Energieeffizienz: Dämm-Lobbyisten sollen Klimaschutzziele retten

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Energieeffizienz: Dämm-Lobbyisten sollen Klimaschutzziele retten

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Hoffnung für Hausbesitzer: Eine Milliarde Euro versüßt das Sparen.

von Henning Krumrey

Die eigenen ehrgeizigen Klimaziele kann Deutschland kaum noch schaffen. Deshalb plant die Bundesregierung Steuerrabatte, damit Hausbesitzer die Gebäude dämmen und sparsame Heizungen installieren. Das ist der Startschuss für alle Lobbyisten: Jetzt geht es darum, den Fördersegen auf die eigenen Produkte zu lenken.

Herr Kleinschmidt möchte wohnen, einfach nur wohnen. Doch die Damen und Herren um ihn herum sind aufgeregt wie Kinder bei der Einschulung. Für sie ist es auch der erste Tag: Einweihung des Plusenergiehauses Ostring 124 in Bottrop. Wie die neue Klassenlehrerin schaut Umweltministerin Barbara Hendricks wohlgefällig auf das Vier-Parteien-Haus, das ausschaut wie ein Neubau.

Es ist aber, und das ist das Besondere, kein Neubau, sondern ein typisches Sechzigerjahre-Mietshaus, nur eben aufgerüstet nach allen Regeln der Baukunst. Das hat etwas Loriothaftes, denn der etwas ältere Herr Kleinschmidt, der ja doch nichts will als wohnen, steht verloren zwischen Fotografen und all den Effizienzklässlern, die begeistert von den Raffinessen schwärmen.

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Die Wohnungsbaugesellschaft Vivawest hat in das Modellprojekt einbauen lassen, was derzeit technisch auch nur machbar und bereits am Markt erhältlich ist – nun erzeugt das Gebäude mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen. Die Eigentümerin hat das Haus energetisch in die Zukunft katapultiert – und mit ihm Herrn Kleinschmidt, der einfach nur wohnen möchte.

Technisches Wunderwerk

Wärmedämmung vom Dach bis zum Keller, selbst im Treppenhaus; Erdwärme und Solarfassade, Luftumwälzanlage samt Wärmerückgewinnung mit Sauerstoff-Messung, Dreifachverglasung und die sparsamsten Elektrogeräte. Schließlich erklären die Enthusiasten Herrn Kleinschmidt, er könne den Dampfgarer auf dem Herd „von unterwegs einschalten, mit einem Knopfdruck auf dem iPhone“.

Herr Kleinschmidt hat kein iPhone.

Wenigstens muss er das nicht alles bezahlen. Rund 450 000 Euro hat Vivawest investiert und einen Teil des Materials noch günstiger bekommen. Zu regulären Preisen und nach den herkömmlichen Regeln der Modernisierungsumlage würde damit eine Mieterhöhung von rund 20 Euro fällig werden – pro Quadratmeter, wohl gemerkt.

Das Haus am Bottroper Ostring ist ein technisches Wunderwerk, das so nur als Modellprojekt entstehen kann. Es ist aber auch ein Mahnmal für das Energieeffizienz-Debakel der deutschen Politik: Jahrelang tat sich nichts, nun soll Geld helfen.

Seit den Neunzigerjahren haben sich alle Bundesregierungen auf Solarzellen und Windräder gestürzt und das Energiesparen vernachlässigt. So lange und intensiv, dass die EU-Kommission nun an einem Vertragsverletzungsverfahren arbeitet. Denn eigentlich hätte die Bundesrepublik bis zum Juni die Effizienzrichtlinie in deutsches Recht übernehmen müssen. Und damit auch festlegen müssen, wie sie das dritte der sogenannten 20–20–20-Ziele der EU erreichen will: neben 20 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen und 20 Prozent Verringerung des CO2-Ausstoßes auch eine 20-prozentige Steigerung der Energieeffizienz.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

  • Das Bevölkerungswachstum

    Die Anzahl der Menschen auf der Erde wächst jedes Jahr um etwa 70 bis 80 Millionen Personen. Das entspricht fast der Bevölkerungsgröße Deutschlands. Bis 2050 soll laut Schätzungen der Vereinten Nationen die Weltbevölkerung auf knapp 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. Dass die Kinder nicht hierzulande oder bei unseren europäischen Nachbarn geboren werden, ist hinreichend bekannt. Vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika und Asien wächst die Bevölkerungszahl. Dadurch wächst auch der Bedarf an Rohstoffen, Energie, Wasser und Nahrung.

