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Freihandel: Reale Welt

von silke.wettach@wiwo.de (Brüssel)

Gilt eigentlich noch uneingeschränkt, was Wirtschaftswissenschaftler seit David Ricardo gelehrt haben: dass Freihandel für alle Beteiligten gut ist?

Generatoren für Windkrafträder,  dpa
Generatoren für Windkrafträder, Foto: dpa

Gehört David Ricardo auf den Müllhaufen der Ideengeschichte, wie Karl Marx? Für Globalisierungskritiker ist die Antwort klar: Ihnen war der Freihandel schon immer suspekt – und damit auch die Theorie jenes David Ricardo, der im Jahr 1817 in seinem Buch „Principles of Political Economy und Taxation“ erstmals belegte, dass Freihandel sich für alle beteiligten Länder lohnt. Während früher jedoch vor allem antikapitalistische Gruppen den Freihandel und Ricardo bekämpften, die ihrer Ansicht nach die Unterentwicklung der Dritten Welt verursacht hätten, gerät die Lehre des Engländers nun auch von anderer Seite unter Beschuss. Seit nicht mehr in erster Linie die entwickelten Länder des Westens von der Globalisierung profitieren, sondern es auch hier Verlierer gibt, gilt Ricardos Theorie auf einmal als „Religionsersatz“ – als naiv und wirklichkeitsfremd. „Es ist an der Zeit, David Ricardo die letzte Ehre zu erweisen“, schreibt „Spiegel“-Redakteur Gabor Steingart. Was besagt Ricardos Lehre? Er zeigt in einem Modell mit zwei Handelspartnern, wie Länder von der internationalen Arbeitsteilung profitieren. Am Beispiel von Großbritannien und Portugal, die beide Wein und Tuch produzieren, Portugal jedoch beides billiger, belegt er, dass es trotzdem sinnvoll ist, wenn Portugiesen sich auf den Wein und Engländer sich auf Tuch konzentrieren. Der Grund: Portugals komparativer Vorteil liegt beim Wein, weil es davon pro Zeiteinheit relativ mehr herstellen könne. Englands Vorteil dagegen liegt beim Tuch. Beim Austausch dieser Güter pendelt sich in Ricardos Modell der Preis bei einem stabilen Gleichgewicht ein. Dieser Gleichgewichtspreis gewährleistet die maximale Effizienz der eingesetzten Produktionsfaktoren und damit maximalen Wohlstand. Ricardos Modell reflektiert allerdings sehr stark die Realität seiner Zeit. Der Agrarsektor dominiert die Wirtschaft, die Verteilung von Rohstoffen und Klima entscheiden über den komparativen Vorteil. Technologischer Fortschritt entwickelt sich nur langsam, ist nicht überall gleich verfügbar, und die Firmen sind klein. Seither hat sich einiges geändert. Der Anteil des Handels am weltweiten Bruttoinlandsprodukt hat sich von damals etwa einem Prozent um den Faktor 13 vervielfacht. Exportgüter entstehen meist in Branchen, die erst durch eine Produktion in großem Stil attraktiv werden, Autos etwa. Während im alten Modell ständig neue Bewerber auf den Markt kommen konnten, tun sich Neulinge nun schwerer – weil sie erst noch eine kritische Größe erreichen oder eine Technologie beherrschen müssen, um konkurrieren zu können. Statt eines perfekten Wettbewerbs behaupten angestammteFirmen ihre Position und verhindern den Eintritt von anderen. Die Wirtschaftswissenschaft hat diese Veränderungen aufgegriffen, ohne jedoch den Freihandel aufzugeben. Allerdings führen diese Faktoren nicht mehr zu einem einzigen Gleichgewichtspreis wie noch in Ricardos Modell, sondern zu vielen möglichen. Der britische Ökonom Arthur Cecil Pigou erforschte 1932 als einer der Ersten, welche Folgen die Vielzahl dieser möglichen stabilen Lösungen hat.

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