Eurorettung: Deutschland verramscht sich

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GastbeitragEurorettung: Deutschland verramscht sich

Der Bundesregierung ist die Eurorettung über den Kopf gewachsen. Die Mehrheit der Deutschen wird von der EZB finanziell in die Zange genommen.

Eigentlich könnte man sich still freuen über den Dammbruch. Immobilien- und Aktienbesitz kombiniert mit Schulden ist die profitable Konstellation nach dem Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB), in kurzer Zeit mehr als 1000 Milliarden frisch gedruckter Euro in die Finanzmärkte zu pumpen.

Trotzdem: Jeden muss die Sorge umtreiben, dass Merkel & Co. die „Eurorettung“ über den Kopf gewachsen ist. Die Bundeskanzlerin wird ihrer Verantwortung mangels Weitblicks nicht mehr gerecht. Die Deutschen sind mehrheitlich weder Aktionäre noch Immobilienbesitzer, sondern Mieter, Sparer und abhängig Beschäftigte. Und damit werden sie finanziell in die Zange genommen. Eigentlich müssten Millionen auf den Straßen protestieren, wenn sie denn nur verstünden, was auf sie zukommt.

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Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

  • Hans-Werner Sinn, ifo Institut

    "Die EZB sollte keine Staatspapiere kaufen, denn dann würde sie die Zinsen der Wackelstaaten weiter drücken und sie anregen, sich noch mehr zu verschulden. Der Kauf wird von Artikel 123 des EU-Vertrages zu Recht verboten, weil er einer verbotenen Monetisierung der Staatsschulden gleichkommt. Man sollte auch bedenken, dass selbst die US-Notenbank Fed keine Staatspapiere von Gliedstaaten kauft. Kalifornien, Illinois oder Minnesota stehen am Rande der Pleite, und doch hilft die Fed ihnen nicht mit Krediten. Es ist schlichtweg unakzeptabel, dass die EZB meilenweit über die Fed hinausgeht, obwohl Europa den gemeinsamen Bundesstaat noch gar nicht gegründet hat. Die EZB-Politik treibt die Staaten Europas in Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse und wird längerfristig nichts als Streit und Spannungen erzeugen."

  • Marcel Fratzscher, DIW

    "Die EZB verfehlt ihr Mandat der Preisstabilität und ist dabei, ihr wichtigstes Gut zu verlieren: ihre Glaubwürdigkeit. In letzter Instanz ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ein notwendiges Übel, um ihrem Mandat gerecht zu werden. Je zögerlicher die EZB handelt, desto weniger effektiv ihre Geldpolitik und desto höher die Risiken."

  • Michael Heise, Allianz Group

    "Ich sehe derzeit keine Deflationsgefahren, die Staatsanleihekäufe rechtfertigen könnten. Ohne die notwendigen Anpassungsprozesse in den Peripherieländern und dem ökonomisch vorteilhaften Ölpreisrückgang läge die aktuelle Inflationsrate in etwa um einen Prozentpunkt höher, als es derzeit der Fall ist. Die Jagd nach Rendite und die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten würden weiter erhöht, der Anreiz, fürs Alter langfristig zu sparen, würde weiter vermindert."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Seit Anfang 2009 ist der Zuwachs der Geldmenge M3 mit durchschnittlich 1,7 Prozent weit hinter dem Referenzwert von 4,5 Prozent zurückgeblieben, den einst EZB und Bundesbank für sinnvoll hielten. Entsprechend schwächelt die Konjunktur, während der Preisauftrieb auch ohne Öl gefährlich nah an die Deflation herankommt. In dieser Lage muss die EZB mit einer Offenmarktpolitik gegenhalten, also mit dem Kauf von Anleihen auf dem offenen Markt, der auch Staatsanleihen umfassen sollte."

  • Volker Wieland, Sachverständigenrat

    "Es ist nicht notwendig, nun auch noch mit breit angelegten Staatsanleihekäufen auf den Ölpreisverfall zu reagieren. Die EZB sollte nicht nur auf Deflationsrisiken schauen, sondern auch berücksichtigen, dass sie als Käufer von Staatsanleihen den Regierungen zusätzlichen Anreiz gäbe, notwendige Strukturreformen aufzuschieben."

Doch auch die Politik verliert aus den Augen, wohin die Reise geht. Die Kanzlerin leistete jüngst ihren ökonomischen Offenbarungseid, als sie auf die Kritik des Sachverständigenrates an der Regierungspolitik entgegnete, dass es sich ihr nicht erschließe, wie noch nicht in Kraft getretene Maßnahmen schon vorher negative Auswirkungen haben sollen.

Sicher, für eine Physikerin wird die Glühbirne erst hell wenn der Lichtschalter betätigt wird. Der Ökonom aber weiß, dass bereits die Ankündigung einer Maßnahme Auswirkungen auf das Planen und Handeln hat.

Es zeigt sich, dass die deutsche Politik einem EZB-Chef vom Schlage eines Mario Draghi, einem ehemaligen Investmentbanker von Goldman Sachs (der Bank, die Griechenland beraten hat, wie man sich die Aufnahme in den Euroraum erschleicht), nicht gewachsen ist.

