Einblick: Im Lernlabor geht zu viel schief

kolumneEinblick: Im Lernlabor geht zu viel schief

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Seit Jahrzehnten probieren die Bundesländer an unseren Kindern aus, was die pädagogische Avantgarde an Launen zu bieten hat.

Kolumne von Beat Balzli

Das Schulsystem wird totreformiert. Bildungspolitiker müssen Kinder endlich wie Hoffnungsträger von morgen behandeln – statt wie Versuchskaninchen.

Im Reich einer Rapperin funktioniert Ruhm nach einer einfachen Regel. Die PR-Strategie von Nicki Minaj setzt auf die Abwesenheit von Kleidern. Am wohlsten fühlt sich der US-Star nackt, wahlweise nur mit einem Seil bekleidet. Doch vor wenigen Tagen kam plötzlich ein beinahe intellektuelles Element hinzu. Minaj versprach mehreren Twitter-Anhängern, ihre Studiengebühren zu übernehmen. „Zeig mir deine guten Noten, die ich an deiner Schule überprüfen kann, und ich zahle. Wer möchte noch bei diesem Wettbewerb mitmachen?“, twitterte die Frau, die in ihrem Webshop nicht nur Musik verkauft, sondern auch Schaumwein mit Kokosnussgeschmack.

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Lesen, schreiben, rechnen – oft hakt es an den Grundfertigkeiten bei deutschen Schülern und Schülerinnen. Quelle: dpa

Deutsche Schüler kennen vielleicht Minaj, aber sicher kein Bafög in der Bling-Bling-Version. Simple Konzepte im Bildungsbereich sind ihnen fremd. Im Gegenteil, ihr Leben könnte komplizierter nicht sein. Der föderale Wahnsinn zeigt sich nirgends so erschreckend offen wie in hiesigen Schulzimmern. Seit Jahrzehnten probieren die Bundesländer an unseren Kindern aus, was die pädagogische Avantgarde an Launen zu bieten hat. Methoden werden geändert, Schulpläne umgebaut, Fächer weggelassen oder neu erfunden, Noten verwässert. Und das in 16 Varianten. Manchmal klappt es mit dem Fortschritt, noch öfter geht es aber schief. Wie in einem Versuchslabor bleibt bei diesen Experimenten so mancher Schüler auf der Strecke.

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Der Streit um G8 oder G9 ist nur eines von vielen Beispielen. Im NRW-Wahlkampf gehörte die Diskussion um das Turbo-Abi zum Pflichtprogramm der Parteien. SPD, CDU, Grüne und FDP wollen den Gymnasien Wahlfreiheit für das Abitur nach acht oder neun Jahren geben – allerdings mit verschiedenen Modellen. So viel Uneinigkeit lässt einen genauso sprachlos zurück wie die Entwicklungen in Baden-Württemberg. Das Vorzeigeländle stürzte nach einer Richtungsänderung im Ländervergleich regelrecht ab. In einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen von Ende 2016 belegte der schwäbische Nachwuchs in der Rechtschreibung Platz 10 – acht Plätze schlechter als in der Studie zuvor. Im Lesen reichte es gar nur für den 13. Rang – ein Verlust von zehn Plätzen. Kein Wunder, dass Unternehmen immer öfter eigene Lehrer anstellen, die die Defizite der Azubis ausbügeln müssen.

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Das große Schulversagen: Azubis und Abiturienten können zu wenig Mathe, Physik und Deutsch. Das bremst die Zukunftschancen der Unternehmen. Quelle: Titelfotos: Getty Images, Titelcollage: Dmirti Broido

Der Bildungspolitik fehlt die nachhaltige Konstanz. Sie geht verantwortungslos mit Reformen um, sie ist zu sehr Spielball von Parteiinteressen. Nach dem Trial-and-Error-Prinzip werden dauernd neue Säue über die Schulhöfe gejagt – was auch eine Folge der überbordenden Erwartungen an das System ist. Dabei sind die Kinder die Hoffnungsträger von morgen, denen man nicht zu viele Strategiewechsel zumuten sollte, sondern ein stabiles Lernen des Grundwissens garantieren muss. Es braucht eine beruhigende Kraft im föderalen, mitunter hysterischen Gewusel.

Eine einfache Lösung wird es nicht geben – selbst von der rappenden Charitylady nicht. Aber vielleicht hilft ihr klebriger Kokosfusel beim entspannten Nachdenken.

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