
Kritiker lassen sich mit Geld mundtot machen. Auf diese Weise haben gestandene Familienpolitiker schon viele Kompromisse geschmiedet: Weil die CSU mit dem Elterngeld haderte, versprach ihr der Koalitionsvertrag das Betreuungsgeld. Weil die CDU-Frauen nun mit dieser „Herdprämie“ fremdeln, wollte ihre Fraktionsspitze sie mit höheren Rentenleistungen für Mütter ködern. Am Ende wird es um des lieben Koalitionsfriedens willen einen Handel geben, in dem der Staat noch ein paar Milliarden verteilt, um Frauen vom Arbeitsmarkt abzuziehen. Nichts anderes als einen Fernhaltebonus stellt das Betreuungsgeld aus ökonomischer Sicht dar. Und keine staatliche Leistung könnte kontraproduktiver, kein Politikansatz paradoxer sein.
Der Fachkräftemangel droht nicht nur, er ist in vielen Branchen und Regionen längst Realität. Nach einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fehlen allein in den MINT- Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) aktuell fast 210.000 Experten. Höher war diese Lücke seit Beginn der Messungen im Jahr 2000 noch nie.
Bild: dapdEU-Grundrechtskommissarin Viviane Reding will noch in diesem Sommer Gesetzesvorschläge für eine europaweite Frauenquote in Führungsetagen machen. „Ich bin kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die Quoten bringen“, sagte Reding der Zeitung „Welt“.
Bild: dapdAuch 2010 waren Frauen in den Führungsetagen noch stark unterrepräsentiert. Das ergibt eine Studie von der Unternehmensberatung McKinsey. In Norwegen machen Frauen immerhin 32 Prozent der Vorstände aus, in den USA sind es nur 15 und in Deutschland bloß 13 Prozent. Das sind allerdings zwei Prozent mehr als bei der letzten Erhebung 2007.
Bild: FotoliaImmerhin: Rund 80 Prozent der deutschen Unternehmen investieren mittlerweile in die Förderung von Frauen sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - was letztlich auch den Vätern zugute kommt. Viele Förderprogramme seien aber erst 2010 eingeführt worden, heißt es in der Studie. Viel Zeit für Veränderung gab es also bisher nicht. Daher bleibt Deutschland mit Blick auf den Frauenanteil in den Vorstandsetagen internationales Schlusslicht.
Bild: FotoliaDie Experten von McKinsey sagen, dass es den meisten Führungskräften mittlerweile bewusst sei, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Unternehmenserfolg und dem Anteil weiblicher Führungskräfte gibt. Allerdings zählten nur 28 Prozent der weltweit über 300 befragten Unternehmen Gender Diversity zu den zehn wichtigsten Prioritäten. Bei den Unternehmen, die sich aktiv um ein ausgewognes Verhältnis von Frauen und Männern bemühen, sind mehr als 15 Prozent der verantwortlichen Positionen mit Frauen besetzt.
Bild: FotoliaSchaut man sich an, wie viele Frauen international in den Führungspositionen der Großkonzerne sitzen, ergibt sich anhand der repräsentativen 362 Unternehmen ein für Deutschland beschämendes Ranking.
Schweden: 17 Frauen
Großbritannien und USA: je 14 Frauen
Norwegen: 12 Frauen
Russland: 11 Frauen
China: 8 Frauen
Frankreich: 7 Frauen
Spanien und Brasilien: je 6 Frauen
Indien und Deutschland: je 2 Frauen
Bild: FotoliaUnterschiede gibt es auch nach Branchen:
Bei den Vorständen der Unternehmen aus der Konsumgüter- und Einzelhandelsindustrie sowie der Unterhaltungsbranche sind mit 16 Prozent die meisten Frauen vertreten (bei 41 beziehungsweise 30 Unternehmen). Bei Immobiliengesellschaften sind es nur sechs Prozent. In der Unternehmensleitung finden sich mit 13 Prozent die meisten Frauen in technischen und wissenschaftlich arbeitenden Betrieben.
Bild: FotoliaEin Ranking der Hürden, die es auf dem Weg nach oben zu übersteigen gilt, zeigt, dass Frauen immer noch große Probleme haben, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen.
