Folge der Air-Berlin-Insolvenz: Preisexplosion bei der Lufthansa alarmiert Politik

Folge der Air-Berlin-Insolvenz: Preisexplosion bei der Lufthansa alarmiert Politik

, aktualisiert 14. November 2017, 18:29 Uhr
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Kunden der Lufthansa in Berlin auf dem Flughafen Tegel: Tickets bis zu 300 Prozent teurer.

von Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Nach der Air-Berlin-Pleite steigen die Flugpreise bei der Lufthansa. Die Politik ist alarmiert und spricht von einem „ordnungspolitischen Sündenfall“. Verbraucherschützer sehen nun das Bundeskartellamt am Zug.

BerlinDie teilweise drastisch gestiegenen Ticketpreise bei der Lufthansa sorgen für Unmut in der Politik und bei Verbraucherschützern. Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), Klaus Müller, sieht nun das Bundeskartellamt am Zug. „Wenn die Flugpreise entgegen aller Beteuerungen steigen, war die Übernahme von Air-Berlin durch Lufthansa ein schlechter Deal für die Fluggäste“, sagte Müller dem Handelsblatt. „Jetzt ist das Bundeskartellamt gefragt, den Markt und die Preisentwicklung auf den einzelnen Strecken zu prüfen.“ Es müsse verhindert werden, dass Lufthansa Ticketpreise unverhältnismäßig in die Höhe treibe. „Ich halte es deshalb für geboten, dass die Behörde jetzt prüft, ob sie ein Verfahren wegen Marktmachtmissbrauchs einleitet.“

Auch die nordrhein-westfälische Landesregierung sieht das Bundeskartellamt am Zug. „Die künftige Preisentwicklung für Flugreisen auf innerdeutschen Strecken bedarf sicherlich einer genauen Beobachtung“, sagte Landes-Verbraucherschutzministerin Christina Schulze Föcking (CDU) dem Handelsblatt. „Sollte sich der Trend der Preissteigerung wegen des fehlenden Wettbewerbs auf dem innerdeutschen Markt verfestigen, wird  das Bundeskartellamt prüfen müssen, ob es eine Sektor-Untersuchung einleitet.“

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Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte erst vor kurzem versichert, dass die Preise für Flugtickets auch nach Übernahme eines großen Teils der Air-Berlin-Flotte stabil bleiben. Nun allerdings sind die Preise auf einigen Lufthansa-Strecken in die Höhe geschnellt. Wer werktags auf innerdeutschen Strecken fliegt, musste nach einer Stichprobenanalyse des Einkaufsportals Mydealz Anfang November bereits gut 16 Prozent mehr bezahlen als noch im September.

Betroffen sind vor allem Geschäftsreiseverbindungen. Auf der Strecke von München nach Düsseldorf etwa betrug das Plus sogar 300 Prozent, von Berlin nach Frankfurt kosteten die Tickets gut 60 Prozent mehr. Der Grund ist: Da an den einstigen Air-Berlin-Drehkreuzen Berlin und Düsseldorf nur noch die Lufthansa-Tochter Eurowings Verbindungen etwa nach Hamburg, München oder Stuttgart anbietet, wächst die Marktmacht des verbliebenen Branchenführers.

Die FDP sieht sich durch diese Entwicklung in ihren Befürchtungen bestätigt. „In der Luftverkehrsbranche folgt ein ordnungspolitischer Sündenfall dem nächsten“, sagte Fraktionsvize Michael Theurer dem Handelsblatt. Zunächst sei Air Berlin ein Überbrückungskredit gewährt worden, der frühzeitig hätte ausgeschlossen werden müssen. „Dann wurde eine Teilübernahme durch die Lufthansa bewusst forciert, die auf manchen Strecken zu Monopolstrukturen führt.“ Dagegen werde aktuell „viel zu wenig“ unternommen, klagte Theurer. „Monopole zu Lasten der Verbraucher dürfen nicht geduldet werden“, betonte er.

