Essen ist Kulturhauptstadt: "Dies ist eine Region im Aufbruch"

Essen ist Kulturhauptstadt: "Dies ist eine Region im Aufbruch"

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Dieter Gorny, Künstlerischer Direktor der RUHR 2010

von Christopher Schwarz

Mit einer großen Eröffnungsfeier auf der Essener Zeche Zollverein startet das Ruhrgebiet in das Kulturhauptstadtjahr 2010. Dieter Gorny, Künstlerischer Direktor der RUHR.2010, über Pott-Klischees, Kreativwirtschaft und Kultur als Motor urbaner Entwicklung.

WirtschaftsWoche: Herr Gorny, dass das Ruhrgebiet in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist, halten manche Hamburger oder Münchner immer noch für einen Scherz. Hat die Region ein Kommunikationsproblem in Sachen Kultur?

Gorny: Ja, weil sie unterschätzt wird. Es gibt einen großen Unterschied in der Innen- und Außenwahrnehmung. Von Umfragen wissen wir, dass die Kulturhauptstadt in NRW einen fast neunzigprozentigen Bekanntheitsgrad hat, aber jenseits der Landesgrenzen stößt man immer noch auf Ignoranz, da dominiert nach wie vor das Pott-Klischee, dieses Image von Kohle und Maloche. Die besten Multiplikatoren der Kulturhauptstadt sind die Besucher aus dem Ausland. Die sind völlig baff, wenn sie sehen, was aus der ehemaligen Zechenlandschaft geworden ist. Welch ein Juwel etwa die Bochumer Jahrhunderthalle darstellt. Das konnte man gerade erst wieder bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises erleben.

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Es gibt etliche renommierte Festivals in der Region, die Ruhrtriennale, die Ruhrfestspiele, das Klavierfestival Ruhr, außerdem eine Fülle von Museen, Theatern und Opernhäusern. Was kann darüber hinaus die Kulturhauptstadt leisten?

Sie bündelt Aktivitäten und arbeitet an einem ganzheitlichen Auftritt der Region. Dafür gibt es erste Ansätze, auch in der Wirtschaft, bei Messen wie der Expo Real in München, wo das Ruhrgebiet mit Metropole-Ruhr-Ständen auftritt und dem Publikum so das Gefühl vermittelt, dass sich die Ruhr-Städte als Einheit verstehen, mit all den Vorteilen, die damit verbunden sind, etwa den kurzen Wegen: Oper in Essen, Schauspiel in Dortmund, Entertainment in Bochum – das sind Attraktionen im Umkreis von nur zwanzig  Kilometern.

Angesichts der prekären Haushaltslage der Städte, der Schließung von Schwimmbädern oder der Erhöhung von Kindergartenbeiträgen, zweifeln, gerade im Ruhrgebiet, viele Leute am Sinn der Europäischen Kulturhauptstadt. Zu recht?

Damit sind wir am Kern der Sache: Wozu ist die Kulturhauptstadt überhaupt da? Wir haben von Anfang an betont, dass wir nicht das große Festival-Rad drehen wollen, sondern die RUHR.2010 als einen Initialimpuls für den Wandel durch Kultur verstehen, als einen Schritt in einem langfristigen Prozess, der auf die Zukunftsfähigkeit der Region gerichtet ist. Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt hier  zu leben und zu arbeiten. Dafür muss in die kulturelle Infrastruktur investiert werden. Kultur ist heute ein Motor für die Entwicklung urbaner Ballungsräume. In dieser Hinsicht hat das Ruhrgebiet noch Nachholbedarf. Gerade erst hat die Bochumer Uni in einer Studie nachgewiesen hat, dass das Ruhrgebiet immer noch die Region mit der am stärksten schrumpfenden und alternden Bevölkerung in Deutschland ist.  

Warum gehen Studenten lieber nach Köln als nach Bochum?

Weil sie in Köln ein urbanes Umfeld vermuten, dass ihnen mehr bietet als nur Oper und Museum: Eine freie Kunstszene und Kreativwirtschaft, die für ein buntes, lebenswertes Stadtbild sorgt.

Sie sind als Künstlerischer Direktor der RUHR.2010 für die Kreativwirtschaft zuständig. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Am besten gefällt mir die Definition der Engländer. Die verstehen darunter alle Branchen, denen als Kernprodukt eine kreative, verwertbare Leistung zugrunde liegt. Dazu gehören der Architekt, der Designer, der Medienmanager, aber auch der Maler oder der Musiker. Interessant ist, dass all diese Branchen, besonders ihre Produkte, kulturelle Identifikation ermöglichen. Zugleich sind sie massiveingebunden in die geradezu sprunghafte technologischen Entwicklung: Stichwort Digitalisierung. Sie sind ein harter ökonomischer Faktor. Noch vor der Finanzkrise rangierte die Kreativwirtschaft in Deutschland nach Banken und Automobilwirtschaft auf Platz drei der Wertschöpfung.

Und Sie glauben, dass die Ruhr-Region hier besondere Potentiale hat?

Jedenfalls war das Wachstum 2008 in diesem Bereich doppelt so stark wie bei der übrigen Wirtschaft. Wir sind, was die Arbeitsplätze angeht, etwa auf dem Niveau Berlins, wo 2007 rund 80 Tausend Beschäftigte in der Kreativwirtschaft tätig waren und damit elf Prozent des Bruttosozialprodukts der Hauptstadt erwirtschafteten. Das ist die Benchmark in Deutschland.

Einerseits gehen junge Leute weg, andererseits floriert die Kreativwirtschaft. Wie passt das zusammen?

Dass es erstaunlich viele Werbeagenturen gibt in Dortmund heißt nicht, dass das Ruhrgebiet vergleichbar sei mit Düsseldorf oder Berlin. Wir fangen erst an, die Kreativwirtschaft als profilgebendes Element der Stadtentwicklung auszubauen. Zum Beispiel mit einem Festival wie Kreative Klasse Ruhr, wo über eine Woche Tag der offenen Tür ist. Da geht es um ganz einfache Fragen: Wie viele Unternehmen gibt es in welcher Branche? Oder wo bekomme ich einen Praktikumsplatz? Das ist auch hilfreich für die Wirtschaftsförderung, die auf diese Weise erfährt, was die Branchen wirklich brauchen. Vor allem entstehen so kommunikative Strukturen und Szenen. Schauen Sie nach Berlin: Das gibt es ein einzigartiges Kulturangebot, aber der Hype kommt über die Vermarktung der Berliner Kreativszene zustande.

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