Die Balance zwischen Job und Familie zu finden, hielten 57 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer für sehr schwer. Den Druck, überall und zu jeder Zeit erreichbar sein zu müssen, empfanden 42 Prozent der Frauen und 35 Prozent der Männer als sehr unangenehm und 28 Prozent der Frauen sowie 18 Prozent der Männer stören sich am Fehlen von Frauenrollen in der Businesswelt. Dass Frauen schlechter netzwerken als Männer stört 27 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer. Erstaunlich: Es wünschen sich mehr Männer als Frauen mehr Unterstützung durch den Staat wie beispielsweise durch eine bessere Kinderbetreuung. (Frauen 24 Prozent, Männer 27 Prozent)
Bild: FotoliaBei den Unternehmen, die sich die sogenannte Gender Diversity auf die Fahnen geschrieben haben, gibt es mittlerweile verschiedenste Instrumente, das Vorankommen von Frauen zu fördern und zu bewerten: 64 Prozent setzen beispielsweise auf flexible Arbeitszeitmodelle für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Unternehmen, die sich nicht aktiv mit der Förderung auseinandersetzen, bieten nur zu 26 Prozent flexible Zeitmodelle an.
56 und 55 Prozent setzen auf spezielle Gender Diversity-Programme und deren Auswertung sowie Programme zur Förderung von Frauen.
Bild: dpa-infografik GmbHDas ist immerhin ein Anfang. Trotzdem zeigt auch eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin, dass die deutschen Managerinnen nicht gerade die Chefetagen stürmen: Seit 2006 ist die Zahl der weiblichen Vorstandsmitglieder in den 200 größten deutschen Unternehmen nur von 1,2 auf 3,0 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. In den Aufsichtsräten stieg ihr Anteil im gleichen Zeitraum von 7,8 auf 11,9 Prozent. Allerdings sind mehr als zwei Drittel dieser Frauen Vertreterinnen der Arbeitnehmer, kamen also über Mitbestimmungsregeln in das Gremium. 2011 wurden vier Frauen in Dax-Vorstände berufen, eine schied aus. Ende 2011 gab es damit sieben weibliche Dax-Vorstände und einen Frauenanteil von 3,7 Prozent, bei den Aufsichtsräten waren es 15,7 Prozent.
Bild: dapdSo positiv die Entwicklung - auch in ihrer Kleinschrittigkeit - sein mag, so unschön ist folgender Fakt: So beklagt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass in keinem anderen europäischen Land das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern so groß ist, wie in Deutschland. Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen im Schnitt 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. In den 34 Industriestaaten, die sich in der OECD zusammengeschlossen haben, liegt die Differenz im Schnitt bei 16 Prozent.
EU-Grundrechtskommissarin Viviane Reding will noch in diesem Sommer Gesetzesvorschläge für eine europaweite Frauenquote in Führungsetagen machen. „Ich bin kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die Quoten bringen“, sagte Reding der Zeitung „Welt“.
Frauenquote gegen Wohlstandsverluste
Deutschland schrumpft. Derzeit stehen dem Arbeitsmarkt knapp 44 Millionen Menschen zur Verfügung. Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird dieses Erwerbspersonenpotenzial bis 2025 auf 38 Millionen sinken. Damit ist auch das Wachstum bedroht. Wenn sich der Rückgang nicht ausgleichen lässt, drohen bis 2025 Wohlstandsverluste von 450 Milliarden Euro, schätzt auch das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Für Vergleichsfetischisten: Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt Bayerns.
Ökonomen empfehlen daher dringend, die Erwerbsbeteiligung von Frauen zu erhöhen. Da wäre zum einen der quantitative Vorteil: Laut Eurostat sind in Deutschland 70,8 Prozent der Frauen berufstätig, der Vollzeitanteil liegt bei 55 Prozent. Im europäischen Vergleich ist das mäßig. Würde man beide Quoten nur um zwei Prozentpunkte steigern, ließe sich ein Großteil der negativen Wohlstandseffekte kompensieren.
Chefinnen-Mangel
Bliebe noch ein qualitativer Vorteil: Mädchen machen häufiger Abitur als Jungs, stellen die Mehrheit in den Uni-Hörsälen und bringen nach einer Studie zu MINT-Hochschulabsolventen mehr Sprachkenntnisse und Berufspraxis mit. Wenn Frauen irgendwann beruflich kürzertreten als Männer, dann gibt es dafür vor allem einen Grund: Noch immer fehlt es vielerorts an guten Betreuungsmöglichkeiten für kleine Kinder. Da wundert es nicht, dass die Wirtschaftsverbände unisono gegen das Betreuungsgeld stänkern. Bis zu zwei Milliarden Euro jährlich soll es kosten. Damit könnte der Staat alternativ die laufenden Ausgaben für 200.000 Krippenplätze bezahlen.
Abgesehen davon: Wo weibliche Fachkräfte fehlen, mangelt es zwangsläufig auch an Chefinnen. Eine Regierung, die mit einer Frauenquote droht, sollte vom Betreuungsgeld daher erst recht die Finger lassen.