Zum Autor

  • Frank Träger

    Frank Träger, 55, berät seit 2002 börsennotierte Small- und Mid-Caps in Kapitalmarkt- und Investor-Relations-Fragen. Zuvor war er Analyst und Fondsmanager beim Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie. und beim Versicherungsriesen Axa.

Während die deutsche Politik die internationale Solidarität und das europäische Friedensprojekt beschwört und nicht müde wird zu wiederholen, wie stark Deutschland vom Euro profitiert, stellt Draghi sämtliche Weichen für eine möglichst anstrengungsfreie Sanierung der desolat überschuldeten Mittelmeerländer.

Erst wurden die kritischen deutschen Stimmen der ehemaligen EZB-Chefvolkswirte zum Schweigen gebracht, dann kapitulierten auch Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble. Allein die Bundesbank ist noch ein einsamer Rufer, bisweilen aber ohne Stimmrecht.

Wie Mario Draghi die Märkte mit Geld fluten kann

  • Die EZB übernimmt die Risiken

    Die EZB könnte massenhaft Anleihen aufkaufen und selbst das Risiko in ihre Bücher nehmen. Sie würde sich dabei am Anteil der jeweiligen Notenbanken am Grundkapital der EZB orientieren, das je nach Bevölkerungszahl und Wirtschaftsleistung der Länder unterschiedlich hoch ist. Draghi vermied es bislang, eine konkrete Zahl für die Käufe ins Schaufenster zu stellen. Doch strebt der EZB-Rat eine Ausweitung der Bilanz auf das Volumen von Anfang 2012 an. Damit müsste die EZB rund eine Billion Euro in die Hand nehmen. Mit dem eingeleiteten Kauf von Hypothekenpapieren und Pfandbriefen dürfte diese Summe nicht annähernd zu erreichen sein. Allerdings könnte die EZB das Spektrum um private Anleihen erweitern.
    Kritiker befürchten, dass solide wirtschaftende Länder am Ende für Krisenstaaten haften müssen. Sollten Papiere - etwa von Griechenland - ausfallen, müsste auch der deutsche Steuerzahler bluten. Der niederländische Notenbank-Chef Klaas Knot sieht darin ein Problem: "Wir müssen vermeiden, dass über die Hintertür der EZB-Bilanz Entscheidungen getroffen werden, die den demokratisch legitimierten Politikern der Euroländer vorbehalten bleiben müssen." Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma wäre eine Ankauf durch die jeweiligen Notenbanken der Euro-Staaten.

  • Ein Mix aus Ankäufen der EZB und der Nationalen Notenbanken

    Draghi könnte den Bedenken gegen eine zu große Haftungsübernahme durch die EZB mit einer Kompromisslösung Rechnung tragen: Die EZB würde demnach nur einen Teil der Ankäufe übernehmen und es den Notenbanken der einzelnen Länder überlassen, bis zu einem gewissen Limit auf eigenes Risiko am Markt aktiv zu werden. Damit würde Draghi womöglich die Bundesbank und andere Gegner besänftigen. Ob eine solche Aufgabenteilung aber reibungslos funktioniert und ein ausreichend großes Volumen zustande kommt, ist offen. Genauso wie die Frage, ob die EZB am Donnerstag tatsächlich bereits den Knopf drücken wird.

  • Notenbanken übernehmen den Kauf - und damit auch das Risiko

    Bei diesem Modell verbliebe das Risiko bei den einzelnen Staaten. Die EZB würde den Beschluss fassen, dass die Zentralbanken von Portugal bis Finnland Papiere erwerben können und ihnen dafür ein Limit setzen. Der französische Notenbank-Chef Christian Noyer ist für "eine prozentuale Obergrenze". Private Anleger müssten weiterhin die Mehrheit der Anleihen halten. Dies würde theoretisch bedeuten, dass die einzelnen Notenbanken insgesamt bis zu 49,9 Prozent der ausstehenden Verbindlichkeiten des jeweiligen Landes aufkaufen dürften. Da der Schuldenberg der Euro-Staaten insgesamt mehr als neun Billionen Euro groß ist, wäre ein solches Programm jedoch überdimensioniert. Die Obergrenze, falls sie überhaupt kommuniziert wird, dürfte weit niedriger liegen.
    Würde sich die EZB selbst heraushalten, könnte ihr dies als Führungsschwäche ausgelegt werden: "Das wäre keine einheitliche Geldpolitik mehr", warnt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Auch ein Modell, wonach sich die Ankäufe an der Summe der ausstehenden Staatsanleihen eines Landes orientieren würde, gilt als heikel: Dann wäre Italien, das Heimatland Draghis, der größte Nutznießer. Rund ein Viertel aller ausstehenden Staatsanleihen im Euro-Raum wurde von der Regierung in Rom ausgegeben.
    Gegner des Programms wie etwa Bundesbank-Chef Jens Weidmann befürchten, dass die EZB den Staaten "Fehlanreize" bieten würde, ihre Reformanstrengungen zu vermindern. Denn durch den massenhaften Ankauf von Verbindlichkeiten der Staaten kommen diese Länder am Markt günstiger an frisches Geld.