  • Wirtschaftswachstum

    Trotz Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1992 hat sich der CO2-Ausstoß kaum verringert. Lediglich als 2009 aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise viele Industriestätten weniger produzierten, sank der Wert der Kohlendioxidemission auf 784 Millionen Tonnen. Schon ein Jahr später lag der Wert wieder bei 819 Millionen Tonnen. Dabei entsteht ein Großteil der Emissionen in nur wenigen Ländern wie China, den USA und der EU.

  • Automobile

    Während Carsharing und der öffentliche Nahverkehr in Ländern wie Deutschland in Zeiten hoher Benzinkosten viele Anhänger findet, ist der weltweite Trend eindeutig ein anderer. Immer mehr PKW fahren über den Globus. 2010 wurde erstmals die Eine-Milliarde-Marke geknackt. Besonders viele Autos pro Einwohner werden in Monaco und den USA gefahren.

  • Kohle, Kohle, Kohle

    Der seit Mai 2012 stetig ansteigende Ölpreis hat dafür gesorgt, dass Kohle wieder an Attraktivität gewonnen hat. Die Wiederauferstehung der Kohle ist für die Umwelt eine Katstrophe. Laut BUND sind Kohlekraftwerke mehr als doppelt so klimaschädlich wie moderne Gaskraftwerke. Die großen Dampfwolken aus den Kühltürmen der Kraftwerke machen ein anderes Problem deutlich: Mehr als die Hälfte der eingesetzten Energie geht meist als ungenutzte Wärme verloren.

  • Abholzung

    Das Handout der Umweltschutzorganisation WWF zeigt die illegale Abholzung eines Waldgebietes in Sumatra (Indonesien). Jährlich gehen knapp 5,6 Millionen Hektar Wald verloren. Die fortschreitende Abholzung von Regenwäldern trägt entsprechend mit zur globalen Erderwärmung bei. Denn die Wälder speichern Kohlendioxid.

  • Rindfleisch

    Rinder sind wahre CO2-Schleudern. Die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch in Brasilien erzeugt genauso viel klimaschädliches Kohlendioxid wie eine 1.600 Kilometer lange Autofahrt. In diese Rechnung fließen mehrere Faktoren ein. Zum einen können auf dem für die Rinder genutzten Weideland keine Wälder mehr wachsen. Zum anderen scheiden Rinder das klimaschädliche Gas Methan aus. Laut WWF sind in Deutschland fast 70 Prozent der direkten Treibhausemissionen auf die Ernährung mit tierischen Produkten zurückzuführen.

  • Wegwerfgesellschaft

    Nicht nur Unmengen an Verpackungsmüll produzieren die Deutschen. Wir schmeißen auch jede Menge Lebensmittel weg, pro Kopf etwa 100 Kilogramm pro Jahr. Auch diese Verschwendung wirkt sich massiv negativ auf das Klima aus.

  • Flugzeuge

    Flugzeuge stoßen CO2, Stickoide, Wasserdampf, Ruß, Sulfat und andere Partikel aus und verpesten so die Umwelt. Die größte Klimawirkung hat laut atmosfair.de das reine CO2, das immer beim Verbrennen von Benzin oder Kerosin entsteht. Außerdem die Bildung von Schleierwolken und Kondensstreifen, der Aufbau vom Treibhausgas Ozon in einem sensiblen atmosphärischen Stockwerk sowie der Abbau von Methan.

Am 3. Dezember will die schwarz-rote Koalition nun den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ ins Werk setzen. Der soll die EU-Kommission bremsen und Deutschland beschleunigen. Im Zentrum der Vorschläge: Subventionen und Steuervergünstigungen.

Längst haben die Lobbyisten Witterung aufgenommen. Firmenrepräsentanten rennen den zuständigen Beamten in Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium die Türen ein, sprechen bei Abgeordneten vor, reden mit Journalisten.

Offensivster Pfadfinder im Unterholz der Energiewende ist die Deneff. Das Bündnis von 110 Unternehmen trommelt seit vier Jahren vor allem für die finanzielle Förderung von Energieeffizienz in Unternehmen und Haushalten. Der Dämmstoffhersteller Knauf, auch Deutschlands größter Produzent von Gips, gab hier anfangs den Ton an. Später kamen Heizungshersteller, Fensterbauer, Beratungsunternehmen und Steuerungstechniker dazu. Der Siegeszug der Erneuerbaren gab dem Mitgründer und Geschäftsführenden Vorstand Martin Bornholdt die Idee. Das sei „der Lobbycoup schlechthin“ gewesen. Im Gegensatz zur Ökoenergie brauche die Energieeffizienz aber nur „einen Anschubser. Das ist kein Geschäftsmodell, das nur durch Subventionen funktioniert.“

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