Theurer brachte eine „Markttransparenzstelle für Verbraucher“ ins Spiel, um den Druck auf die Anbieter zu erhöhen. „Noch wichtiger ist aber, dass tatsächlich Wettbewerb stattfindet“, fügte er hinzu. „Bestehende Marktzugangshürden und Wettbewerbsbeschränkungen sollten abgebaut werden.“ Dies sei eine „wichtige Aufgabe“ für die nächste Bundesregierung. Zudem müssten die Wettbewerbshüter ein „besonders wachsames Auge“ auf die Luftverkehrsbranche haben. „Ihr Urteil sollte auf keinen Fall durch eine Ministererlaubnis ausgehebelt werden”, warnte Theurer.


Spielmaterial für die Kartellprüfung

Nach Einschätzung des Ökonomen Tomaso Duso vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) waren die Preiserhöhungen zu erwarten. „Genau so, dass die Qualität des Angebots sich verschlechtern wird“, sagte Duso dem Handelsblatt. „Dass die Preissteigerungen so hoch sind, zeigt auch, dass Air Berlin im Segment der Geschäftsreiseverbindungen ein besonders scharfer Wettbewerber für Lufthansa war.“ In diesem Segment seien die Low-cost-Fluggesellschaften nicht wirklich aktiv.

Duso setzt in der Ticketpreis-Frage auf die Europäische Kommission. Brüssel habe schon signalisiert, dass „viele Strecken problematisch“ seien. „Auf diesen Strecken wird die Kommission wahrscheinlich verlangen, dass Lufthansa Start- und Landerechte an Wettbewerber abgibt“, sagte der Ökonom. „Das könnte den Wettbewerb wieder beleben und die Preise wieder auf das alte Niveau bringen.“

Seit gut zwei Wochen sind deutlich weniger Flieger am Himmel als vor der Air-Berlin-Pleite. Rund 80 der 140 rot-weißen Flugzeuge stehen am Boden, laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr fehlen jeden Tag rund 60 000 Sitzplätze. Weitere Abhilfe sei erst nach einer positiven Kartell-Entscheidung der EU-Kommission zu erwarten.

1000 zusätzliche Flüge pro Monat soll dann allein die Tochter Eurowings anbieten, sofern sie denn bis dahin ausreichend Crews angeworben hat. Mit einer Entscheidung aus Brüssel noch in diesem Jahr wird es allerdings nur etwas, wenn die Kommission auf eine vertiefte Prüfung des Air-Berlin-Deals verzichtet.

Auch kleine Anbieter wie Germania, Condor, Sundair oder die griechische Aegean stocken ihre Flotten auf. Der zweite Air-Berlin-Käufer Easyjet will nach der Brüsseler Entscheidung nach und nach die erworbenen Kapazitäten in den Markt bringen.

Wegen der komplexen Formalien bei der Übernahme der Flugzeuge und des Personals wollen sich die Briten dabei bis September 2018 Zeit nehmen. Mit der Gewerkschaft Verdi verabredeten sie dazu sogar Übergangsgelder für das Personal der Air Berlin, das noch länger auf seinen Einsatz unter neuer Flagge warten muss.

Auf welchen Strecken und zu welchen Terminen die Londoner die bis zu 25 Jets einsetzen wollen, haben sie bislang nicht kommuniziert. Erwartet wird aber schon aus kartellrechtlichen Gründen ein Angebot auf den aktuell so überbuchten innerdeutschen Rennstrecken wie Frankfurt-Berlin, Berlin-München oder Düsseldorf-München.

Ausgerechnet auf diesen Verbindungen hat nun auch die Lufthansa-Tochter Eurowings neue Angebote ab 2018 angekündigt. Das kann Spielmaterial für die Kartellprüfung sein oder tatsächlich die Hoffnung auf wieder sinkende Ticketpreise schüren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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