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Finnland: Zwei Ohren

von bert.losse@wiwo.de

Finnland zählt zu den wettbewerbsfähigsten Staaten der Welt – weil es seit Jahren kompromisslos auf Bildung, Forschung und Innovation setzt.

Beim Pisa-Test schafften die finnischen Schüler Spitzenwerte - und gelten auch Bayerns Ministerpräsidenten Stoiber als Vorbild,  dpa
Beim Pisa-Test schafften die finnischen Schüler Spitzenwerte - und gelten auch Bayerns Ministerpräsidenten Stoiber als Vorbild, Foto: dpa

Wenn Bernd Fischer über die Technikbegeisterung der Finnen spricht, greift er gerne in die Witzkiste. „Warum gibt es hier bei fünf Millionen Einwohnern ein Potenzial für zehn Millionen Handys?“ Die Antwort: „Weil jeder Finne zwei Ohren hat.“ Der stellvertretende Geschäftsführer der Deutsch-Finnischen Handelskammer in Helsinki, der seit 30 Jahren im hohen Norden lebt, hat festgestellt: „Die Finnen wollen immer von allem das Allerneueste haben.“ Die Lust an High Tech und neuen Ideen hat dafür gesorgt, dass das kleine Finnland im Ranking des World Economic Forum zur Wettbewerbsfähigkeit auf Platz zwei (hinter den USA) liegt – und beim Wachstumspotenzial gar den Spitzenplatz ergattert. Dabei war das Land der 1000 Seen noch Anfang der Neunzigerjahre ein fast hoffnungsloser Fall. Wichtigster Industriezweig war die Holzwirtschaft, der heutige Handy-Gigant Nokia produzierte Papier und Gummistiefel. Als mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Ostmärkte wegbrachen, geriet das Land in eine tiefe Rezession, die fast vier Jahre anhielt. Darauf reagierte die finnische Regierung mit einschneidenden Reformen. Sie verordnete dem Land einen radikalen Strukturwandel, fuhr die Sozialausgaben drastisch zurück und erhöhte im Gegenzug die Investitionen in Bildung, Forschung und Entwicklung. Der Erfolg stellte sich schon bald ein. „Seit 1995 ist die Arbeitsproduktivität in Finnland gut doppelt so schnell gestiegen wie in den anderen wohlhabenden EU-Ländern“, analysiert das finnische Wirtschaftsmagazin „Arvopaperi“. Seit der Wende marschiert Finnland schneller als jeder andere Staat ins Informationszeitalter: Hier wurde das erste mobile Telefonat geführt (1991 in Tampere), hier entstand 1995 das erste Internetcafé. Beim Anteil der Haushalte mit DSL-Anschluss liegt Finnland in der EU-Spitzengruppe. Seit dem Jahr 2000 ist die zukunftsträchtige Elektronikbranche größter Industriebereich des Landes.

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„Finnland ist ein Beispiel dafür, wie Wissen zur Antriebskraft für wirtschaftlichen Strukturwandel und Wachstum werden kann“, lobt die Weltbank in einer aktuellen Länderstudie. Über Innovationen spricht die finnische Regierung nicht nur in Sonntagsreden, sondern setzt sie auch in der Praxis um. Durch eine gezielte Vernetzung von Hochschulen, Forschungsinstituten und Wirtschaft sind im Großraum Helsinki, in Oulu und Tampere innovative Cluster entstanden, die nicht nur neue Produkte und Verfahren, sondern auch hoch qualifiziertes Personal hervorbringen. Auf 1000 Beschäftigte kommen in Finnland 16 Forscher – im EU-Durchschnitt sind es knapp sechs. Basis des finnischen Erfolgs ist ein gutes Bildungssystem, das auch lernschwächere Schüler gezielt fördert; gesiebt wird erst nach der neunten Klasse. Finnische Schulen haben ein Höchstmaß an Autonomie und Flexibilität (allerdings auch einen nur geringen Anteil von ausländischen Kindern). Zentrale Lehrpläne einer erdrückenden Kultusbürokratie gibt es nicht; dies fördert nicht zuletzt das Engagement der Lehrer. Kein Wunder, dass das Land auch bei den Bildungsrankings stets unter den Besten liegt. Beim Pisa-Vergleichstest landete das Land bei der Lesefähigkeit auf Platz eins, in Mathematik und bei der Problemlösungskompetenz waren nur die Schüler in Hongkong beziehungsweise Südkorea noch stärker. Und würde der Pisa-Test auch Fremdsprachenkenntnisse abfragen, „wäre der Gesamtvorsprung der Finnen noch größer“, sagt Handelskammer-Experte Fischer. Ein Beispiel aus dem Alltag: Bei Stockmann, dem größten Kaufhaus in Helsinki, tragen die Verkäuferinnen nicht nur ihren Namen am Revers, sondern auch eine Übersicht über ihre Fremdsprachen – oft sind das drei oder noch mehr. Seit Juli haben die Finnen, die von einer Dreierkoalition von Zentrumspartei, Sozialdemokraten und Schwedischer Volkspartei regiert werden, die EU-Ratspräsidentschaft inne. Ministerpräsident Matti Vanhanen (Zentrum) hat auch schon angekündigt, was er bis zum Jahresende besonders vorantreiben will – die Verbesserung der Innovationsbedingungen. Er rechnet seinen europäischen Amtskollegen vor: „Würde jedes EU-Land drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in Innovationen investieren, stünden jährlich 100 Milliarden Euro mehr für wichtige Zukunftsprojekte zur Verfügung.“ Diese Botschaft kann Vanhanen durchaus mit Selbstbewusstsein verkünden: Mit einem Anteil der F&E-Ausgaben von rund 3,48 Prozent liegen die Finnen in der Europäischen Union und innerhalb der OECD auf Platz zwei – nur der Nachbar Schweden ist in dieser Disziplin noch besser.

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