Ex-EnBW-Chef: Die Wahrheiten des Utz Claassen

InterviewEx-EnBW-Chef: Die Wahrheiten des Utz Claassen

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Der als Prozesshansel verschriene Ex-EnBW-Chef Utz Claasen gehörte rund 20 Jahre lang zu Deutschlands Top-Managern

Quelle:Zeit Online

Utz Claasen machte so schnell Karriere wie kaum ein anderer – und spricht heute von der bitteren Realität in deutschen Führungsetagen.

Herr Claassen, Sie sind 49 Jahre alt und haben zwei Jahrzehnte Leben in höchsten Führungspositionen hinter sich. Was hat Sie angetrieben, so früh ganz nach oben zu kommen?

Utz Claassen: Ich dachte, je schneller du aufsteigst, desto mehr kannst du gestalten, desto niveauvoller wird es. Und ich dachte, je schneller du ganz nach oben kommst, umso eher kommst du in eine Position, in der du auf einem hohen Niveau von Integrität und Professionalität arbeiten kannst.

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Und was denken Sie heute?

Der erste Teil der Annahme stimmt: Je höher sie aufsteigen, desto mehr können sie gestalten. Der zweite Teil stimmt schon nicht mehr. Denn mit jeder Hierarchiestufe verbringen sie tendenziell mehr Zeit mit sachfremden Dingen, illegitimen Einwirkungen Dritter und Abwehr von Intrigen.

Und der dritte Teil der Annahme, wonach es oben immer integrer und professioneller wird?

Das ist einer der größten Trugschlüsse, denen ich je unterlegen bin.

Auf welches Erlebnis hätten Sie gern verzichtet?

Auf menschliche Enttäuschung und Verrat. Und ich hätte auch gern auf die Erkenntnis verzichtet, wie oberflächlich, zynisch, von Fakten abgekoppelt und damit verantwortungslos mitunter politische Entscheidungen getroffen werden und im Einzelfall auch branchenorientierte und unternehmerische Entscheidungen.

Herr Claassen...

Lassen Sie mich bitte ausdrücklich betonen: Ich habe mit vielen großartigen Führungspersönlichkeiten zusammengearbeitet, ich habe viele tolle Menschen und eine faszinierende Vielfalt an Themen erlebt. Eben redete ich von Ausnahmen, aber es gibt diese gravierenden Ausnahmen eben auch, und dies hätte ich früher so nicht für möglich gehalten. Die Wahrheit ist manchmal so bitter und extrem, dass sie über die Vorstellungskraft hinausgeht. Es gibt nichts, das es nicht gibt – das ist meine Erfahrung. Wenn die Menschen an der Basis wüssten, was es zuweilen alles gibt, dann hätten wir als Gesellschaft ein sehr ernsthaftes Problem.

Sie haben in verschiedenen Branchen gearbeitet – und Sie waren viereinhalb Jahre Vorstandsvorsitzender bei EnBW. Ist die Energiebranche besonders anfällig für dunkle Ausnahmen?

Ich glaube nicht, dass der Mensch in irgendeiner Branche, in irgendeinem Beruf oder in irgendeinem Land oder einer Region besser oder schlechter ist als anderswo. Ich persönlich habe in meiner Zeit bei EnBW ein wunderbares Team erlebt und auch eine besondere Qualität an Kunden. Aber es gibt vielleicht eine generelle Besonderheit der Energiewirtschaft. In anderen Branchen wird das langfristige Ertragspotenzial gemeinhin durch zwei Fragen definiert: Wie gut verstehe ich meinen Kunden? Wie innovativ sind meine Produkte? Das ist der Kern des Wettbewerbs. Doch was war lange Zeit das Wettbewerbsparadigma der Energiewirtschaft? Es war meines Erachtens infrastrukturelle Macht, die sich selbst verstetigt.

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