Essay: Sachsen zeichnet ein Bild der Schande

Essay: Sachsen zeichnet ein Bild der Schande

Erst Pegida nun Nazi-Ausschreitungen: Sachsen setzt einen hässlichen Fleck auf die deutsche Willkommenskultur. Die Fremdenfeindlichkeit haben die Freistaatler bei niemandem gelernt; die haben sie sich selbst beigebracht.

Im Umfeld des 25-jährigen Jubiläums der deutschen Einheit kann mal an das Phänomen erinnert werden, dass die deutsche Einheit immer dann am stärksten spürbar war, wenn wir eine Art Ausnahmezustand hatten, also während dem Oder- und dem Elbehochwasser (1997 und 2002) oder während der Fußballweltmeisterschaft 2006. Im Alltag weisen Ost und West gern auf ihre Unterschiedlichkeit hin, doch in Katastrophen wie im Karneval erleben wir uns als ein Volk. Insofern müsste uns die Flüchtlingskatastrophe, deren Ausläufer uns jetzt erreichen, auch einen. Doch das Gegenteil ist der Fall; Sachsen spaltet den Konsens und setzt einen hässlichen Fleck auf die deutsche Willkommenskultur.

Thomas Brussig Quelle: Laif

Thomas Brussig

Bild: Laif

Warum es gerade in Sachsen diese Häufung an offenen, hässlichen Feindseligkeiten gegenüber Flüchtlingen gibt, kann sich kaum jemand erklären. Vor einer Generation waren die medial präsenten Flüchtlinge selbst Sachsen, zumindest gefühlt sprach ein jeder Sächsisch in die Mikrofone hinter der ungarisch-österreichischen Grenze oder in der Prager Botschaft. Das Gefühl, „dass uns die Zukunft verlässt“, sorgte bei den Verbleibenden für so viel Beunruhigung, dass, ausgehend von den Leipziger (sic!) Montagsdemos, das DDR-System gestürzt wurde. Warum sich da nicht die Erkenntnis auftut, dass jetzt mit den syrischen Flüchtlingen „eine Zukunft zu uns kommt“ – keine Ahnung. Aber eines ist klar: Die Fremdenfeindlichkeit haben die Sachsen bei niemandem gelernt; die haben sie sich selbst beigebracht.

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Zum Autor

  • Thomas Brussig

    Brussig, 50, ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren („Am kürzeren Ende der Sonnenallee“) und gebürtiger Ostdeutscher. Zuletzt erschien von ihm „Das gibts in keinem Russenfilm“.

Ich mag es nicht besonders, wenn alles, was im Osten schiefläuft, auf das DDR-Erbe zurückgeführt wird; es gibt nicht wenige Wende-bedingte Verwerfungen. Was Sachsen angeht, erweist sich die Übernahme des bayrischen Rollenmodells als verheerend. Der „Freistaat Bayern“ hat auf die Bewohner des neuen „Freistaates Sachsen“ als Vorbild gewirkt, und schnell entwickelte sich das Selbstverständnis vom arbeitsamen, pfiffigen Sachsen, der der Welt zeigt, was wirklich in ihm steckt, und der sich dickköpfig gegenüber allen auswärtigen Besserwissereien zeigt. „Mia san mia“ war unübersetzbar, aber aus Obamas „Yes, we can“ machten die Dresdner zumindest „Nu, mir gönn’“. Und tatsächlich hat sich Sachsen am besten aus der postsozialistischen Malaise herausgearbeitet. Zwar ist das Westniveau in Bezug auf die einschlägigen statistischen Zahlen noch fern, aber unter den Ost-Ländern hat sich Sachsen am erfreulichsten entwickelt. Insofern war Sachsen dabei, sich einen guten Ruf zu verdienen. Nun aber wird die Landeshauptstadt, die mit einer technischen Intelligenz und einer kulturell so interessierten Bevölkerung gesegnet ist, mit „Pegida-Hochburg“ assoziiert. Städte wie Freital, Heidenau, Böhlen, Hoyerswerda – sie alle werden zum Synonym für Fremdenfeindlichkeit.

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