Ex-Außenminister als Gast-Professor: Im Hörsaal mit Joschka Fischer

Ex-Außenminister als Gast-Professor: Im Hörsaal mit Joschka Fischer

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Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer

von Andreas Wildhagen

Revoluzzer, Grünen-Politiker, Außenminister - jetzt übt sich der Polit-Pensionär als Professor. Ein Bericht von Andreas Wildhagen.

Der Hörsaal war überfüllt, die Stimme von Joschka Fischer heiser, als ob er sich im Wahlkampf befindet. Er sollte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eigentlich über Europa und seine Nachbarn sprechen, wovon er als Ex-Außenminister noch eine Menge versteht. Auch als Energiepolitiker hätte er sich ins Zeug legen können. Schließlich ist Fischer offizieller Berater des Energiekonzerns RWE und hat den Auftrag, den diplomatischen Boden für die geplante Gas-Pipeline von Turkemnistan und Aserbeidschan via Österreich nach Deutschland zu bereiten.

Aber er sprach gestern vor 500 Zuhörern zum Thema Finanzpolitik und beschwor fast schon den Untergang des alten Kontinents, wenn sich die Länder nicht endlich zu den "Vereinigten Staaten von Europa" zusammenrauften, mit einer einheitlichen Regierung und einer politischer Macht. Ja, der Euro brauche diese "Macht", rief Fischer aus und benahm sich wieder wie der alte Kämpfer.

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Das ganze Europa-Problem habe nichts mit antigriechischen Stimmungen zu tun, sondern im Kern mit einer sich immer weiter öffnenen Kluft zwischen Deutschland und Frankreich. Eine gemeinsame Wirtschaftsregierung sei wichtig - doch hier wippte ein Illusionist hinter dem Professorenpult. Fischer ist Honorarprofessor der Universität und greift hier gern zum Wort. "Herr Professor", wird er von den Studenten angesprochen. Er wolle die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich die tiefen politischen Gegensätze - Interventionismus und Schuldenbereitschaft dort, Stabilitätshort und Zurückhaltung der Regierung bei Eingriffen in die Wirtschaft hier - endlich überwinden ließen.

Nur, wie soll das gehen? "Frankreich wird es nicht zulassen, dass ein Mittelmeerland aus dem Euroraum vertrieben wird, Deutschland kann sich nicht vorwerfen lassen, die Produktivität seiner Wirtschaft sei zu hoch". Ein Fragesteller aus dem Auditorium wagte anzumerken, dass es hier wohl um wenig realitätsnahe Ideale ginge, die Fischer da "ex cathedra" verkünde. "Ich werde hier an der Universität wohl noch ex cathedra sprechen dürfen", konterte Fischer.

Annährung der Wirtschaftspolitik jetzt, nicht gleich

Es gehe eben um einen einheitlichen politischen Willen, nicht nur "um Wirtschaft" und "unser Geld". Hat da jemand eine Anspielung auf die havarierten Äußerungen von Ex-Bundespräsident Horst Köhler platziert, der militärische Interventionen auch mit der Erhaltung der Handelswege und des Lebensstandards grundgesetzwidrig begründen wollte? Ein Schlenker war der Casus Köhler dann doch wert: "Die nächste Bundespräsidentin oder der nächste Bundespräsident" müsse "mehr als ein Jahr" im Amt bleiben. Gelächter war Fischer sicher.

Der zeigte sich ironisch-professoral und imitierte die Sprache der Gelehrten. Ob die Annäherung der Wirtschaftspolitik zwischen Frankreich und Deutschland langfristig zu geschehen habe? "Nein, kurzfristig", brüllte Fischer fast in den Saal: "hic et nunc"! Sofort, hier und jetzt, falls es jemand nicht verstanden haben sollte. "Hic Rhodus hic salta". Die Zitatgirlande aus dem Schatzkästlein des Bildungsbürgers hängte Fischer gleich hintendran.

Er wolle keinen Hehl daraus machen, dass er nach der Lehman-Pleite für die Verstaatlichung des Finanzsektors gewesen sei. Zumindest vorübergehend hätte der Staat als Regulator auftreten müssen, um die Finanzunternehmen danach wieder zu reprivatisieren. Als ob der Staat nicht längst Regulator ist und außer der Deutschen Bank und der Metzeler Bank so gut wie kein Finanzinsitut mehr unabhängig vom Staatseingriffen agieren kann. Muss Fischer vielleicht an dieser Stelle etwas "nacharbeiten"? Eben diesen Rat gab er, ganz Professor, einem arglosen Studenten und fügte gönnerisch hinzu: "Die Universität wird Ihnen dabei behilflich sein".

Er sei nun müde, beschied er nach einer Stunde die gespannten und viel klatschenden Zuhörer. Dann ging er mitten durchs Plenum durch die Flügeltür hinaus, wo ihn ein Kamerateam des WDR erwartete. Wen er sich als Bundespräsidenten vorstellen könne, fragt ihn der Reporter. "Ich bin der aus Politik raus", raunzte Fischer und steuerte erst seinen Büchertisch mit eigenen Elaboraten an, um dann ohne Signierstunde den Weg nach draußen zu einem silberfarbenen 7er BMW einzuschlagen. Dort zwängte sich der frühere Sponti, der schon viele Hörsäle aufgemischt hat, umständlich hinein - und hinterließ handyknipsende Studenten, deren Großvater er locker sein könnte.

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