Hand geht, mit der Galeristin, die im Heuerhaus Künstler als „Artists in Residence“ beherbergt und damit für das Projekt steht, das Dötlingen sich auf die Fahnen geschrieben hat.

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"Kein Museumsdorf"

Das Dorf will wieder werden, was es schon vor 100 Jahren war: eine kleine, feine Künstlerkolonie, wo Bremer Bürger in der Sommerfrische Erholung suchten, „kein Museumsdorf“, betont der Bürgermeister, sondern eine vitale, lebenswerte Gemeinde. Kunst und Kultur, das sei ein „Alleinstellungsmerkmal“, eine „Karte, die man spielen muss“: „Wir wollen in der ersten Liga der Künstlerdörfer mitspielen und nehmen den Tourismus sehr ernst.“

180 000 Tagesgäste wurden im vergangenen Jahr gezählt. Allein das Gastgewerbe, darunter drei Hotels und sieben Restaurants, bietet 270 Arbeitsplätze. Die Gesamtgemeinde mit ihren 19 Ortsteilen ist in den Neunzigerjahren um ein Drittel gewachsen, von 4400 auf gut 6000 Einwohner. 1349 Arbeitsplätzen in der Gemeinde stehen 1550 Pendler gegenüber, die in Bremen, Oldenburg oder Wildeshausen ihre Jobs haben. Die Arbeitslosigkeit liegt unter sechs Prozent. Nicht zuletzt der Erdgasspeicher von ExxonMobil sorgt für Gewerbesteuereinnahmen von zuletzt jährlich acht Millionen Euro.

„Wir sind gutbürgerlich“, sagt der Bürgermeister. Bäuerlich ist die Gemeinde nur noch am Ortsrand, wo die Geflügel- und Schweinemastbetriebe angesiedelt sind. Das Dorf ist Teil einer aufstrebenden Region mit dem Oberzentren Oldenburg und Bremen im Norden und Osten und dem Kreis Cloppenburg als Nachbar im Westen, wo die Bevölkerung nach Schätzungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung seit 1995 um zwölf Prozent „gegen den Trend“ gewachsen ist und das Wirtschaftswachstum in den vergangenen zehn Jahren dreimal höher lag als im Bundesdurchschnitt.

Dötlingen, das zu den acht Siegergemeinden gehört (siehe Tabelle Seite 127), ist eines von 3500 Dörfern mit maximal 3000 Einwohnern, die sich in diesem Jahr am Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ beteiligt haben. Von den 30 Weilern, die ins Finale gelangt sind, liegen sieben in den neuen Ländern. Eine der „größten Bürgerinitiativen der Welt“ nennt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Wettbewerb bei der Eröffnungsveranstaltung im sanierten Stallhaus des ehemals fürstlich-reußischen Kammergutes zu Langenwolschendorf im Thüringer Vogtland. Viel ist an diesem Tag von Gemeinschaft und ehrenamtlichem Engagement die Rede, vom „großen Ganzen“, dem man sich auf dem Dorf „im Kleinen“ widmet – aber auch von niedrigen Geburtenraten, von immer mehr jungen, gut ausgebildeten Menschen, die ihr Glück in der Stadt suchen. Bluten unsere Dörfer aus? Hinterlassen sie Wüstungen wie im Spätmittelalter? Kommt, wie eine plakative Formel des Berlin-Instituts lautet, nach dem Mensch der Wolf?

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 14.09.2010, 20:40 UhrAnonymer Benutzer: Sauerlandtarzan

    Die Dörfer haben leider meines Erachtens nur eine "Low-Level-Zukunft".Der Einzugsbereich für Firmen, die qualifizierte Mitarbeiter benötigen, ist in den Städten einfach gefüllter. Es kommt auf kurz oder lang zum Ausbluten der Dörfer. Das Dorf selbst bietet für Familien eine unschätzbare Lebensqualität,die mancher garnicht wahrnimmt. Nur die infrastruktur muß stimmen. Man darf höchstens eine halbe Stunde zur Arbeit benötigen. Was ist aber wenn die Kinder schon mit dem bus in den Kindergarten fahren müssen? Junge Eltern orientieren sich mehr zur Arbeit. Das kleine Dorf hat es in Zukunft immer schwerer, nicht zur ländlichen Eindimensionalität zu verkommen.

  • 12.09.2010, 14:32 UhrAnonymer Benutzer: mathias

    Man darf auch nicht vergessen,das unf. bürgermeister im Kapitalrausch
    zum abkassiere sich an Großstädte orientieren.

  • 12.09.2010, 13:55 UhrAnonymer Benutzer: Noname

    So hoffnungslos sind die Dörfer nicht, solange DSL vorhanden ist. Vor allem Familien mit Kindern werden in Zukunft aufs Land ziehen (müssen) um dem bildungschaos, der verrottenden infrastruktur und wachsenden Kriminalität in den Städten zu entgehen. Das Land hat, internet sei Dank, viel von seinem Schrecken verloren. Die hochqualifizierten Arbeitsplätze werden den Menschen folgen, da bin ich mittlerweile absolut sicher.

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