KommentarFamilienpolitik: Die Pflege-Auszeit fällt durch den Praxistext

28. Dezember 2012
Nicht einmal 200 Menschen nutzen bislang die neue Pflege-Auszeit Quelle: dapdBild vergrößern
Nicht einmal 200 Menschen nutzen bislang die neue Pflege-Auszeit Quelle: dapd
von Max Haerder

Das Bundesfamilienministerium zählt nach einem Jahr weniger als 200 Anträge. Die Kritik kommt von allen Seiten.

Als Kristina Schröder Anfang des Jahres die Familienpflegezeit vorstellte, gab es Anerkennung von fast überall: Unternehmen, Gewerkschaften und Verbände lobten die Familienministerin für ihr Werk. Der Plan: Beschäftigte, die ihre Angehörigen selbst pflegen wollen, können ihre Arbeitszeit für maximal zwei Jahre auf bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren. Um in dieser Zeit finanziell abgesichert zu sein, zahlt der Arbeitgeber dennoch ein höheres Gehalt, zum Beispiel 75 Prozent der alten Bezüge. Nach Ende der Pflegezeit müssen die Arbeitnehmer dann so lange zu einem geringeren Lohn arbeiten, bis der Vorschuss abgegolten ist.

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Nun, fast ein  Jahr später, kommt die Kritik ebenfalls von fast allen Seiten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund beklagt die  „soziale Prägekraft“ und der „soziale Mindeststandard“. Die Arbeitgeberverbände halten das Gesetz für „nicht notwendig“.

Es zeigt sich wieder einmal, das gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht ist. Nicht einmal 200 Menschen nutzen bislang die neue Pflege-Auszeit, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ mit Verweis auf eine interne Statistik des Ministeriums. Angesichts von rund 1,6 Millionen Menschen in Deutschland, die von Angehörigen  gepflegt werden, also quasi niemand. Laut Ressort seien das Anlaufschwierigkeiten, das Modell müsse sich langsam, aber stetig bewähren.

Wahrscheinlicher ist, dass Unternehmen und Arbeitnehmer die bürokratischen Hürden scheuen. Jetzt, nach einem Jahr Praxistest, treten die Probleme offen zutage: Ein Rechtsanspruch – wie etwa bei der Elternzeit – gibt es nicht, die Dauer der Auszeit beträgt maximal 24 Monate, obwohl laut Statistik die durchschnittliche Pflegedauer rund acht Jahre beträgt. Hinzu kommt: Wer zwei Jahre lang zuhause mit Aufopferung Angehörige gepflegt hat und danach weitere zwei Jahre den Gehaltsvorschuss abarbeiten muss, steht vor der Herausforderung insgesamt vier Jahre lang mit geringerem Einkommen durchstehen zu müssen.

Rechtsexperten warnten bereits Mitte 2012, dass die Details der Familienpflege zu kompliziert und abschreckend seien. Vor allem für Mittelständler sind normale Teilzeitmodelle meistens viel praktikabler, als sich eigens über die Kreditanstalt für Wiederaufbau den Gehaltsvorschuss finanzieren zu lassen – und dafür Firmeninterna preiszugeben. Außerdem muss eine Ausfallversicherung abgeschlossen werden, für den Fall, dass der Arbeitnehmer nicht auf seine Stelle zurückkehrt.

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