kolumneEinblick: Höchste Autonomie

Kolumne von Miriam Meckel

Selbstbestimmtes Sterben ist Ausdruck menschlicher Freiheit. Der Bundestag sollte es ermöglichen, nicht sanktionieren.

Es gibt kein unwürdiges Leben, nur unwürdige Lebensumstände. So lautet eines der Hauptargumente der Gegner aktiver Sterbehilfe. Der Satz trifft zu. Gerade in Deutschland tun wir gut daran, uns dessen angesichts unserer Geschichte immer wieder zu vergewissern. Aber der Satz trifft nicht das Problem beim Thema Sterbehilfe. Ein Leben, das der Lebende beenden möchte, aber nicht beenden darf, weil er durch Krankheit alleine nicht mehr in der Lage dazu ist, kann unwürdig werden. Nicht im Auge der anderen, aber im Auge des Betroffenen selbst. Auch das zählt.

Die Würde des Menschen ist nach Artikel 1 Grundgesetz unantastbar. Darf man daraus ableiten, dass einem Menschen das Recht, sterben zu wollen, abgesprochen werden kann? Nein, das darf man nicht. Wir Menschen sind im Gegensatz zu den Tieren vernunftbegabt und damit in den wunderbaren Zustand versetzt, ein autonomes Leben zu führen. Das ist Freiheit und Verpflichtung zugleich. Wir können, nein, wir müssen eigenständig für uns selbst entscheiden. Zum selbstbestimmten Leben gehört es, selbstbestimmt entscheiden zu können, wann das eigene Leben zu Ende sein soll.

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Gut wäre, es ließen sich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages von der Idee der menschlichen Freiheit und Autonomie leiten, wenn sie in der nächsten Woche über die neue Regelung der Sterbehilfe entscheiden – ohne Fraktionszwang, wie sich aus den obigen Argumenten von selbst versteht. Richtig wäre also, der Bundestag entschiede sich, dass die Sterbehilfe – oder besser: die Freitodbegleitung – künftig mit Rechtssicherheit für die Ärzte möglich ist. Das spiegelte auch den Volkswillen: Laut Befragungen des Instituts für Demoskopie Allensbach spricht sich seit Jahren eine wachsende Mehrheit (inzwischen 67 Prozent) der Deutschen für die Erlaubnis aktiver Freitodbegleitung aus.

Religiöse Gründe dürfen dabei keine Einschränkung sein. Wer als Christ anderer Überzeugung ist, kann diese Überzeugung leben und sich gegen den Freitod entscheiden. In einem Land, in dem Staat und Kirche eigentlich sauber getrennt sein sollten, haben Glaubensfragen im Rechtssystem aber nichts zu suchen.

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Ein einziges Argument lässt sich gegen eine liberale Regelung der ärztlichen Freitodbegleitung anführen: Diese letzte Entscheidung des Kranken darf keiner ökonomischen Rationalität unterworfen sein. Nicht durch gierige Erben, die schneller an Omas Geld ran wollen, nicht durch Organisationen, die Sterbehilfe als Marktlücke entdecken, nicht durch Verbrecher, die psychisch Kranke unter dem Mantel einer liberalen Regelung finanziell ausnehmen, indem sie zu einem Schritt drängen, der unumkehrbar ist. Der „Freitod als Pflicht“ (Max Frisch) darf also nicht Grundsatz einer perversen ökonomischen Rationalität des Gesundheitssystems werden.

Keiner der vorliegenden vier Gesetzesentwürfe geht fahrlässig mit diesen Einwänden und Grenzen um. Einige wohl aber fahrlässig mit dem Gebot der Unantastbarkeit menschlicher Würde im Leben und Sterben. Wer bei diesem Thema hart sanktioniert, schafft die Dunkelwelt, die er vermeiden will. Der Versuch, das selbstbestimmte Sterben zu einem Strafrechtstatbestand zu machen, ist ein unwürdiger Versuch in einer freiheitlichen Demokratie.

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