Freytags Frage: Brauchen wir einen türkischen Fernsehkanal?

kolumneFreytags Frage: Brauchen wir einen türkischen Fernsehkanal?

Kolumne von Andreas Freytag

Grünen-Chef Cem Özdemir will einen öffentlich-rechtlichen Sender für Türken und Deutschtürken, die hier leben, aufbauen. Was für viele zunächst abwegig klingt, wäre ein hervorragendes Projekt.

In Zeiten sogenannter Fake News kann man sich nicht mehr auf die schöne Formel des Nullmediums von Hans Magnus Enzensberger zurückziehen. Enzensberger argumentiert in seinem Artikel vom Mai 1988 damit, dass Fernsehen eben nicht der Manipulation dienen kann, weil der Zuschauer sich dieser durch Abwahl jederzeit entziehen könne. Wörtlich schreibt er: „Der Zuschauer ist sich völlig darüber im klaren, daß er es nicht mit einem Kommunikationsmittel zu tun hat, sondern mit einem Mittel zur Verweigerung von Kommunikation, und in dieser Überzeugung läßt er sich nicht erschüttern. Gerade das, was ihm vorgeworfen wird, macht in seinen Augen den Charme des Nullmediums aus.“ Der Artikel erschien vor der Rechtschreibreform.

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In Deutschland wird der Präsident zum Feindbild, der gern Journalisten einsperrt und nach Macht giert. Aber die türkische Wirtschaft baut auf ihn.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Quelle: AP

Das Problem ist aber, dass Enzensberger davon ausging, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer auch Leserinnen und Leser sind und sich ihre Informationen aus gedruckten Werken holen, während sie sich vom Fernsehen nur unterhalten lassen (was ja keine Schande ist). Das entspricht der Realität nur zum Teil. Selbst der Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt soll stolz darauf sein, nicht zu lesen (er soll es aber können). In den Vereinigten Staaten spielen die großen Fernsehsender bei Wahlen sicherlich eine große Rolle. Die Verbreitung von anspruchsvollen Tageszeitungen ist eher niedrig.

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Bezogen auf die heutige Situation der Medien muss man daraus den Schluss ziehen, dass das Fernsehen mehr als ein Nullmedium ist. Es wird zur Informationsbeschaffung von vielen Bürgern genutzt. Solange es eine Auswahl gibt, kann man damit argumentieren, dass sich Qualität und die Wahrheit im Wettbewerb durchsetzen werden.

Probleme im deutsch-türkischen Verhältnis

  • Armenien-Resolution

    Im Juni 2016 beschließt der Bundestag eine Resolution, die die Gräuel an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren als Völkermord einstuft. Die Türkei reagiert erbost und unter anderem mit dem Besuchsverbot für Incirlik. Kanzlerin Angela Merkel erklärt Anfang September, die Resolution sei rechtlich nicht bindend - aus Sicht Ankaras die geforderte Distanzierung von dem Beschluss. Das Besuchsverbot wird aufgehoben, doch vergessen ist die Resolution nicht.

  • Militärputsch

    Die Türkei hat sich verärgert darüber gezeigt, dass sich nach dem gescheiterten Putsch keine hochrangigen Mitglieder der Bundesregierung zum Solidaritätsbesuch haben blicken lassen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) plant zwar einen Besuch, der aber immer noch nicht stattgefunden hat. Der türkische EU-Minister Ömer Celik kritisiert, stattdessen seien aus Deutschland vor allem Mahnungen zur Verhältnismäßigkeit gekommen: „Bei hundert Sätzen ist einer Solidarität mit der Türkei, 99 sind Kritik.“

  • Flüchtlingspakt

    Ankara droht immer wieder damit, die Zusammenarbeit mit der EU in der Flüchtlingskrise aufzukündigen. Hintergrund ist unter anderem eine EU-Forderung, die Türkei müsse Anti-Terror-Gesetze reformieren, damit diese nicht politisch missbraucht werden. Ohne diese Reform will die EU die Visumpflicht für Türken nicht aufheben - ohne Visumfreiheit aber fühlt sich Erdogan nicht an die Flüchtlingsabkommen gebunden.

  • Immunität

    Auf Betreiben Erdogans beschließt das türkische Parlament, vielen Abgeordneten die Immunität zu entziehen. Betroffen ist vor allem die pro-kurdische HDP, die Erdogan für den verlängerten Arm der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hält. Parlamentariern droht Strafverfolgung - für Merkel „Grund tiefer Besorgnis“. Apropos PKK: Ankara fordert ein härteres Vorgehen gegen PKK-Anhänger in der Bundesrepublik, wo die Organisation ebenfalls verboten ist.

  • Pressefreiheit

    Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen lag die Türkei schon vor dem Putschversuch und dem anschließend verhängten Ausnahmezustand auf Platz 151 von 180 Staaten. Seitdem sind Dutzende weitere Medien geschlossen worden. Für Aufregung sorgt zudem, dass der türkische Sportminister Ende September die Aufnahme eines Interviews mit der Deutschen Welle konfiszieren lässt. Die Deutsche Welle klagt auf Herausgabe.

  • Auslieferung

    Ankara fordert von Deutschland die Auslieferung türkischer Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch von Mitte Juli verantwortlich macht. Neuer Streit ist damit programmiert.

In der Türkei scheint das nicht mehr zu gelten. Die Regierung ist dabei, die Printmedien gleichzuschalten, und das Fernsehen scheint bereits fest in der Hand der Regierung zu sein. Das gilt auch für die Sender, die der türkischen Diaspora vorgesetzt werden. Inwieweit dies zu erfolgreichen Manipulationen zum Beispiel der türkischstämmigen oder türkischen Bevölkerung in Deutschland führt, kann nicht beurteilt werden. Es steht immerhin fest, dass die Zustimmung des Präsidenten in bei Türken, die in Deutschland lebe höher ist als bei Türken in der Türkei.

Vor diesem Hintergrund muss der Vorschlag des Grünen-Parteivorsitzenden Cem Özdemir beurteilt werden, im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens einen Sender für die türkische und türkischstämmige Bevölkerung hierzulande einzurichten. Özdemir schwebt natürlich ein Sender vor, der dem Bildungsauftrag des ÖR folgt und die Welt in ihren Facetten und nicht nach dem Gusto der herrschenden Regierung berichtet beziehungsweise Information zurückhält oder verfälscht. Obwohl die Qualität des ÖR in Deutschland keineswegs überragend ist, kann man den Nachrichten- und Kultursendungen doch einiges abgewinnen. Zweifelhafter sind da schon die vielen Shows, die schlechte, weil nur noch jubilierende Sportberichterstattung und die vielen Regionalsender.

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