
Eigentlich war die Ausgangslage für die Genossen nämlich vergleichsweise günstig. Beim letzten Mal im Jahr 2004 hatte sie ein historisches Tief erlitten, es konnte also eigentlich nur noch besser werden; damit hatten auch alle gerechnet. Entscheidend sei, dass am Wahlsonntag bei der Gewinn/Verlust-Grafik der rote Balken nach oben zeige und der schwarze nach unten – wie lang der rote dann wäre, sei fast gleichgültig. Nur der Trend musste nach oben zeigen.
SPD kann günstige Vorgaben nicht nutzen
Nix da. Auch aus den anderen günstigen Vorgaben konnte die SPD nichts Positives machen:
Im Bundeskabinett sind neben der Kanzlerin nach wie vor die SPD-Minister tonangebend. In der Wirtschaftskrise profilieren sich insbesondere der Finanzminister und der Kanzlerkandidat.Im Streit um die Erhaltung der Arbeitsplätze bei strauchelnden Unternehmen hatte sich die SPD (auf Kosten der Steuerzahler) zum lautesten Anwalt der Jobs gemacht. Steinmeier plädierte früh und vehement für die Opel-Rettung, der Parteivorsitzende Müntefering war für Karstadt.Gleichzeitig griffen die Genossen den CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg an, der bei der Staatshilfe auf der Bremse stand.Gerade in Krisenzeiten, so die Hoffnung der SPD, könnten sich die Wähler zur Sozialdemokratie flüchten, weil sie dort am ehesten Schutz und Hilfe vermuteten. Deshalb plakatierte die Wahlkampfzentrale in der Schlussphase das „soziale Europa".Schließlich brachte das Willy-Brandt-Haus noch die vermeintlich schärfste Waffe in Stellung: den Kanzlerkandidaten Steinmeier. So wie bei der CDU die Kanzlerin posierte, die gar nicht zur Wahl stand, zeigte die SPD ihren Spitzenmann für die Bundestagswahl – wenn auch Seite an Seite mit der Nummer eins für Europa, Martin Schulz.
Alles vergebens. Zwar versucht der Parteivorsitzende Müntefering zu erklären, dass es eben nicht gelungen sei, bei dieser Wahl die eigenen Anhänger an die Urne zu locken. Nur: Europamüdigkeit verspüren die Anhänger fast aller anderen Parteien nahezu ebenso. Das reicht also als Argument nicht aus. Das Alarmsignal für die SPD: Wenn es nicht mal mit ihrem optimalen Mobilisierungs-Dreiklang – Kanzlerkandidat, ureigenes Thema Sozialpolitik, schwarzer Buhmann – gelingt, die eigenen Wähler auf Trab zubringen – wie dann?
Sinnlose Personaldebatte
Wenn jetzt allerdings in den Medien die Frage gestellt wird, ob die SPD eine Personaldiskussion bekommt – die würde nichts helfen. Wen sollte die kleinere Regierungspartei denn statt des beliebten Vizekanzlers knapp vier Monate vor der Bundestagswahl präsentieren? Herrn Müntefering, der den enttäuschten SPD-Wählern genauso als Architekt der Agenda 2010 gilt wie Steinmeier? Oder Umweltminister Gabriel, den nicht einmal alle Bundesbürger kennen (abgesehen davon, dass ihn viele Genossen auch nicht mögen)? Bliebe dann nur die Riege der Ministerpräsidenten, die vor 20 Jahren mal als „schmucke Riege" gefeiert wurde. Heute ist diese Mannschaft eine andere, und sie ist dezimiert: Kurt Beck, der als Bundesvorsitzender weggemobbt wurde; Matthias Platzeck, der die Belastung als SPD-Chef nicht verkraftet hat; der Bremer Jens Böhrnsen und der Mecklenburger Erwin Sellering, die bisher jenseits der Landesgrenzen nicht aufgefallen sind.
Bliebe nur einer: Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister von Berlin. Doch der lenkt die marode Hauptstadt gemeinsam mit der Linkspartei. Wer wollte mit einem Spitzenkandidaten „Wowi" da im Wahlkampf noch behaupten, für die SPD käme ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene nicht in Frage?








