Energie: Streit um AKW-Laufzeiten befremdet die Wirtschaft

Energie: Streit um AKW-Laufzeiten befremdet die Wirtschaft

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Bundeskanzlerin Angela Merkel nach ihrem Besuch im Atomkraftwerk Lingen

von Bert Losse, Sebastian Matthes, Mario Brück, Martin Seiwert, Henning Krumrey, Lothar Schnitzler, Rüdiger Kiani-Kreß, Christian Ramthun und Andreas Wildhagen

Die Bundesregierung will den Streit um ihr Energiekonzept schnell beenden. Doch hinter den Kulissen tobt ein erbitterter Kampf um die Details. Die deutsche Wirtschaft befremdet der Streit. Warum die Unternehmen skeptisch bleiben.

Typisch Merkel. Im Anlauf zäh und zögerlich, mit reichlich Streit im eigenen Lager. Dann die Inszenierung, mit der die Kanzlerin über Nacht als Handelnde erscheint. Zwischen die letzten Stationen ihrer Energiereise, zwischen Atommeiler und Wasserkraftwerk, hatte sie für Donnerstagabend vergangener Woche, 21 Uhr, die streitenden Minister Rainer Brüderle (Wirtschaft, FDP) und Norbert Röttgen (Umwelt, CDU) ins Kanzleramt geladen. Es galt, das Energiekonzept der Regierung festzuzurren.

Anders als wochenlang intoniert, liegen nun nicht nur die wissenschaftlichen Szenarien vor, auf deren Basis die Fachminister bis Ende September die nationale Strategie für eine sichere, saubere und kostengünstige Energieversorgung des Standortes Deutschland erarbeiten wollten. Die Spitzenbeamten der Häuser haben bereits Eckpunkte des Konzepts parat. Wie sich die erneuerbaren Energien entwickeln und vor allem, wie lang und breit der Steg ist, mit dem die „Brückentechnologie Kernkraft“ den Übergang zum Ökostrom ermöglichen soll, ohne dass der Industriestandort unter- und die Lichter ausgehen.

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Auf 38 Seiten ist die Einigung festgehalten. Die gesetzlich erlaubte Laufzeit der Atommeiler steigt deutlich, wie es der Wirtschaftsminister erhofft hatte. Aber nicht ohne Haken: Wegen der hoch veranschlagten Nachrüstkosten für optimale Sicherheit könnten die Betreiber um 2020 an die zehn Meiler vom Netz nehmen, weil ihr Betrieb nicht mehr lohnt. Der schwarz-grüne Röttgen bekommt ein umfangreiches Programm zur Steigerung der Energieeffizienz. Für Röttgen hat das so erkaufte schnelle Ende des elenden Gezerres einen erheblichen parteitaktischen Vorteil. Statt sich in den nächsten vier Wochen in Grabenkämpfen mit Brüderle aufzureiben, kann er sich auf seine Kandidatur als CDU-Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen konzentrieren.

Grundlage für das Energiekonzept sind die Szenarien, die das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln (EWI), die Prognos AG und die Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) im Auftrag der beiden Häuser erstellt haben. Die großen Linien zeigen sich besonders deutlich im Vergleich der Vier-Jahres-Variante mit dem Szenario einer 20-jährigen Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke:

 Die längere Laufzeit dämpft die Entwicklung der Stromtarife. Bleiben die Meiler weitere 20 Jahre am Netz, läge der Großhandelspreis im Jahr 2030 um 35 Prozent niedriger als beim Vier-Jahres-Konzept. Auch die Treibhausgas-Emissionen sind dann deutlich niedriger. 66 Millionen Tonnen CO2 könnte Deutschland einsparen – ein Minus von 16 Prozent.

Bis zum Jahr 2050, wenn der Umstieg auf erneuerbare Energien weitgehend gelungen ist, schrumpelt die Abhängigkeit von importierten Energieträgern drastisch. Im Vergleich zu den heutigen Werten sinkt der Bedarf an Gas-, Steinkohle und Öleinfuhren auf ein Drittel.

Wenig überraschend: Bei einer Laufzeitverlängerung um nur vier Jahre sind die günstigen Effekte geringer als bei 12 oder 20 Jahren. Aber: Dürften die Meiler sogar 28 Jahre länger produzieren, nimmt der Nutzen wieder ab. Denn dann frist die teure Sicherheits-Nachrüstung die Vorteile wieder auf.

Netzausbau

Die Expertise des Trios bestätigt frühere Untersuchungen, wonach es mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht so schnell gehen wird, wie das umweltdurchwirkte Wortgeklingel der Politik glauben machen wollte. In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik im Auftrag des Umweltbundesamtes wird zwar das Ziel als realistisch bezeichnet, die deutsche Stromversorgung bis 2050 zu 100 Prozent auf Erneuerbare umzustellen. Allerdings, schreiben die Experten, müssten dafür Übertragungsnetze und vor allem die Speicherkapazitäten deutlich ausgebaut werden.

Doch gerade der Netzausbau kommt nicht voran. Es fehlen Gleichstrom-Übertragungsleitungen, die Watt und Volt über weite Entfernungen nahezu verlustfrei transportieren können, etwa von den Windparks in der Nordsee in den windarmen Süden. Zugleich ist das Problem der Unzuverlässigkeit der grünen Energiequellen immer noch nicht gelöst: Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, gibt es keinen Strom.

Derzeit gleichen flexible Gaskraftwerke Netz-Flauten aus, weil es zu wenig Speichermöglichkeiten gibt. Wenn sich die Wind- und Solarkapazität bis 2030 planmäßig fast verdoppelt, nehmen die Schwankungen noch drastisch zu.

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