Flüchtlinge: Glaube, Hiebe, Hoffnung

KommentarFlüchtlinge: Glaube, Hiebe, Hoffnung

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"Der Weg ist frei", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Flüchtlingsintegrationspolitik.

von Max Haerder

Das Asylpaket II kommt – drei Monaten verspätet. Die Ministerpräsidenten versprechen einen Integrationsplan – in zwei Monaten. Soll dieses Gemisch aus Verschärfung und Beschwörung planvolle Politik sein? Ein Kommentar.

Jetzt wird sie wieder besungen, die „Handlungsfähigkeit“. Die große Koalition sei in der Lage Entscheidungen zu treffen, der Staat als Ganzes erst recht. Zufriedenheit wird bekundet, Erleichterung demonstriert. „Der Weg ist frei“, sagte Angela Merkel. „Jetzt kann es schnell gehen“, sekundierte Sigmar Gabriel. Dabei ist das, was gestern am Nachmittag und Abend in Berlin beschlossen und vorgeführt wurde, weniger eine Lösung als eine Beschwörung: Dass nun endlich alles besser, geordneter, strukturierter würde in der deutschen Flüchtlings- und, viel wichtiger, Flüchtlingsintegrationspolitik.

Aber es regiert: die Hoffnung. Ein richtiger Plan, unterlegt mit Milliarden? Immer noch Fehlanzeige.

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Reaktionen zu möglichen Grenzschließungen

  • Außenhandelsverband BGA

    Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverband BGA, warnt im "Tagesspiegel" vor Grenzschließungen. Rund 70 Prozent des deutschen Außenhandels würden innerhalb Europas abgewickelt. "Vor diesem Hintergrund werden sich die Kosten alleine für die internationalen Straßentransporte um circa drei Milliarden Euro verteuern."

  • DIHK

    "Durch Staus und Wartezeiten, zusätzliche Bürokratie oder zum Beispiel die Umstellung von Just-in-time-Lieferung auf deutlich teurere Lagerhaltung können sich die Kosten für die deutsche Wirtschaft schnell auf zehn Milliarden Euro pro Jahr summieren", mahnt DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben.

  • Alexander Graf Lambsdorff

    Der Vize-Präsident des Europaparlaments, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), sagte der "Rheinischen Post": „Die Schließung der deutschen Grenzen wäre ein Debakel für die Flüchtlinge, für die Wirtschaft, aber auch für Millionen Pendler und Urlauber.“

  • Katarina Barley

    "Verstärkte Kontrollen ist was anderes, aber eine komplette Schließung ist absolut illusorisch. Und man sollte den Leuten da keine Scheinlösungen anbieten“, sagte SPD-Generalsekretärin Katarina Barley im Deutschlandfunk. 

  • Armin Laschet

    "Wenn die Grenzen geschlossen würden, ist Schengen gefährdet. Das hat ebenfalls große Auswirkungen auf Deutschland, auf Arbeitsplätze in Deutschland", sagte der nordrhein-westfälische CDU-Landesvorsitzende Armin Laschet.

Man nehme nur das, was Bremens Bürgermeister Carsten Sieling am Donnerstagabend nach der Konferenz der Ministerpräsidenten sagte, und zwar in seiner ganzen Offenheit und Schönheit: „Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht, dass wir, denke ich, heute erstmalig den Schritt getan haben, mit dem wir - so will ich es einmal sagen - vor die Lage und vor die Situation kommen und versuchen - ich bin sehr sicher, dass dies gelingen wird -, die Entwicklung zu gestalten.“

Erstmals! Gestalten! Man muss sich das nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Ganze sechs Monate, nachdem die Bundesregierung offiziell ihre Flüchtlingsprognose auf damals 800.000 erhört hat (was in etwa die tatsächliche Herausforderung umriss), bieten Bund und Länder die Aussicht auf einen Integrationsplan. Bis Ende März soll eine Arbeitsgruppe konkrete Vorschläge vorlegen.

So viel Geld bekommen Flüchtlinge in den europäischen Ländern

  • Platz 1: Dänemark

    800 Euro zahlt das Land im Monat pro Flüchtling. Die Summe muss allerdings versteuert werden.

    Quelle: EU-Kommission / Frontex, Stand: 18. September 2015

  • Platz 2: Zypern

    Die Spanne, die der Inselstaat für einen Asylbewerber zahlt, liegt zwischen 85 und 452 Euro pro Monat.

  • Platz 3: Norwegen

    400 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 4: Deutschland

    352 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 5: Frankreich

    330,30 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 6: Finnland

    zwischen 85 und 290 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 7: Belgien

    zwischen 176 und 276 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 8: Großbritannien

    232 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 9: Luxemburg

    225 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 10: Polen

    187 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 11: Schweden

    177 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 12: Lettland

    66 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 13: Bulgarien

    33,23 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 14: Niederlande

    20 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 15: Slowenien

    18 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 16: Slowakei

    12 Euro pro Flüchtling / Monat.

  • Platz 17: Italien & Griechenland

    0 Euro pro Flüchtling / Monat.

Die Gipfeltreffen von Donnerstagabend markieren deshalb keinen Wendepunkt. Sie illustrieren vielmehr nur das, was bereits seit Monaten geschieht: Die Bundesregierung wird von den Verhältnissen vor sich her getrieben und regiert der Wirklichkeit hinterher. Stück für Stück, Asylpaket für Asylpaket, wird die im Spätsommer demonstrierte Willkommenskultur von einer Politik der Härte und Schärfe abgelöst. Nun also: eingeschränkter Familiennachzug, Marokko, Algerien und Tunesien als weitere sichere Herkunftsstaaten, leichterer Abschiebungen, Beteiligung an den Kosten von Integrationskursen. Die Botschaft: Wir schaffen das also – ohne Euch.

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Man kann das den neuen Realismus nennen – oder Versagen. Nicht auszuschließen, dass die große Koalition, die Kanzlerin voran, schon bald die Schließung der Grenzen als unumgehbaren Akt der Vernunft verkaufen wird – obwohl heute offiziell noch niemand etwas davon wissen will. An das Mantra des Merkel-Lagers, mit der Türkei, den Griechen und mit Hotspots der Lage Herr zu werden, glaubt jedenfalls so gut wie keiner mehr.

Am schwersten aber wiegt der Eindruck, dass die Bundesregierung trotz eines Milliarden-Überschusses im Haushalt (was für ein Glück!) immer noch nicht recht weiß, ob diese Milliarden es wirklich wert sind, in bessere Kitas, mehr Lehrer und Sprachkurse, in Sozialarbeiter, Wohnungen und Stadtentwicklung, in Ausbildungsoffensiven investiert zu werden.

Wir haben eine Million Flüchtlinge aus guten humanitären Gründen ins Land gelassen. Sie jetzt aber alleine zu lassen, wäre das größte der politischen Versagen.

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