Einblick: Fantastisch wirr-lebendiger Augenblick

kolumneEinblick: Fantastisch wirr-lebendiger Augenblick

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Es wirkt ziemlich scheinheilig, wenn sich China jetzt als nette Alternative zu den Verwirrten Staaten von Amerika verkauft.

Kolumne von Beat Balzli

Alle zittern vor Donald Trumps Twitter-Drohungen – und vergessen in der Aufregung die Chinesen. Die twittern nicht, sondern handeln längst.

Es gibt so Sätze, die passen immer. Die funktionieren wie perfekte Projektionsflächen. Die scheinen für die Ewigkeit gemacht – oder zumindest für Editorials von Chefredakteuren. „Diese Zeitschrift erscheint in einem fantastisch wirr-lebendigen Augenblick“, schreibt „Der deutsche Volkswirt“ am 1. Oktober 1926 in seiner ersten Ausgabe.

Auch über 90 Jahre später kann kaum ein Satz die aktuelle Lage besser zusammenfassen. Mitten in der neuen Unübersichtlichkeit übernehme ich von Herausgeberin Miriam Meckel die Chefredaktion dieser Zeitschrift, die heute WirtschaftsWoche heißt. Die Führung ändert sich, die Aufgabe nicht. Als Redaktionsteam wollen wir unseren Lesern auch künftig den roten Faden für gerade ziemlich wirre Zeiten liefern: die unabhängigen Analysen, die umfassenden Hintergründe und mitunter die schonungslose Wahrheit.

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Selten zuvor drohten sich so viele Gewissheiten in so schneller Zeit aufzulösen. Selten zuvor war Unternehmersein so herausfordernd wie heute. Die Globalisierung schien lange Zeit alternativlos, Kapitalismus und Freihandel auch, die liberale Demokratie sowieso. Und von Krieg sprach man meist nur noch im Geschichtsunterricht. Das war gestern. Jetzt zählen etwa britische Medien mitten im brexitbedingten Streit um Gibraltar plötzlich Kriegsschiffe und faseln von Falkland.

PremiumAngelockt. Ausgequetscht. Abgedrängt. Die China-Falle

China gibt sich in der Ära Trump als Retter des Freihandels. In Wirklichkeit zieht Peking so hohe Mauern um seine Wirtschaft wie noch nie. Deutsche Unternehmen sind von der China-first-Politik am stärksten betroffen.

Die Chinafalle: Die Volksrepublik gibt sich als Retter des Freihandels. Das ist ein großer Bluff – auf Kosten deutscher Firmen. Quelle: Illustration: Simon Prades

Der Ton wird nationaler, schriller, rechter, rauer. Überall. Allerdings schlägt in dieser Disziplin keiner den Großmeister Donald Trump. Täglich grüßt das Machttier mit Twitter-Tiraden. Alle starren auf das Weiße Irrenhaus und fragen sich, wie viel Exportgeschäft verloren gehen kann, wenn der haarige Protektionist seine Drohungen wahr macht. Dabei übersehen deutsche Manager und Politiker völlig fahrlässig eine andere Gefahr. Während Trump bellt, beißen Maos Enkel schon längst zu. Es wirkt ziemlich scheinheilig, wenn sich China jetzt als nette Alternative zu den Verwirrten Staaten von Amerika verkauft. Ausgerechnet Peking will zum Zentrum der Freihändler und Klimaretter werden? Wohl kaum.

Die Strategie „China first“ galt bereits zu Zeiten, da verstand Trump noch weniger von Politik als heute. Es gab schon damals so etwas wie einen großen Plan, das dämmert vielen erst jetzt. Blind stürzten sich die deutschen Chefs im Windschatten der Kanzler- und Ministerdelegationen auf den chinesischen Markt. Alle wollten Profite sehen, aber keiner die Gefahren. In den hektisch aufgebauten deutsch-chinesischen Joint-Venture-Firmen surrten nachts Klimaanlagen und Kopiermaschinen. Ein Know-how-Transfer der besonderen Art. Heute drängen die Chinesen mit wettbewerbsfähigen Produkten auf den und deutsche Firmen aus dem Markt, wie ein Team um Shanghai-Korrespondentin Lea Deuber für die Titelgeschichte recherchiert hat.

Das Ganze könnte in einer schöpferischen Zerstörung enden, würde Ökonomen-Ikone Joseph Schumpeter wohl vermuten. Der schrieb übrigens auch in der Ausgabe vom 1. Oktober 1926. Passt immer.

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