Ernährung: Anstand satt

Wird es dem Kotelett ergehen wie der Zigarette? Die Folgen des Dioxinskandals für die Massentierhaltung.

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Dioxin

Für 27 Millionen deutscher Schweine gibt es Hoffnung. Natürlich wird sich ihr Dasein nicht sofort verbessern. Aber immerhin das lässt sich mit einiger Sicherheit sagen: Die Enkel oder wenigstens die Urenkel der Zuchttiere unter ihnen werden es einmal besser haben.

Woher man das weiß? Aus einer Marktuntersuchung der Fleischindustrie, deren Gegenstand der ärgste Feind der Schweine ist, der Verbraucher. Er wandelt sich gerade. Ein "mengenorientierter Fleischkonsum", heißt es in der Studie, sei "out". Noch nicht überall, aber dort, wo es besonders wichtig ist: "In den gesellschaftlichen Leitmilieus."

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Mengenorientierter Fleischkonsum – diese Formulierung sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen, vielleicht zusammen mit einem saftigen Schweinenackenkotelett vom Discounter. Mengenorientiert essen, nicht gut, nur viel muss es sein, 700 Gramm Kotelett, "deutsches Qualitätsfleisch", gibt es schon für 2,39 Euro. Wer dieses Billigfleisch kauft, der will nicht wissen, wie es produziert wurde. Das Problem ist, dass es trotzdem jeder weiß. Und weil das so ist, kann man über die Umstände der mengenorientierten Kotelettproduktion nichts berichten, ohne das verdrängte Grauen in den Fleischfabriken wachzurufen. Sogar gute Nachrichten helfen nicht: Schweinefleisch jetzt wieder ohne Dioxin – wenn Ilse Aigner, die Bundeslandwirtschaftsministerin, das schließlich verkünden kann, wird jeder wieder an die armen Schweine denken.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung. In gesellschaftlichen Leitmilieus ist mengenorientierter Fleischkonsum out.

Was sich da anbahnt, ist eher eine Revolution als eine Reform. Am kommenden Wochenende wird in Berlin die erste bundesweite Demonstration gegen Massentierhaltung stattfinden. Tierschützer, Umweltorganisationen und Vertreter der Biobranche haben dazu aufgerufen. Ihre Parole: "Wir haben es satt!"

Natürlich braucht es für eine Agrarrevolution mehr als eine Demonstration. Aber es gibt viele Anzeichen eines Wandels. Da sind die Bücher der Fleischverächter auf der Bestsellerliste. Da ist die wachsende Zahl der Vegetarier – wenige Promille waren es in den achtziger Jahren, heute sind es nach unterschiedlichen Umfragen sechs, acht, womöglich elf Prozent. Da ist das Wachstum der Biobranche. Und da ist eine Umfrage aus dem vergangenen Sommer: Jeder zweite Deutsche hat sich vorgenommen, weniger Fleisch zu essen. Natürlich werden nicht alle ihren guten Vorsätzen treu bleiben. Aber dass es überhaupt als guter Vorsatz gilt, weniger Fleisch zu essen, das ist neu.

Die Fleischlobby scheint unterdessen verstummt zu sein, auch das ist neu. Man muss schon eine Weile zurückdenken, um sich an ihre absurden Argumente zu erinnern: dass Käfighühner es doch gut hätten in ihren engen Gefängnissen – trocken, warm, geschützt vor ihren leider sehr zum Kannibalismus neigenden Artgenossen. Wer derlei heute noch verträte, würde sich lächerlich machen.

Wie ein Konsummuster sich wandeln kann, zeigt das Beispiel des Tabaks. Wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass es ein Rauchverbot im öffentlichen Raum je geben würde? Im Rückblick sieht man die Vorgeschichte klarer. Dass Rauchen ungesund ist, weiß und wusste fast jeder. Aber es musste Zeit vergehen, bis diese Erkenntnis sich in Überdruss verwandelte, bis diese die kulturellen Leitmilieus erfasste, bis die Raucher aus dem Fernsehen, dem Kino und am Ende aus der Öffentlichkeit verschwanden.

Wird es dem Kotelett am Ende ergehen wie der Zigarette? Für diese Vermutung spricht, dass immerhin 345 Hochschullehrer, unbestreitbar eine Elite, den Appell gegen die Massentierhaltung unterstützen. So weit kommt es noch, könnte man ihnen entgegenhalten, dass ausgerechnet gut verdienende Professoren den einfachen Leuten die Wurst vom Brot nehmen! Der Einwand ist auf den ersten Blick nicht abwegig, gerade weil exzessiver Fleischkonsum inzwischen vor allem ein Unterschichtphänomen ist. Je mehr Geld eine Familie ausgeben kann, desto weniger Fleisch und Wurst kommen ihr auf den Tisch.

Kulinarischer Klassenkampf

Aber selbst wenn dieser Konflikt Züge eines kulinarischen Klassenkampfs aufweist, was ist daran so schlimm? Es käme ja auch niemand auf die Idee, Nikotin- oder Alkoholmissbrauch in der Unterschicht als Ausdruck kultureller Selbstbestimmung zu verteidigen. Zudem haben die Exzesse der Massentierhaltung einen rasanten Preisverfall erwirkt. Vor vierzig Jahren musste ein Arbeiter für ein Stück Schweinefleisch viermal so lange arbeiten wie heute. Wem das Schicksal der Schweine egal ist, der mag das für einen Fortschritt halten. Doch lässt sich so kein Grundrecht auf billiges Fleisch begründen.

Anständig essen heißt das Buch der Schriftstellerin Karen Duve über ihre Versuche, besser zu leben. Darum geht es: um Anstand. Man muss Tiere nicht lieben, man muss keine Philosophie der Tierrechte entwickeln, und insbesondere muss man nicht glauben, dass Tiere unter keinen Umständen gegessen werden dürfen, um zu wissen, dass die Fleischproduktion in Massentierhaltung barbarisch ist. Was fehlt, ist der Anstand, aus dieser Einsicht Konsequenzen zu ziehen.

Man könnte die Demonstration am kommenden Wochenende einen Aufstand der Anständigen nennen. Treffpunkt ist der Berliner Hauptbahnhof, am Samstag um 12 Uhr.

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