  • Nur Grundsatzbeschluss - Details werden nachgereicht

    Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe erwartet zum Beispiel, dass sich der EZB-Rat noch nicht auf Umfang, Dauer und Zusammensetzung der Käufe durchringen kann. Dann würde die EZB nur einen Grundsatzbeschluss fassen. Draghi müsste im März alle Details nachliefern.
    Bis dann dürfte sich auch der Rauch nach den Parlamentswahlen in Griechenland verzogen haben. Denn das von IWF und EU vor der Pleite gerettete Land könnte eine Kehrtwende einleiten. Die zentrale Frage lautet: Bleibt es auf Reformkurs oder kommt es zur Abkehr von den Rettungsprogrammen? Ein Ankauf griechischer Staatspapiere dürfte sich bei der letzten Variante für die EZB verbieten.


Die EZB kauft jetzt Anleihen der Euroländer und betreibt Staatsfinanzierung. Dazu kommt die Entlastung durch künstlich niedrige Zinsen. Selbst marode europäische Banken erhalten praktisch unbegrenzt Liquidität zum Nulltarif. Statt dieses Geld in die reale Wirtschaft zu stecken, wo es benötigt wird, investieren die Banken aber lieber in Aktien - und am Immobilienmarkt, wo die Preise und Mieten stetig steigen. Mit den Kursgewinnen an der Börse sanieren die Banken ihre Kapitalbasis – geräuschlos und ohne öffentliche Empörung.

Gleichzeitig wird an den internationalen Devisenmärkten der Euro zur Ramschwährung, wie früher Lira, Peseta und Franc. Binnen zwölf Monaten hat der Euro gegenüber dem Dollar um 16 Prozent abgewertet, gegenüber dem Schweizer Franken gar um 20 Prozent. Und der Euro wird weiter fallen. Die Politik und die deutsche Exportwirtschaft, die ein abstürzender Euro in den Exporthimmel katapultiert, bejubeln die dadurch angeblich erreichte Sicherheit der deutschen Arbeitsplätze.

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25 Kommentare zu Eurorettung: Deutschland verramscht sich

  • Eigentlich müssten Millionen auf den Straßen protestieren, wenn sie denn nur verstünden, was auf sie zukommt.

    Ein super Artikel, genau so wie es die Leser schon seit Jahren von der WiWo gewohnt sind. Danke.

    Die EZB kauft jetzt Anleihen der Euroländer und betreibt Staatsfinanzierung.
    Selbst marode europäische Banken erhalten praktisch unbegrenzt Liquidität zum Nulltarif. Statt dieses Geld in die reale Wirtschaft zu stecken, wo es benötigt wird, investieren die Banken aber lieber in Aktien - und am Immobilienmarkt, wo die Preise und Mieten stetig steigen.

    Recht, Gesetz und Verträge werden einfach mal so außer Kraft gesetzt und die Bürger der Nordländer, vor allem wir Deutsche, ausgeraubt. Der Wohlstand und die Lebensleistung unserer Eltern und Großeltern, aus den Ruinen des II.WK mit viel Fleiß und noch mehr Entbehrungen geschaffen – wird einfach mal so vernichtet! Dagegen ist die Mafia ein Wohltätigkeitsverein.

    Die Alternative für die Normalbürger könnte z.B. so aussehen, wie ich letzte Nacht träumte, dass in allen Bankfilialen die Bürger „GLEICHZEITIG Geld abheben“!!! Und dies jeden Tag, damit jeder so richtig partizipiert, nicht nur ein paar, die auf Kosten des Volkes sehr gut leben!

    So könnten alle von der Geldschwemme, also vom "Falschgeld" der EZB partizipieren.

  • Das Problem ist nicht die EZB sondern die Mangelnde und eigentlich nicht vorhandene Wirtschaftspolitik in Europa! Strukturreformen snd schön und gut und das billige Geld Draghis auch das Problem ist aber das es an Nachfrage mangelt und da müssen wir auch Staatlich in großem Stil endlich anfangen zu investieren in den USA hat das geklapt hier wird die EZB vermutlich scheitern! Im übrigen gehen reformen leichter wenn der Druck geringer wird!

  • Hrr Träge,
    ein hervorragender Artikel und so wahr, Danke
    Merkel war ihrem Amt noc nie gewachsen. Sie ist bis heute nicht in der Demokratie angekommen. Sie agiert nach Art des Politbüros. Von Wirtschaft hat sie keine Ahnung.
    Sie wird unser Land derart in den Ruin treien, dass wir denken, wir wären wieder in er Nachkriegszeit-
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    Eigentlich müssten Millionen auf den Straßen protestieren, wenn sie denn nur verstünden, was auf sie zukommt.
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    Das ist wahr, aber so lage ie Grün-Linken derart über alles hetzen und die Leute aufwiegeln, wird sich hier nichts tun
    Es it eben wieder de typisch deutsche dumme Michl

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