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EU-Lobbyismus: Bundesregierung schützt Bahn vor zu viel Wettbewerb

von Silke Wettach

Die Deutsche Bahn lässt sich in Brüssel von der Bundesregierung helfen und setzt auf straff organisierte Lobbying-Arbeit. Mit Erfolg: So fallen neue Richtlinien, die für mehr Bahn-Wettbewerb in Europa sorgen sollten äußerst zahm aus.

Ein ICE fährt in den Bahnhof Quelle: AP
Ein ICE fährt in den Bahnhof von Frankfurt am Main ein. Die Deutsche Bahn wird stark von der Bundesregierung unterstützt Quelle: AP

Der Draht zu Politik ist kurz, sehr kurz sogar. Wenn die Deutsche Bahn in Brüssel die Hilfe der Bundesregierung benötigt, dann kann sie auf deren Unterstützung zählen. Jüngstes Beispiel: Die Überarbeitung des ersten Eisenbahnpakets. Die Neufassung der drei Richtlinien, die für mehr Wettbewerb in Europa sorgen sollen, fällt äußerst milde aus. EU-Verkehrskommissar Siim Kallas wird am kommenden Mittwoch seinen Entwurf vorstellen, der den Bahnen keine schärfere Trennung von Netz und Betrieb auferlegt. In Brüssel ist es ein offenes Geheimnis, dass die Bundesregierung Druck auf die EU-Kommission ausgeübt hat, um die Vorgaben abzuschwächen.

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Verzögerung wegen politischem Druck

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Europäischen Parlaments, der Brite Brian Simpson, mag sich das Schauspiel nicht länger ansehen. In einem Brief an Kommissionspräsident José Manuel Barroso stellte er Anfang Juli die Frage, wie es möglich sei, dass ein einziger Staat beim Thema Bahnliberalisierung einen derartig bremsenden Einfluss ausüben könnte. Eine Antwort hat er darauf bis heute nicht bekommen. An Barrosos Stelle schrieb Verkehrskommissar Kallas dem Abgeordneten beschwichtigend, dass er seine Vorschläge ja doch noch vorstellen werde. Ursprünglich hätten sie bereits vor der Sommerpause vorgelegt werden sollen, aber auch die Verzögerung führt Simpson auf politischen Druck zurück.

Auf den Gängen des Europäischen Parlaments kursieren immer neue Versionen, wer und wann im Sinne der Deutschen Bahn politisch interveniert hat. Dem deutschen Unternehmen kommt zugute, dass der europäische Bahnlobby-Verband Community of European Railways (CER) vom Deutschen Johannes Ludewig geleitet wird. Der war nicht nur von 1997 bis 1999 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn und kennt somit die deutschen Anliegen bestens. Aus seiner Zeit als Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Ost-Beauftragter der Kohl-Regierung verfügt er auch über hervorragende Kontakte in der Politik. Als Mitglied der hochrangigen Expertengruppe zum Bürokratieabbau in der EU sieht er zudem deren Leiter Edmund Stoiber regelmäßig. Der frühere Ministerpräsident Bayerns, so ist in Brüssel zu hören, soll sich bei Kommissionspräsident Barroso gegen allzu viel Liberalisierung bei der Bahn verwendet haben.

Mit Sorge beobachtet der Abgeordnete Simpson, dass die französische Staatsbahn SNCF ähnlich starke politische Unterstützung genießt, so dass sich Deutschland und Frankreich bei Bedarf abstimmen und in Brüssel konzertiert handeln. Ende August haben Verkehrsminister Peter Ramsauer und sein französischer Kollege Dominique Busserau bei einem Treffen in Berlin offenbar vereinbart, sich im Kampf gegen mehr Bahnliberalisierung gegenseitig zu unterstützen.

Das Europäische Parlament hofft nun auf den Europäischen Gerichtshof. Der wird in ein bis zwei Jahren entscheiden, ob Deutschland, Frankreich und elf weitere angeklagte EU-Mitgliedsstaaten die drei Richtlinien zur Bahnliberalisierung ordentlich umgesetzt haben. Die Kommission hatte sich fünf Jahre Zeit gelassen, ehe sie das Verfahren angestoßen hatte. Im Europäischen Parlament glaubt man zu wissen, warum es so lang gedauert hat.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 15.09.2010, 19:21 UhrAnonymer Benutzer: Johannes Ludewig

    3. Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ist - wie allgemein bekannt - nach wie vor sehr aktiv auf vielen politischen Feldern unterwegs, in Deutschland und Europa, dort nicht zuletzt in Sachen bürokratiedabbau. Daß er sich jetzt - Gerüchten zufolge - auch noch um die Liberalisierung des bahnverkehrs auf höchster Ebene in Europa kümmern soll, kann naturgemäß nicht ausgeschlossen werden

  • 15.09.2010, 19:19 UhrAnonymer Benutzer: Johannes Ludewig

    1. Die Überarbeitung und Zusammenfassung des sog. Ersten Eisenbahnpakets, kurz: Recast, die am Freitag dieser Woche von der EU-Kommission beschlossen wird, war von der EU-Kommission zu keinem Zeitpunkt mit der Absicht verknüpft worden, irgendetwas an der derzeitigen Rechtslage zum Thema 'Trennung von Netz und betrieb' zu ändern. Solche behauptungen sind Anfang dieser Woche von der EU-Kommission selbst als "blanker Unsinn" zurückgewiesen worden. Diese Klarstellung ist aus der Sicht der EU-Kommission auch folgerichtig, weil sie gerade erst eine ganze Reihe von Mitgliedsstaaten wegen unzureichender Umsetzung der derzeit gültigen Rechtsbestimmungen zu diesem Thema (Netz/betrieb) vor dem EuGH verklagt hat. Würde sie also jetzt die Rechtslage hierzu ändern wollen, würde sie damit indirekt den Eindruck erwecken, daß sie selbst die derzeitige Rechtslage für unzureichend hält - was wiederum ihre Aussichten vor dem EuGH nicht gerade verbessern würde.



    2. Der beitrag von Frau Wettach wiederholt ein Mal mehr das altbekannte Klischee, die "alten Staatsbahnen" - vor allem die französische SNCF und die Deutsche bahn - täten alles, um die weitere Lieberalisierung und Marktöffnung für die Eisenbahnen in Europa zu verhindern oder abzubremsen. Dabei weiß inzwischen jeder, der die Entwicklung genauer verfolgt, daß das Gegenteil richtig ist. Denn die "alten bahnen" verlieren durch die voranschreitende Marktöffnung in ihren Heimatmärkten an Marktanteil, sie müssen also, wenn sie nicht schrumpfen wollen, auf anderen Märkten in Europa neue Kunden im Güter- und Personenverkehr gewinnen. Deswegen treten die großen bahnen sehr engagiert für weitere Marktöffnung in ganz Europa ein, während manche kleinere bahn, vor allem solche mit schlechter Finanzausstattung wie in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas, es in dieser Hinsicht nicht immer so eilig haben.

  • 10.09.2010, 19:54 UhrAnonymer Benutzer: Oeftering

    Wo, liebe Freunde, ist der Eisenbahnmarkt so offen wie in diesem unseren Land ?

    Wer es nicht glaubt, soll sich bei der Regulierungsbehörde erkundigen (und vielleicht dann erst losplärren).

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