Energie: Kohler: "Grüne stellen als Erste den Atomausstieg zur Debatte"

Energie: Kohler: "Grüne stellen als Erste den Atomausstieg zur Debatte"

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Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena)

Die Grünen könnten unter dem Druck der Klimadiskussion schneller als die SPD einem Atomkompromiss zustimmen, der die Stilllegung alter Meiler zugunsten einer Laufzeitverlängerung moderner Atomkraftwerke vorsieht. Dies erwartet Stephan Kohler, Chef der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (dena).

„Die Ersten, die den Atomausstieg aus Klimaschutzgründen infrage stellen, sind die Grünen“, sagte Kohler der WirtschaftsWoche. Daran ändere auch der Status als Antiatompartei nichts. „Gründungsmythos war der Sofortausstieg. Jürgen Trittin hat schließlich erreicht, dass diese Radikalposition aus dem Parteiprogramm gestrichen wurde“, betont Kohler. „Auch der rot-grüne sowie der aktuelle Koalitionsvertrag mit dem stufenweisen Ausstieg bis 2021 sind davon weit entfernt. Heute wären einige Grüne mit Blick auf die europäischen Emissionsziele sicher bereit, über eine Laufzeitverlängerung nachzudenken. Ein möglicher neuer Konsens könnte so aussehen: Ein paar alte Meiler gehen früher vom Netz, dafür laufen moderne Kraftwerke länger – selbst wenn die Gesamtlaufzeit sich damit um ein paar Jahre verlängert.“

Dagegen sieht Kohler die SPD in der Atomfrage zerstritten und noch weniger kompromissfähig. „Die SPD ist da gespalten. Zwar leuchtet den Sozialdemokraten ein, dass ein Komplettausstieg aus allen fossilen Energiequellen nicht möglich ist. Aber das Thema ist parteipolitisch zu heikel, da möchte keiner dran rütteln.“

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Stromlücke ist noch größer

Die Verbraucher müssen sich nach dena-Einschätzung auf zusätzliche Steigerungen der Strompreise und eine stärker als erwartet wachsende Stromlücke einstellen. „Unsere Berechnungen zeigen klar: Trotz der massiven Nutzung von regenerativen Energien und der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen steht ab 2012 nicht mehr genügend gesicherte Kraftwerksleistung zur Verfügung, um die Jahreshöchstlast effizient zu decken“, sagte Kohler der WirtschaftsWoche.

Überholt sei seine Prognose vom Frühjahr, wonach bis 2020 die Differenz zwischen Stromnachfrage und -angebot auf rund 12.000 Megawatt oder umgerechnet 15 Großkraftwerke steige. „Nach neuen Berechnungen wird die Stromlücke noch größer, wenn die geplanten Kraftwerke in Hamburg-Moorburg, Mainz-Wiesbaden und der neue Block im hessischen Werk Staudinger nicht gebaut werden können. Dann fehlen künftig 15.000 Megawatt – und die lassen sich nicht einfach durch den weiteren Ausbau von erneuerbaren Energien ersetzen.“

Deutschland müsse nun dringend klären, wie es die eigene Stromproduktion steigere. Ein Import fehlender Strommengen sei nicht möglich, weil auch in Europa Kapazitätsengpässe drohten. „Wir müssen uns entscheiden: Entweder wir bauen hocheffiziente Kohle- und Erdgaskraftwerke. Oder wir müssen die Atommeiler länger laufen lassen“, so Kohler, der vor seinem Wechsel an die Spitze der Energie-Agentur unter anderem für das Freiburger Ökoinstitut arbeitete. „Stromimporte aus dem Ausland – noch dazu meistens mit Atomstrom – sind keine Alternative. Die vorhandenen und geplanten europäischen Kraftwerke reichen schon ab 2015 nicht mehr aus, um eine verstärkte Nachfrage aus Deutschland zu decken.“

Den Vorwurf von Umweltschützern, er agiere als Lobbyist für die Interessen der Stromkonzerne, weist Kohler weit von sich: „Das ist doch Quatsch. Die selbst ernannten Weltverbesserer müssen endlich begreifen, dass der Strom nicht einfach so aus der Steckdose kommt. Wir können nicht aus der Atomenergie aussteigen und gleichzeitig den Bau von hocheffizienten Kohlekraftwerken verbieten. Irgendwoher muss der Strom schließlich kommen.“

Kohler fürchten, dass die knappen Ressourcen zu unweigerlich steigenden Strompreisen führen werden. „Wenn anstelle neuer Anlagen die alten ineffizienten Kohlekraftwerke weiterlaufen, entstehen mehr Emissionen – und das treibt die Kosten für die CO2-Zertifikate in die Höhe. Über diese Zertifikate werden die Stromerzeuger für schmutzigere Kraftwerke bestraft. Das führt – zusätzlich zum knappen Stromangebot – zu steigenden Verbraucherpreisen. Das müssen wir verhindern, sonst wird der Saft aus der Steckdose zum Luxusgut.“

Mini-Kredit statt Sozialtarife

Nicht mit Sozialtarifen, sondern mit Mini-Krediten zum Kauf energieeffizienter Elektrogeräte sollte die Politik einkommensschwachen Haushalten helfen, die hohen Energiepreise bezahlen zu können. Das hat dena-Chef Kohler in der WirtschaftsWoche vorgeschlagen. Den Vorschlag von Umweltminister Sigmar Gabriel, Sozialtarife für Bedürftige einzuführen, nimmt Kohler nicht ernst. „Das ist nun wirklich Unfug – weil es das Energiesparen infrage stellt. Günstiger Strom setzt die falschen Anreize, dadurch wird eher noch mehr verbraucht“, kritisiert Kohler. „Sinnvoll sind energieeffiziente Elektrogeräte. Wir müssen auch einen Hartz-IV-Empfänger in die Lage versetzen, einen Kühlschrank der Güteklasse A++ zu kaufen. Dadurch kann ein Haushalt etwa 80 Euro Stromkosten im Jahr sparen. Dann hat sich der Kühlschrank innerhalb von sechs Jahren alleine durch die eingesparten Stromkosten finanziert.“

Da sich einkommensschwache Haushalte solche Geräte oft nicht leisten können, müsse die Politik helfen. „Deshalb müssen wir diese Investitionen fördern. Etwa durch Minikredite“, so Kohler. Denkbar sei zum Beispiel ein „Kühlschrank-Kredit“. Auch Effizienzprogramme hält der dena-Chef für eine gute Lösung. „Einige Stromkonzerne wie Nuon locken Kunden bereits mit energiesparenden Geräten. Wenn Sie heute bei Vodafone einen Mobilfunkvertrag unterzeichnen, bekommen Sie auch ein Handy geschenkt. Warum sollte das nicht mit effizienten Kühlschränken funktionieren? Das ist Unternehmergeist, da ist Fantasie im Markt, da müssen wir hin. Wenn der Staat sich hier einschaltet, wird es meistens teuer und kompliziert.“

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