
Roberto Pirani sitzt in seinem Büro im Londoner West End und plant nichts Geringeres, als Russland herauszufordern. Der Chef des britischen Planungsbüros Pipeline Systems Engineering will gemeinsam mit amerikanischen und georgischen Konsortialpartnern eine Erdgas-Leitung bauen. „White Stream“ nennt Pirani die Pipeline, die Gas vom aserbaidschanischen Rohstoff-Dorado Baku durch Georgien und das Schwarze Meer bis in die Ukraine transportieren soll, von wo es dann weiter bis nach Westeuropa strömen kann. Der große Unterschied zu den bisherigen Gasleitungen aus dieser Region: „Wir verlegen die Pipeline nicht durch Russland“, sagt Pirani. Kein Wunder, dass die Russen Piranis Bypass-Projekt mit Argwohn verfolgen. „Russland sieht im zentralasiatischen Erdgas eine geostrategische Ressource“, sagt Christof van Agt, Zentralasien-Experte der Internationalen Energieagentur (IEA). Auch 16 Jahre nach Auflösung der Sowjetunion betrachtet Moskau die Staaten an seiner Südflanke als Teil seiner Hegemonialsphäre. Turkmenisches Gas etwa ist seit Jahren fester Bestandteil der russischen Energieversorgung. Doch genau diese Vorherrschaft gerät ins Wanken. „Russland ist dabei, den Kampf um Zentralasien zu verlieren“, warnt der Leiter des Moskauer Instituts für Globalisierungsprobleme, Michail Deljagin, die Machthaber im Kreml. Die USA unterstützen in der Region jede politische Bewegung, die hilft, den Südkaukasus und Zentralasien dem Einfluss Moskaus zu entziehen, den Vormarsch Chinas aufzuhalten und die Rohstoffe dem Westen zugänglich zu machen. China wiederum erhält seit Dezember durch eine neue Röhre kasachisches Öl. Nächste Station soll Turkmenistan sein, von wo die Chinesen von 2009 an Gas beziehen wollen. Auch die Europäische Union (EU) hat große Pläne. So fördert sie bereits das von dem österreichischen Ölkonzern OMV angeführte Pipeline-Projekt Nabucco, das von Baku aus durch Georgien und die Türkei nach Mitteleuropa führen soll. Pirani macht sich deshalb berechtigte Hoffnungen, ebenfalls Brüsseler Finanzhilfen für sein White-Stream-Projekt zu bekommen. Neue Gaspipelines nach Europa gehören zu den wichtigsten Energievorhaben der EU-Kommission. Mit Kasachstan und Aserbaidschan hat Brüssel Ende 2006 Absichtserklärungen unterzeichnet. Die derzeitige EU-Ratsvorsitzende, Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat kürzlich die Präsidenten Kasachstans und Aserbaidschans, Nursultan Nasarbajew und Ilham Alijew, in Berlin empfangen. Und für den 27./28. März bereitet Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit den EU-Außenpolitikern Javier Solana und Benita Ferrero-Waldner ein Treffen mit fünf Außenministern der Region in der kasachischen Hauptstadt Astana vor. Im Juni soll der Europäische Rat dann eine umfassende Zentralasien-Strategie verabschieden.
Erdgas wird im Energiemix immer wichtiger. Bis 2030 sagen Experten Westeuropa einen Anstieg des jährlichen Bedarfs von derzeit 500 Milliarden Kubikmeter auf bis zu 700 Milliarden voraus. Doch diese Nachfrage ist nach Aussage des deutschen Energieversorgers E.On nicht durch langfristige Importverträge gedeckt. Ein Viertel der gegenwärtig benötigten Menge liefert der russische Exportmonopolist Gazprom. Diese Abhängigkeit von Russland sehen Europas Politiker mit Sorge. Der von Präsident Wladimir Putin beherrschte Staatskonzern hatte im Energiestreit mit der Ukraine Lieferungen von heute auf morgen gestoppt. Kaum absehbar ist überdies, wohin sich die russische Energieaußenpolitik entwickelt: Im März 2008 stehen Präsidentschaftswahlen an. Selbst in Moskau vermag niemand verlässlich zu sagen, in welche wirtschaftspolitische Zukunft Russland nach der Ära Putin gehen wird. Der Iran, der über die zweitgrößten Gasreserven der Welt verfügt, bietet keinen Ausweg. Politisch vom Westen isoliert, baut der islamistische Staat lieber seine Wirtschaftsbeziehungen mit China und Russland aus. Für Misstrauen sorgen zudem Überlegungen von Russland, dem Iran, Katar, Algerien und Venezuela, eine Art Gas-Opec zu errichten. Neben Norwegen und Nordafrika sollen deshalb die Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres die Erdgas-Versorgung der EU sichern helfen. In Zentralasien liegen fünf Prozent der weltweiten Reserven. Mindestens: Turkmenischen Angaben zufolge ist es noch mehr. Allein Kasachstan verfügt über deutlich mehr Gas als Norwegen. Dass nun Europäer und Amerikaner Erdgas und Öl ohne russische Beteiligung fördern und Umgehungspipelines wieWhite Stream und Nabucco bauen wollen, verfolgt der Kreml mit großem Misstrauen. „Die westeuropäische Initiative entzieht Russland Geld und strategischen Einfluss“, klagt Ökonom Deljagin. Seit 2003 sei Russland auf Gasimporte aus Turkmenistan angewiesen. Mit der Konkurrenz aus dem Westen drohe Russland nun „eine Energiekrise“. Deljagins Warnung ist ernst zu nehmen. Nach Einschätzung der IEA investiert Gazprom zu wenig in neue Förderprojekte, als dass es den steigenden Binnenbedarf und die wachsende Auslandsnachfrage noch lange zuverlässig decken könnte. Zum Ausgleich kauft Russland turkmenisches Gas – zu Preisen weit unter Weltmarktniveau. Moskau kann den staatlichen turkmenischen und kasachischen Energieunternehmen Turkmengas und KazMunayGaz die Preise diktieren, weil deren Exportleitungen über russisches Territorium führen. Und genau diese Macht hätte Russland nicht mehr, wenn die bisher nur für aserbaidschanisches Gas vorgesehenen Pipelines White Stream und Nabucco auch turkmenisches und kasachisches Gas einspeisen würden. Dann könnte Turkmenistan sich seine Abnehmer aussuchen und auch von Russland Marktpreise verlangen.













