Flüchtlingspolitik: Unternehmen engagieren sich für Flüchtlinge

Flüchtlingspolitik: Unternehmen engagieren sich für Flüchtlinge

Ob Handwerksbetrieb oder Konzern, lokal verankert oder auf globalen Märkten unterwegs: Immer mehr Firmen in Deutschland zeigen sich in Sachen Flüchtlingshilfe spendabel.

Was viele Bundesbürger seit Tagen immer öfters praktizieren, macht sich zunehmend auch in Unternehmen breit: Spontane, unbürokratische Soforthilfe für Tausende von Flüchtlingen. Ob Telekom, Daimler oder BMW, Bayer, Trumpf oder Rossmann, RAG, Alltours oder Porsche - die Liste der Helfer und Unterstützer wird täglich länger. Doch was sind die Beweggründe für den Einsatz in Not- und Krisenlagen wie jetzt beim Flüchtlingsthema?

„Im Hintergrund der Unternehmen stehen Menschen, die fernab geschäftlicher Ziele und Motive einfach nur Hilfe leisten wollen“, sagt Jochen Fischer, Geschäftsführer der Werbeagentur Grey aus Düsseldorf. Aber auch ein Unternehmen möchte als Teil der Gesellschaft durch die Teilnahme an humanitären Aktionen etwas „Gutes“ tun. Und das würden die Verbraucher auch von ihnen erwarten.

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Stephan Grünewald, Gründer des Kölner Rheingold Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen, sieht weitere Motive: „Die Unternehmen sind Teil eines Kollektivs, in welchem sich der einzelne ohnmächtig fühlt“, sagt der Psychologe. „In gesellschaftlichen Notlagen möchten sie ihren Mitarbeitern zeigen, dass etwas geschieht - nach dem Motto: Wir kümmern uns. Das sorgt für ein gutes Gewissen“.

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

  • Flucht nach Europa

    Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

  • Tot oder vermisst

    3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

  • Zahl der Flüchtlinge in Europa

    170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

  • Syrer

    66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

  • Asylantrag

    191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

  • 123.000 Syrer...

    ...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

  • Asylbewerber in Deutschland

    202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

  • Steigende Zahl der Asylbewerber

    Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

  • Aufnahme der Flüchtlinge

    Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

  • Überfahrt nach Italien oder Malta

    600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Und so werden Patenschaften übernommen, Transporter und WLAN-Router in Flüchtlingsheimen bereitgestellt, Geld- und Sachspenden an Initiativen weiter geleitet oder hohe Summen in Fonds zur Integration ankommender Flüchtlinge gesteckt. In Niedersachsen hat die Drogeriekette Rossmann eine Patenschaft für den Einsatz einer Familienhebamme für eine Flüchtlingsfamilie übernommen und steuert Geld bei.

Der Daimler-Konzern spendet unter anderem für einen Willkommens-Fonds in Stuttgart und eine Bürgerstiftung in Sindelfingen, die Projekte zur Integration ankommender Flüchtlinge betreut. Und der Reiseveranstalter alltours sowie die Fluggesellschaften Air Berlin und Germanwings transportierten Hilfspakete kostenfrei auf die griechische Insel Kos.

Und das Wichtigste überhaupt: Ein Dach über dem Kopf. Hier sind die Herausforderungen für die Städte und Gemeinden besonders hoch. Die Wohnungsbaugesellschaft LEG beispielsweise hat nach eigenen Angaben 450 Wohneinheiten an Flüchtlinge beziehungsweise Städte vermietet. „Wo wir helfen können, tun wir das, es ist noch Potenzial nach oben“, beteuert LEG-Sprecher Mischa Lenz.

Flüchtlingskrise Waffen für Nahost, Flüchtlinge für Deutschland

Die Flüchtlingskrise ist die Quittung für Europas Gleichgültigkeit. Deutschland zahlt den Preis für seine Naivität und Leisetreterei.

Überlebende in Syrien 2013. Quelle: dpa Picture-Alliance

Telekom-Personalchef Christian Illek kündigte an, Gemeinden unter anderem Gebäude, die von der Telekom nicht mehr genutzt würden, zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Solche Pläne hat auch der Bergbaukonzern RAG, der im Saarland Flächen von 5000 Quadratmetern als Wohnraum bereitstellen möchte. 17 Standorte hat das Unternehmen in Nordrhein-Westfalen benannt, darunter ehemalige Betriebs- und Schulungsgebäude, Parkplätze und ein Zechengelände in Bergkamen. Viele Projekte werden derzeit noch auf Eignung geprüft.

In ihrem Engagement führen die Unternehmen in Not- und Krisenlagen immer wieder ein Argument ins Feld. So auch Nina Henckel vom Immobilienkonzern Vonovia, wenn sie resümiert: „Wir wollen unsere gesellschaftliche Verantwortung erfüllen“. Und der Betriebsratschef von Porsche, Uwe Hück, spricht vielen aus der Seele, wenn er sagt: „Flüchtlinge sind kein Problem, sondern ein Zugewinn für uns alle“.

Der Bayer-Konzern besinnt sich in diesen Tagen auf den Einsatz des Unternehmens während des Elbhochwassers Ostdeutschland und stellt kurzfristig Mitarbeiter zur Unterstützung von Flüchtlingsinitiativen frei. Ähnlich auch die Santander-Bank: Ab sofort können sich Bank-Mitarbeiter für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe bis zu fünf Arbeitstage im Jahr gutschreiben lassen.

Flüchtlingskrise UN rechnet mit einer Million neuer Flüchtlinge bis Ende 2015

Bis zum Jahresende könnten nach Angaben der Vereinten Nationen eine weitere Million Menschen zu Flüchtlingen werden, wenn sich die Konflikte in Syrien weiter verschärfen.

Syrische Flüchtlinge Quelle: dpa

Dass sich das Engagement der Unternehmen in Katastrophen- und Notlagen am Ende auch beim Image oder in der Produktförderung auszahlt, wird nicht besonders betont - und passt auch nicht ins Stimmungsbild. „Nur kein Marketing“, sagt ein Mitarbeiter eines Großkonzerns. Denn es funktioniert auch so. „Der Zusammenhang ist banal“, sagt Grey-Werbefachmann Fischer: „Die Menschen bevorzugen primär die Marken, die mit ihrem eigenen Wertesystem übereinstimmen“.

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