Flüchtlingsdebatte: Deutschland braucht Zuwanderer

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Flüchtlingsdebatte: Deutschland braucht Zuwanderer

von Hans Jakob Ginsburg und Jacqueline Goebel

Das Land macht es den Flüchtlingen schwer: Kommunen klagen vor hohen Kosten, zudem dürften Asylbewerber nicht arbeiten. Dabei braucht Deutschland frische Ideen.

Wenn in Düsseldorfer Straßenbahnen zur Hauptverkehrszeit ein Sitzplatz frei ist, sitzt auf dem Platz daneben schon mal ein schwarzer Mann, den viele Leute offenbar nicht zum Nachbarn haben wollen. Zum Beispiel Herr Ahmad Ibrahim, graues, streng gescheiteltes Haar, gekleidet wie aus dem Ein-Euro-Shop, vor sich zwei Plastiktüten vom Discounter, ein Gesicht, das nur noch aus Falten zu bestehen scheint. Wer sich dann doch neben ihn setzt und ihn anspricht, erfährt schnell, dass Ibrahim seit 23 Jahren in Deutschland lebt. 20 Jahre davon hat er in großen Hotels gearbeitet, „Mädchen für alles“, er lacht selber über den seltsamen Ausdruck, „nie Sozialhilfe“.

Aus Somalia waren seine Frau und er damals gekommen, als Asyl noch nicht so ein Problem war. „Jetzt Rente, aber meine Frau noch arbeitet: Putzstelle.“ Das schwierige Wort kommt nur mit Mühe über die Lippen des Migranten, und noch viel schwerer fällt es ihm, von seinen Gefühlen angesichts der Fernsehbilder seiner unglücklichen Landsleute auf Lampedusa zu sprechen. Warum sein Nachbar in der Straßenbahn so neugierig fragt, versteht er nicht genau, das Wort „Journalist“ ist ihm fremd.

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Trotzdem sind Herr Ibrahim und seine Frau Beispiele für eine Integration, die durchaus auch bei Zuwanderern gelingen kann, die keiner gerufen hat, die keine besonderen Qualifikationen haben und kulturell erst einmal sehr fremd sind. Ibrahim ist der schwierige Sprung vom Asylbewerber zum Arbeitnehmer gelungen. Die meisten der Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen, stürzen beim Versuch, diese Hürde zu nehmen. 100.000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland einen Asylantrag stellen, schätzt das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, so hoch waren die Zahlen zuletzt vor zwölf Jahren.

Ethnisches Unternehmertum Migranten wagen die Selbständigkeit

Das russische Reisebüro, der indische Gemischtwarenhändler: In Deutschland leben ganze Wirtschaftszweige von Zuwanderern.

Sukhjider Singhs Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Die Kommunen warnen vor der finanziellen Belastung, sie wissen kaum, wo sie die Flüchtlinge unterbringen sollen. Weil für Asylbewerber hohe Hürden bei der Arbeitssuche gelten, haben sie kaum Chancen auf einen eigenen Verdienst. Also sitzen sie gelangweilt und nur mit eingeschränkten Rechten oft jahrelang in von Steuerzahlern bezahlten Asylheimen fest.

Die Stadt Schwäbisch Gmünd kam da auf die Idee, Asylbewerber während des Bahnhof-Umbaus als Kofferträger zu beschäftigen, für 1,05 Euro pro Stunde. Bis die Bahn das Projekt stoppte und eigene, nach Tarif bezahlte Mitarbeiter schickte.

Auch eine Wissensgesellschaft und High-Tech-Ökonomie braucht Putzkräfte und Kofferträger wie Herrn Ibrahim. Der Widerspruch von humanitärer Flüchtlingspolitik und wirtschaftlicher Rationalität lässt sich auflösen, weil auch weniger Gebildete als Arbeitskräfte gebraucht werden. Aber nur, solange kein 8,50-Euro-Mindestlohn die Unqualifizierten in die Arbeitslosigkeit treibt. Und solange der Sozialstaat nicht ins Absurde abdreht.

Das droht, nachdem das Landgericht Essen einer seit Jahren im Ruhrgebiet lebenden rumänischen Familie Hartz-IV-Leistungen zubilligte, gerade weil der Familienvater in Deutschland nie gearbeitet hat. Arbeitssuchende Ausländer haben zwar keinerlei Anspruch auf Leistungen zum Lebensunterhalt. Was aber ist nach diesem Urteil mit Leuten, die unter Ausnutzung der Freizügigkeit im EU-Raum jetzt nach Deutschland kommen, ohne an Arbeitsaufnahme überhaupt nur zu denken? Dazu gehören schon jetzt 35.000 der insgesamt 324.000 Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien, klagt Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts.

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