Einblick: Syrien ist ein Spielball weltpolitischer Interessen

kolumneEinblick: Syrien ist ein Spielball weltpolitischer Interessen

Kolumne von Miriam Meckel

Syrien als Armageddon: Aus dem Rendezvous mit der Globalisierung ist eine blutige und zerstörerische Begegnung geworden.

Der Engel der Geschichte blickt zurück und schaut auf die Trümmer vergangener Zeit. Er würde so gerne die Verwüstungen heilen, doch aus dem Paradies weht ein Sturm, der sich in seinen Flügeln verfängt. „Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Mit dieser Metapher hat der deutsche Philosoph Walter Benjamin 1940 beschrieben, dass es zwischen Vergangenheit und Zukunft einen klugen Vermittler braucht.

Nicht den Zufall und nicht allein die Zeitläufte, sondern einen, der etwas gelernt, ja verstanden hat und es auf das Kommende anzuwenden weiß. Was hat der Engel nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht? Er hat sich aufgerafft, die Flügel gestrafft und den Wiederaufbau gewagt. Was hat er getan als der Kalte Krieg vorbei war? Er ist an der Grenze zwischen Ost und West gewandert, hat mal hier-, mal dorthin geschaut, oft unsicher, wo Zukunft und wo Vergangenheit ist.

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Es war ein Sturm der Hoffnung, der dem Engel damals die Flügel zerzauste und ihn weit zu tragen schien. Jetzt schaut der Engel der Geschichte auf Syrien.

Die Akteure im Syrien-Konflikt

  • Regime

    Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Syriens Armee hat aber im langen Krieg sehr gelitten. Machthaber Assad lehnt einen Rücktritt ab.

  • Islamischer Staat (IS)

    Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien neben der Regierung. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken.

  • Rebellen

    Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Teilweise kooperieren sie mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

  • Opposition

    Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen, dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

  • Die Kurden

    Kurdische Streitkräfte kontrollieren mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurden-Partei PYD, Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK.

  • Die USA und der Westen

    Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte „Augsburg“, die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

  • Russland

    Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

  • Iran

    Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien im Einsatz.

  • Saudi-Arabien und die Türkei

    Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern, dass Assad abtritt. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Zuletzt eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten.

Er sieht ein Land in Trümmern. Er sieht 250.000 tote Syrer. Er sieht zwölf Millionen Menschen auf der Flucht. Er sieht ein Volk, dessen Lebenserwartung in den vergangenen vier Jahren um 20 Jahre dezimiert worden ist. Aus dem „Rendezvous mit der Globalisierung“, wie Wolfgang Schäuble es genannt hat, ist eine blutige und zerstörerische Begegnung geworden. Was noch vor Kurzem als Polyamorie einst gegnerischer Systeme mit globaler Zugewinngemeinschaft greifbar schien, ist zur militarisierten Gütertrennung zulasten von Wohlstand und Wachstum geworden.

Syrien ist das Armageddon

Syrien, das ist das Armageddon einer komplett aus den Fugen geratenen Geopolitik. Das Land ist nur noch Spielball weltpolitischer Interessen. Der russische Ministerpräsident Dimitri Medwedew spricht wieder vom Kalten Krieg. Das ist kein Zynismus und trotzdem falsch. Der Kalte Krieg war überschaubar gegenüber der jetzigen weltpolitischen Lage: West gegen Ost. Jedes Land wusste, wo es hingehört.

Die Achsen der neuen Machtkonstellationen verlaufen changierend. Zwischen den USA und Syrien, zwischen Saudi-Arabien und Iran, zwischen Russland und der Türkei. Die letztgenannte ist die, über die wir uns am meisten Sorgen machen müssen. Ist es unvorstellbar, dass russische Truppen über die türkische Grenze gehen? Nein, das ist es nicht.

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Die Blaupause haben wir mit der Ukraine auf dem Tisch liegen. Und dann? Dann wäre das womöglich der Nato-Bündnisfall. Und dann ist die Welt wirklich eine andere. Wo ist er hin, der Engel der Geschichte? Er steht an der Grenze zu Syrien, im Blick das zerstörte Land und die Trümmer der Globalisierung.

