Energiewende: Die Billionen-Euro-Frage

ThemaEnergiewende

KommentarEnergiewende: Die Billionen-Euro-Frage

von Henning Krumrey

Bundesumweltminister Peter Altmaier schockt mit seinen Berechnungen Stromkunden und Industrie. Denn konkret bedeuten sie: Jeder weitere Tag ohne Reform kostet 192 Millionen Euro.

Es ist ein Bild, das man sich schöner kaum ausmalen kann: Peter Altmaier bei einer Gratwanderung. Doch genau einen solchen Balanceakt versucht der gewichtige Bundesumweltminister mit seiner Horrorzahl: Eine Billion Euro werde die Energiewende am Ende kosten, hat sich der Dienstherr von seinen Beamten ausrechnen lassen. Damit pokert Altmaier hoch. Einerseits will er Druck ausüben insbesondere auf die Opposition, seiner Strompreisbremse noch vor der Bundestagswahl zuzustimmen. Andererseits schreckt er die Bürger auf, dass es mit dem Energiewende getauften Umbau der Stromversorgung noch teurer wird als bisher schon befürchtet.

In den Köpfen der Elektrizitätskunden hatte sich der schon ausreichend empörende Betrag von 120 Milliarden Euro festgesetzt, der als „Solarschulden“ bereits jetzt jenen zugesagt worden ist, die sich Sonnenkollektoren aufs Dach geschraubt haben. Nun droht Altmaier mit acht Mal höheren Kosten.

Anzeige

Die Energiewende und der Sand im Getriebe

  • Wo liegen aktuell die drängendsten Probleme?

    Der Netzausbau ist weit hinter dem Plan zurück. Die Betreiber der teuren Offshore-Windsparks in Nord- und Ostsee sind verärgert, dass es immer neue Verzögerungen gibt, beim Energiesparen gibt es kaum Fortschritte, die Debatte über die Ökostromförderung entwickelt sich zum Dauerbrenner - die Liste ließe sich fortsetzen. Die Regierung muss an zahlreichen Stellschrauben drehen, ein abgestimmtes Konzept ist in vielen Bereichen aber noch nicht erkennbar.

  • Welche Erfolge gibt es?

    Der Ausbau der erneuerbaren Energie liegt nicht nur im Plan, er übertrifft sogar die Erwartungen. Im ersten Halbjahr 2012 machte Ökostrom erstmals mehr als 25 Prozent am deutschen Strommix aus, insgesamt wurden knapp 68 Milliarden Kilowattstunden ins Stromnetz eingespeist. Die Windkraft hat mit 9,2 Prozent den größten Anteil, vor der Bioenergie mit 5,7 Prozent. Der Anteil der Solarenergie hat sich binnen Jahresfrist fast verdoppelt und liegt nun mit 5,3 Prozent auf dem dritten Platz, vor der Wasserkraft mit vier Prozent.

  • Was bedeutet das für die Verbraucher?

    Der Anstieg der erneuerbaren Energien kann für die Stromkunden teuer werden. Wenn mehr Ökostrom produziert wird, steigt auch die Umlage zur Förderung der Energie aus Sonne, Wind oder Wasserkraft, die über den Strompreis gezahlt wird. Diese ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt und liegt aktuell bei 3,59 Cent pro Kilowattstunde. Das bedeutet für einen Durchschnittshaushalt rund 125 Euro Zusatzkosten pro Jahr. Der Aufschlag dürfte sich nun deutlich erhöhen. Spekuliert wird bereits über einen Anstieg auf 5,3 Cent zum Jahreswechsel, was die Kosten für einen Durchschnittshaushalt auf 185 Euro hochtreiben würde.

  • Wird der drohende Anstieg der EEG-Umlage Konsequenzen haben?

    Das ist noch offen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) warnt immer wieder, dass hohe Strompreise die Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnten. Er fordert deshalb eine Reform der Förderung. Die Regierung hat jedoch erst 2011 eine Reform des EEG auf den Weg gebracht, die Anfang 2012 in Kraft trat und bei der Solarförderung nochmals verändert wurde. Außerdem ist der Strompreis viel stärker gestiegen als die Ökoenergieförderung. Umweltschützer halten mangelhaftes Energiesparen und pauschale Befreiungen für die stromintensive Industrie für die eigentlichen Preistreiber.

