Ein Jahr im Amt: Joachim Gauck trifft den Ton

KommentarEin Jahr im Amt: Joachim Gauck trifft den Ton

von Dieter Schnaas

Der Bundespräsident kann auf ein gutes erstes Jahr im Amt zurückblicken. Das Staatsoberhaupt ist wieder ein Diskurszentrum - wenn auch noch keine Institution.

Auf den ersten Blick hat Joachim Gauck kein glänzendes Premierenjahr als Bundespräsident hingelegt, allenfalls ein solides. Auf den zweiten Blick wird klar, dass Gaucks glanzvolles Premierenjahr eben darin besteht, dass er solide 365 Tage hingelegt hat.

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Nichts war wichtiger als Maß und Mitte und nach den  jungenstolz-pubertierenden Auftritten von Christian Wulff (und seiner Gattin) und erst recht nach der polithektischen Irrlichterei von Horst Köhler.

Wulff und Köhler waren, auf je ihre Weise, dem Amt ersichtlich nicht gewachsen. Wulff nicht, weil sein Repräsentations- und Geltungsbewusstsein noch größer war als sein Sendungsbewusstsein. Und Köhler nicht, weil er die Komplexitäten und  Widersprüche der Moderne nicht zu ordnen vermochte und die Deutschen mit jeder weiteren Rede verwirrte.

Bundespräsident Gaucks Europarede ohne Ruck

Bundespräsident Joachim Gauck wirbt für Vertrauen in Europa – die Politik nimmt er nicht in die Pflicht. Dabei ist deren Unfähigkeit zur Erklärung Europas der Grund, weshalb die Bürger Vertrauen verlieren.

Quelle: dpa

Joachim Gauck hat den Menschen wieder Vertrauen ins Amt des Bundespräsidenten geschenkt. Es fängt an, wieder als Diskurs- und Selbstverständigungszentrum der Deutschen wahrgenommen zu werden - wenn auch noch nicht als Institution. Die Republik hört hin, wenn der Bundespräsident etwas zu sagen hat – auch wenn sie noch nicht hellhörig wird, sobald Gauck etwas sagen möchte. Dies ist Gaucks erste Leistung: Er ist auf dem besten Weg, das Amt wieder als offizielles Leitmedium der Republik zu etablieren.

Seine zweite Leistung: Gauck hat sich in allerkürzester Zeit von parteipolitischen Besitzansprüchen befreit. Zur Erinnerung: Nach seiner Wahl suchten sich namentlich Liberale und Grüne in der Exegese von Gauck-Zitaten zu übertrumpfen.

Die einen sahen in ihm einen staatsfernen „Freiheitskämpfer“, der die Kraft des Individuums über alles stellt und sich deshalb auch vor sozialdemokratischen Umverteilungsdebatten ekelt. Die anderen sahen in ihm einen „Freiheitskämpfer“, der strukturelle Staatsgewalt am eigenen Leib erfahren hat und der die Demokratie daher ganz sicher auch gegen neue systemische Zwänge (des Kapitalismus, der Ökonomie, des Geldes  etc.) besonders emphatisch in Schutz nehmen werde.

Nach einem Jahr kann man sagen: Gauck hat beide Lager aufs Angenehmste enttäuscht – und offenbar viel Zeit damit verbracht, seinen (früher sehr persönlich und etwas zu eng gefassten) Freiheitsbegriff zu differenzieren.

Noch schöner ist – dritte Leistung -, dass man sich beim Bundespräsidenten Joachim Gauck nie ganz sicher sein, ob er die bundespräsidialen Grenzen in seinen Reden einhält – oder nicht doch ein klein wenig überschreitet. Das ist wundervoll, ganz gleich, ob man seine Meinungen teilt oder nicht. Zur Erinnerung: Vor seiner Zeit als Bundespräsident hat Gauck dem Politpublizisten Thilo Sarrazin für seine Deutschland-schafft-sich-ab-These „Mut“ bescheinigt und die Occupy-Bewegten mit dem Hinweis erledigt, sie verhielten sich „unsäglich albern“.

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