Ehe für alle: Kinder sollen sich lohnen, nicht Ehe

KommentarEhe für alle: Kinder sollen sich lohnen, nicht Ehe

von Cordula Tutt

Auch für Homosexuelle kommt die Ehe. Ein guter Anlass, die gesamte Familienbesteuerung zu modernisieren.

Frühestens im Oktober, vielleicht ein paar Monate später werden die ersten schwulen und lesbischen Paare in Deutschland heiraten. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, auch wenn konservativ oder religiös geprägte Menschen die Ehe weiter nur als Verbindung zwischen Mann und Frau sehen. Die neue Ehe kommt, weil eine Mehrheit in den Parteien wie in der Bevölkerung den Schritt unterstützt. Das heißt aber auch: Homosexuelle können nun leichter Eltern werden, indem sie ein Kind adoptieren. Gleichgeschlechtliche Paare mit Nachwuchs dürfen sich also bald auch ganz offiziell Familie nennen.

So werden Widersprüche der deutschen Familienpolitik noch deutlicher. Unser Staat unterstützt Kinder und deren Eltern höchst unterschiedlich. Die Öffnung der Ehe ist eine ideale Gelegenheit, endlich neu zu bestimmen, wer im 21. Jahrhundert als Familie gilt und deshalb den Schutz des Staates verdient.

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Entscheidung im Bundestag Ja zur "Ehe für alle"

Der Bundestag hat am Freitag für die Ehe für Homosexuelle gestimmt. 393 Abgeordnete sagten "Ja" zu der neuen Gesetzesvorlage. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat gegen die Ehe für alle gestimmt.

Bisher dürfen Homosexuelle Paare ihre Beziehung nicht Ehe nennen. Quelle: dpa

Das ist auch eine wirtschaftliche Frage. Der Trauschein ist bei uns immer noch ein Wertpapier – mit ordentlicher Rendite. Der Staat fördert die Ehe, etwa durch Vorteile bei Rente, Krankenversicherung oder Erbe. Das lässt sich rechtfertigen, weil beide Partner finanziell auch füreinander einstehen. Vor allem aber gilt das Ehegattensplitting. Verdient einer der Partner deutlich mehr, fällt diese Steuererleichterung umso üppiger aus. Rund 2,7 Millionen Alleinerziehende in Deutschland schneiden bei der Steuer deutlich schlechter ab als Verheiratete. Das gilt auch für Paare, die zwar Kinder zusammen haben, aber keinen Trauschein.

Wenn Familien vielfältiger werden, muss sich auch die Politik bewegen. Nicht die Frau-Mann-Ehe ist die Stütze der Gesellschaft, sondern es sind alle, die in einer Familie dauerhaft Verantwortung übernehmen. Daher ist es höchste Zeit, auch das deutsche Steuersystem auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen.

Die Bundeskanzlerin, die die Diskussion Anfang der Woche in Gang gebracht hatte, stimmte am Freitag gegen die Homo-Ehe. Im Video erläutert sie ihre Entscheidung.

Ein möglicher Schritt wäre ein Familiensplitting, das die Steuern nach der Zahl der Kinder bemisst. Allerdings begünstigt dies höhere Einkommen. Andere Staaten gehen deshalb einen Schritt weiter. Sie besteuern die Bürger einzeln, jeden nach seinem Einkommen. Und fördern den Nachwuchs direkt, durch Kindergeld oder Infrastruktur für Familien. Auf diese Weise lässt sich etwa auch honorieren, wenn Kinder für ihre alten Eltern sorgen. So eine Familienpolitik orientiert sich an der Normalität, nicht an überholten Normen.

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