Ernährung: Gütesiegel mit zweifelhaftem Ruf

Ernährung: Gütesiegel mit zweifelhaftem Ruf

von Christian Ramthun

Ministerin Aigner schuf das Label "Ohne Gentechnik". Daraus schlagen eine Agentur und ein Ex-Greenpeacer nun Profit.

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Gentechnikgegner reißen auf einem Maisfeld gentechnisch veränderte Maispflanzen aus dem Boden (2008)

Edel, hilfreich und gut möchte Bundesministerin Ilse Aigner sein. Eine Verbraucherschützerin, die die Sorgen der Bürger ernst nimmt. Auch bei der Gentechnik, die den Deutschen so unheimlich ist wie sonst nur die Atomenergie. Und deshalb kam die CSU-Politikerin auf die Idee, für Nahrungsmittel das Logo "Ohne Gentechnik" zu kreieren.

Mit den Details, der Vermarktung und Verbreitung des schmückenden Beiwerks mochte sich die Ministerin allerdings nicht weiter befassen. Stattdessen unterstützte sie die Gründung des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik e. V., der sich um das Aigner-Logo kümmern soll. Doch das mit Steuergeldern kofinanzierte Projekt genießt in der Ernährungsbranche einen eher zweifelhaften Ruf.

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Im Internet-Portal www.label-online.de, das die Verbraucher Initiative betreibt, gilt das Aigner-Logo unter den schätzungsweise 1000 Siegeln nur als "eingeschränkt empfehlenswert". Georg Abel, Geschäftsführer der Verbraucher Initiative, kritisiert, dass "Ohne Gentechnik" keine eigenen Kontrollen durchführe, sich ganz auf die amtliche Lebensmittelüberwachung verlasse und die Vergabe des Labels undurchschaubar sei. Abel: "Jedes Biosiegel bleibt diesem Logo in Sachen Anspruch, Transparenz und Glaubwürdigkeit überlegen."

Kritik aus dem Ministerium

Selbst im Bundesverbraucherministerium hagelt es intern Kritik. "Ohne Gentechnik" sei der "größte Sch...", ärgert sich ein langjähriger Ministerialbeamter. Bei Fleisch, Milch und Eiern gelte das Versprechen nämlich nur für die Verwendung von Futtermitteln, die nicht aus genveränderten Pflanzen hergestellt sein dürfen. Das Gentechnik-Verbot betreffe aber nicht Vitamine oder Antibiotika, die Tieren verabreicht würden. Eine Halbherzigkeit, räumt Alexander Hissting ein, Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik und früher ausgerechnet bei Greenpeace beschäftigt.

Von einer "Greenpeace-Connection" sprechen Kritiker im Bundesverbraucherministerium. Die Umweltorganisation habe großen Einfluss auf das Aigner-Haus – sie nutze die Angst der Ministerialen aus, ins Visier der Ökokrieger zu geraten. In die Connection-Theorie passt auch der für Gentechnik zuständige Leiter des Referats 222, Wolfgang Köhler; er kam einst mit der Grünen-Politikerin Renate Künast, die das Ministerium von 2001 bis 2005 leitete. Auch der Vorgesetzte von Wolfgang Köhler, Unterabteilungsleiter Martin Köhler, gilt als in der Wolle gefärbter Grüner.

Bemerkenswerterweise zollten die sonst so kritischen Greenpeacer Beifall, als Aigner das wachsweiche Logo „Ohne Gentechnik“ vorstellte. "Die Kennzeichnung ist gut für die Verbraucher", sagte Hissting im März 2010, damals noch bei der Umweltorganisation angestellt. Kurz darauf wechselte er zur Berliner Agentur "Grüne Köpfe Strategieberatung" und besorgt nun die Geschäfte des Ohne-Gentechnik-Verbandes. Die unterstützt das Ministerium mit 80.000 Euro "nicht rückzahlbarer Zuwendung".

Ein Schelm, der an eine öffentliche Anschubfinanzierung für das neue Berufsleben eines ehemaligen Aktivisten denkt? Hissting selbst warb vor seinem Jobwechsel bereits in der Ernährungswirtschaft um Aufträge und bot an, "Ihr Unternehmen ökologischer und sozialer auszurichten". Gern wollte er auch das "GreenProfit Konzept" der Grünen Köpfe persönlich vorstellen. Doch nicht jeder Angesprochene freute sich über die Rundmail.

Das Bundesverbraucherministerium mag offiziell nichts Schlechtes an der Liaison finden. Auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Karin Binder (Die Linke) erklärte Staatssekretär Gerd Müller, er könne "keinen Interessenkonflikt oder eine unzulässige Mittelvergabe erkennen". Doch hinter der Fassade des Ministeriums ist die Aufregung groß. Kaum war die Anfrage von Binder durch das Bundestags-Fax gelaufen, soll es zwischen Referatsleiter Köhler und dem Ohne-Gentechnik-Verband eifrigen Telefonverkehr gegeben haben.

Das spricht nicht für ein reines Gewissen. Selbst das Minimalziel von "öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen zur Bekanntmachung und Verbreitung" (Müller) wird beim Ohne-Gentechnik-Logo verfehlt. Auch nach einem Jahr war die Web-Site noch ein Provisorium.

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