Energie: Klima: Deutschland im Dunkeln

Energie: Klima: Deutschland im Dunkeln

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Die Preise steigen, der Strom wird knapp – und dass er aus der Steckdose kommt, ist auch nicht mehr sicher. Wie die europäische Klimapolitik der deutschen Wirtschaft den Saft abdreht.

Die Preise steigen, der Strom wird knapp – und dass er aus der Steckdose kommt, ist auch nicht mehr sicher. Wie die europäische Klimapolitik der deutschen Wirtschaft den Saft abdreht.

Laptop und Lederhosen – Bayern, das Land der gelebten Gegensätze, boomt. Doch ob die Krachlederne auch künftig an der Spitze des Fortschritts marschiert, wie Franz Josef Strauß es einst wünschte, ist ungewiss. Denn dem Laptop könnte wie dem Rest des Landes schlicht der Strom ausgehen. Die dortige Wirtschaftsministerin Emilia Müller fürchtet: „Ohne Kernenergie wird der Strom bei uns zwangsläufig teurer und unsicherer.“ Denn der geplante Atomausstieg trifft den Süden Deutschlands besonders hart: Dort stehen die meisten der 17 deutschen Kernkraftwerke, fünf allein im Freistaat, sie decken dort zwei Drittel des Strombedarfs – günstig und verbrauchsnah.

Gehen die Atommeiler bis 2021 vom Netz, entsteht in Bayern eine Energielücke von 6125 Megawatt, die weder Erdgas noch Wasserkraft, Biomasse oder Solarenergie füllen können. Da der Kohletransport von den Seehäfen im Norden quer durch die Republik zum voralpinen Industriestandort zu teuer ist, bleibt nur noch der Import: Kohlestrom von Rhein und Ruhr, Windkraft von der Nordsee oder – und das wäre besonders schräg – Atomenergie aus Tschechien. Egal, von wo der Strom künftig nach Bayern fließt: Die lange Reise der Elektronen überlastet die Netze, führt zu Engpässen – die Gefahr von Stromausfällen steigt.

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Spätestens wenn das Licht ausgeht, wird auch dem letzten Apostel alternativer Quellen klar: Deutschland braucht einen breiten Energiemix – und dazu gehört als Übergangslösung die Verlängerung der Lauf- » zeiten von Atommeilern. Ohne den günstigen Atomstrom, wenn also der Süden Deutschlands schon bald auf den weniger konstanten Windstrom aus Küstenregionen angewiesen ist, benötigt das Land umso mehr auch neue Netze – und deren Bau geht nicht von heute auf morgen über die Bühne. Schließlich soll der Saft aus der Steckdose sauber und sicher fließen – und bezahlbar.

Bisher ist das nicht der Fall. Seit 2000 sind die monatlichen Energie-Ausgaben eines Durchschnitt-Haushaltes um 75 Euro gestiegen – da hilft es wenig, wenn Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) einen Sozialtarif für ärmere Haushalte fordert. Denn in Zeiten, in denen der Ölpreis auf immer neue Rekordwerte steigt und die USA die Weltkonjunktur in den Keller zu stürzen droht, muss die Energiedebatte auf den Boden ökonomischer Tatsachen zurück.

Noch sieht es danach allerdings nicht aus. Als die EU-Kommission vergangene Woche ihr Klimapaket präsentierte, war der Aufschrei der deutschen Wirtschaft groß: Die Beschlüsse würden Milliarden kosten, Millionen von Arbeitsplätzen seien davon betroffen, kritisierte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Beispiel Emissionshandel: Massive Strompreiserhöhungen seien die Folge, wenn ab 2013 alle CO2-Zertifikate für den Stromsektor versteigert werden. Die auf dem Markt handelbaren Rechte für Stromerzeuger und andere Industrieunternehmen werden Jahr für Jahr zurückgefahren, sodass ihre Gesamtzahl bis 2020 um 21 Prozent unter den Stand von 2005 sinkt. Die Zuteilung müsse dauerhaft kostenfrei sein, fordert BDI-Präsident Jürgen Thumann – zumindest so lange, wie kein internationales Klimaabkommen existiert. „Wir laufen sonst Gefahr, dass die industrielle Basis in Europa und vor allem in Deutschland erodiert“, sagt Thumann.

