EU: Vergebliche Hoffnungen der Europapolitik

InterviewEU: Vergebliche Hoffnungen der Europapolitik

Bild vergrößern

Der Soziologe Wolfgang Streeck sieht den Euro als Rückfall hinter das Bretton Woods System.

von Ferdinand Knauß

In der EU steht ein ständiges Feilschen und Streiten bevor. Der Soziologe Wolfgang Streeck über die Ursprünge der Krise, die Irrtümer der Integrationspolitik und die Griechen als VfL Bochum Europas.

WirtschaftsWoche Online: Wenn ein Historiker irgendwann einmal die Geschichte der Europäischen Krise schreiben will, wie weit muss er zurückblicken?

Streeck: Wenn er auch die Vorgeschichte erzählen will, müsste er spätestens 1945 anfangen. Damals ist der westliche Kapitalismus in einem neuen System organisiert worden. International das Bretton Woods System, national der keynesianische Sozialstaat. Und jetzt erleben wir, wie sich diese Konfiguration in einem langen krisenhaften Prozess auflöst.

Anzeige

Das Bretton Woods System mit dem Gold-Dollar-Standard war ja schon 1973 am Ende.

Seitdem suchen wir nach einer tragfähigen internationalen Währungs- und Wirtschaftsordnung. Der Euro ist ein Teil dieser Sache. Schon Ende der 1960er Jahre haben die europäischen Regierungen über eine gemeinsame Währung gesprochen. Die gemeinsame Währung ist immer als Instrument zur Stabilisierung der Wirtschaftsbeziehungen innerhalb Europas gesehen worden.

Derzeit erscheint diese Währungsunion nicht besonders stabilisierend. Soviel Streit in Europa gab es lange nicht mehr. Der Historiker Werner Abelshauser machte neulich in der WirtschaftsWoche die verschiedenen Wirtschaftskulturen, die Europa trennen, dafür verantwortlich, dass der Euro nicht funktioniert.

Ja, das ist zum Teil so. Wenn man die unterschiedlichen Wirtschaftskulturen charakterisieren will, dann hat das sehr viel mit dem Geld zu tun, der zentralen Institution. Das zeigte sich auch bei der Einführung des Euro. Die Initiative ging von den Franzosen aus. Sie wollten den Euro haben, weil sie sich von der Stabilitätspolitik der Bundesbank ständig bedrängt fühlten. Das Hartwährungsregime der Bundesbank stand gegen das Weichwährungsregime der Franzosen und Italiener. Die Deutschen dachten: Wenn wir uns auf den Euro einlassen, können wir unser Hartwährungsregime exportieren. Aber die hiesigen Unternehmen hatten sich über Jahrzehnte an eine Hartwährungspolitik gewöhnt und konnten damit umgehen. Das können die Unternehmen in den anderen Ländern viel weniger.

Die hatten sich stattdessen an Weichwährungsregime gewöhnt.

Ja, an Währungen, die abgewertet werden können. In den Weichwährungsländern glaubte man: Wenn wir mit den Deutschen den Euro machen, dann sind wir in der Mehrheit und können nicht nur die Bundesbank europäisieren, sondern der gemeinsamen Währung auch noch ein paar von unseren Vorstellungen mitgeben.

Letztlich versuchten also beide Seiten die andere stillschweigend auszutricksen.

Die Deutschen dachten, wenn wir das jetzt in den Vertrag schreiben, müssen sich alle dran halten. Dann haben wir eine unabhängige Zentralbank, die nur auf Geldwertstabilität achtet. Man glaubte, die anderen fügen sich dieser Disziplin und kämpfen in einem fairen Wettbewerb – obwohl sie auf lange Zeit immer verlieren werden. Die Deutschen haben gedacht, die sind wie der VfL Bochum, denen macht das nichts aus, solange sie nur mitspielen dürfen. Und die anderen dachten, wenn wir erst mal drin sind, ändern wir die Regeln. Eine wichtige Rolle spielte auch der traditionelle Glaube der Franzosen an den Primat der Politik: Wenn es notwendig ist, hat die Politik Vorrang. Die ganzen Schuldenbremsen, die jetzt installiert werden, bestehen ja alle mit Vorbehalt.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%