Aber er spürt keinen Wind des Fortschritts im Rücken. Und wenn er sich umdreht, sieht er die Trümmer Europas. Die Reste einer Union, zerstritten und handlungsunfähig. Der Engel wird künftig an jeder Landesgrenze wieder seinen Pass zeigen müssen und nur mühsam vorankommen.

Der Sturm, der von diesem Europa ausgeht, bedeutet, dass es keine Lehren aus der Geschichte gibt. Er ist nicht der Fortschritt, sondern Böe in die Vergangenheit.

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7 Kommentare zu Einblick: Syrien ist ein Spielball weltpolitischer Interessen

  • Der Artikel gibt sich nachdenklich und abwägend und dennoch ist er einseitig. Wer einen Einmarsch Russlands in die Türkei als möglich erwähnt, muss auch die konkreten Äusserungen der türkischen Regierung zu einem Einmarsch türkischer Truppen in Syrien aufführen und die konkreten aktuellen Kampfhandlungen der Türkei in Syrien benennen. Diese Aktionen sind Tatsachen und viel eher geeignet die NATO in einem militärischen Konflikt mit Russland zu führen. Unsere Medien sollten zu einer friedlichen Lösung des Konflikts beitragen und nicht dem Krieg das Wort reden. Leider lesen sich aktuelle Artikel in DER SPIEGEL, DIE WELT und FAZ wie Kriegspropaganda.

  • Im Nachhinein ist man immer schlauer.
    Die gegenwärtigen Politiker leider nicht. Sie brechen internationales und nationales Recht, wann immer es ihnen passt. Sie manipulieren und diffamieren auf allen Ebenen und lassen sich dafür auch noch in den Medien feiern. Die Presse spielt mit, weil sie sonst außen vor ist und entrüstet sich, als das Wort Lügenpresse auftaucht.

    Alle Politiker, ob sie Putin, Obama, Erdogan, Assad, Szydlo, Merkel, Orban oder auch Gabriel heißen, halten sich nur an rechtliche Vorgaben, wenn diese ins eigene Konzept passen.
    Ein Herr Gabriel (SPD) bestimmt, wieviel und was der vom Souverän bestimmte demokratisch gewählte Abgeordnete überhaupt wissen darf (TTIP)?
    Im EU-Land Polen wird von der dortigen Regierung die Pressestruktur und die Besetzung des Verfassungsgerichtes nach deutschem Vorbild geändert und unsere Politik ist tatsächlich erzürnt? Dort falsch aber hier richtig?
    Amtseide sind Schall und Rauch und die Regierten nur Abstimmungsmasse, die alle vier oder fünf Jahre das Gefühl vermittelt bekommt, sie lebten tatsächlich in einer Demokratie. Selbst Frau Merkel verkündet mehrfach öffentlich: „Diese Regierung versteht sich als Dienstleister der Industrie“. Gewählt hat sie aber nicht die Industrie, sondern das Wahlvolk. Ihr Amtseid lautet dementsprechend und verfassungsgemäß auch auf „das Wohl des deutschen Volkes“. Die Definition des Volkes ging schon mit Beginn der Griechenlandkrise verloren und dies setzte sich in der Folge bis heute fort. Wem sie in Wahrheit dient hat Frau Merkel mit der zuvor zitierten Äußerung zweifelsfrei klargestellt und niemand wehrt sich dagegen.

    Kurz: Diese (nicht „unsere“) Politiker sind außer Rand und Band.

    Ob dieser Handlungsweisen ist es nicht verwunderlich, dass die EU praktisch nur noch auf dem Papier existiert, es ist die logische Folge eigenen Handelns.
    Solange diese Politiker für ihr Tun und/oder Unterlassen nicht zur Rechenschaft gezogen werden können, wird sich nichts ändern.

  • "Von solch zufälligen Entdeckungen handelt dieser Newsletter. Allen gemein ist, dass sie uns zuversichtlich stimmen. Langfristig setzt sich das Gute, Kluge, Mutige, Neue durch – auch wenn die Erfinder selbst das zu Lebzeiten häufig noch nicht erleben konnten."

    Wer errät, von wem dieser Satz stammt und von wann, der darf mit mir einen ganzen Abend lang über die Vorzüge von Verzagtheit und Zuversicht diskutieren.
    Aber nur wenn sie oder er zwei verschiedene, richtig gute Flaschen Scotch mitbringt!

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