Vor allem energieintensive Branchen fürchten übermäßige Belastungen durch die Auflagen aus Brüssel. Ob künftig auch die Stahl-, Aluminium- und Chemieindustrie für ihre CO2-Emissionen bezahlen müssen oder nicht , ist noch offen. Darüber will die Kommission erst 2010 entscheiden. Umweltkommissar Stavros Dimas war ursprünglich dafür, auch diese Branchen stufenweise in die Auktion miteinzubeziehen. Doch Industriekommissar Günter Verheugen warnte davor, die Industrie zu stark zu belasten. Die Chemie- und die Stahlindustrie klagen nun über mangelnde Planungssicherheit.

Ein Hinweis, der ernst zu nehmen ist. Langfristig droht dem Wirtschaftsstandort Europa die Abwanderung von Industrien, warnen die Berater von A. T. Kearney. In einer aktuellen Studie rechnen sie mit Kosten der EU-Klimapolitik für die deutschen Energieversorger von bis zu 115,2 Milliarden Euro zusätzlich. Dabei ist davon auszugehen, dass die Versorger die Kosten für die CO2-Zertifikate wie bisher an die Kunden weitergeben. Der deutschen Industrie droht zwischen 2013 und 2020 eine Mehrbelastung von bis zu 24,4 Milliarden Euro, sofern es zu keiner Ausnahmeregelung für einzelne Branchen kommt. Die höchsten Kosten hätten mit bis zu 7,9 Milliarden Euro die Roheisen- und Stahlindustrie. Auch Raffinerien (6,2 Milliarden Euro) und die Zementklinkerindustrie (5,1 Milliarden Euro) müssten mit enormen Zusatzkosten rechnen. Im internationalen Vergleich könnte ihre Wettbewerbsfähigkeit dann um bis zu neun Prozent sinken.

Das ist nicht nur schlecht für die deutsche Wirtschaft, sondern schadet auch dem Klimaschutz. Denn die zusätzlichen Kosten könnten dazu führen, dass Unternehmen ihre Produktion in Regionen verlagern, in denen die Energiekosten niedriger sind, weil auf Emissionshandel und Klimaschutz gänzlich verzichtet wird. So entsteht beispielsweise in China im Vergleich zu Europa bei der Produktion einer Tonne Stahl die doppelte Menge Kohlendioxid. „Das würde dem Ziel der EU zuwiderlaufen, einen wesentlichen Beitrag zur weltweiten CO2-Reduktion zu leisten“, sagt Kurt Oswald, Leiter der Studiengruppe von A. T. Kearney.

Wer die Wirtschaft nicht zum Teufel oder die Menschheit zurück auf die Bäume schicken will, darf der Industrie nicht den Energiehahn zudrehen. Doch genau das geschieht derzeit. Schon in wenigen Jahren droht Deutschland ein massiver Engpass in der Stromproduktion. Da der Bau neuer Kohlekraftwerke auf immer größere Widerstände stößt, fehlen die notwendigen Kapazitäten, um den Atomausstieg zu kompensieren (siehe WirtschaftsWoche 3/2008). Bereits ab 2015 könnte Deutschland dauerhaft auf Stromimporte angewiesen sein, erwarten die auf Energie spezialisierten Marktforscher des unabhängigen Bremer Instituts Trendresearch. Ihre Studie zeigt: Die Industrie gibt von ursprünglich mehr als 60 geplanten Kraftwerken immer mehr Projekte auf. So scheiterte etwa RWE mit Plänen für ein Kohlekraftwerk im Saarland am Protest der Bevölkerung.

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