  • Wie weit ist der Ausbau der Windenergie?

    Neben dem Ausbau der Windkraftanlagen an Land gilt der Ausbau der Offshore-Windenergie, also der Windkraftanlagen im Meer, als wichtiger Pfeiler der Energiewende. Bis zum Jahr 2020 sollen vor den Küsten Windenergieanlagen mit einer Kapazität von 10 000 Megawatt zur deutschen Stromerzeugung beitragen. Das sind ungefähr 2000 Windkraftwerke. Gegenwärtig arbeiten in der Nordsee aber erst 28 Anlagen mit 140 Megawatt Leistung. Dazu kommen noch 21 kleinere Windkraftwerke in der Ostsee - macht zusammen gerade einmal 180 bis 190 Megawatt.

  • Woran hakt es?

    Das größte Problem ist nach wie vor die Anbindung der Anlagen in Nord- und Ostsee an das Festlands-Stromnetz. Zudem reichen die Leitungen an Land nicht für den Weitertransport des Windstroms in den Süden Deutschlands. Die Stromerzeuger sehen wegen der Verzögerungen beim Netzanschluss inzwischen die ganze Energiewende in Gefahr. Sie verlangen dringend Klarheit, wer dafür haftet, wenn die Windparks stehen, aber nicht ans Netz gehen können. Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Peter Altmaier (CDU) haben vorgeschlagen, dass die Verbraucher die Kosten für Verzögerungen über den Strompreis mittragen sollen. Rösler hofft auf eine endgültige Regelung noch im Sommer.

  • Wie weit ist der Netzausbau insgesamt?

    Für die Energiewende werden laut Bundesregierung 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen benötigt. Weitere 4400 Kilometer des bestehenden Netzes sollen fit gemacht werden für die schwankende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie. Die Netzbetreiber haben einen Entwurf für einen Netzentwicklungsplan vorgelegt, bis Mitte August soll eine zweite Version fertig sein. Die Bundesnetzagentur verlangt nun, der Ausbau müsse viel schneller gehen. Rösler fordert deshalb bereits, vorübergehend Umweltstandards außer Kraft zu setzen, so dass zum Beispiel bei Klagen gegen den Bau von Leitungen eine Gerichtsinstanz ausreicht.

Bei der Fotovoltaik gehen die jährlich weiter hinzu kommenden Lasten zurück, aber nun beginnt der Boom bei der Windenergie erst richtig. Die ist zwar – gerade im sonnenarmen Deutschland - effizienter als die Solartechnik, produziert aber ein Vielfaches an Kilowattstunden. Auch kleine Einspeisevergütungen türmen da hohe Lasten für die Stromkunden auf. Wenn nichts getan werde, so die Kalkulation aus dem Umweltministerium, entstehen bis zum Jahr 2020 noch Zahlungsverpflichtungen in Höhe von 560 Milliarden Euro nur für die Einspeisung des erneuerbaren Stroms. 316 Milliarden sind schon für die bis heute installierten Anlagen gezahlt oder garantiert. Hinzu kommen etwa 100 Milliarden Euro für den Netzausbau und die notwendigen Reservekraftwerke, falls die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht.

Umwelt Altmaier kämpft mit der Energiewende

Chancen und Risiken der Methode Altmaier

Quelle: dpa

Vor allem aber geht Altmaier das Risiko ein, als hilfloser Scharfmacher zu gelten. Denn je größer die Kosten werden, die er für Sonnen- und Windenergie in Aussicht stellt, desto größer ist der Schatten, der auf seine eigene Politik fällt. Der selbst ernannte Strompreisbremser setzt zwar darauf, dass keiner seiner Kontrahenten die Verantwortung übernehmen wolle, wenn die Kilowattstunde immer teurer wird. Doch jedem ist auch klar, dass er die von ihm konzipierte „Strompreisbremse“ nicht ungeschoren durch Bundestag und Bundesrat bekommt.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%