Freytags-Frage: Sind unsere Werte noch in der Balance?

kolumneFreytags-Frage: Sind unsere Werte noch in der Balance?

Kolumne von Andreas Freytag

Kritische Diskussionen werden abgebügelt, ungeliebte Autoren diffamiert - und gleichzeitig können Politiker ohne jede Konsequenz im Aufsichtsrat von Großprojekten Milliarden verbrannen. Was läuft da falsch?

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Ist unser Wertesystem noch in Balance?

Da benennt einer den Umstand, dass sich Immigranten unterschiedlicher regionaler oder religiöser Herkunft unterschiedlich bereitwillig in die deutsche Gesellschaft integrieren, und wird in die neofaschistische Ecke gestellt. Und da kritisiert jemand mit guten ökonomischen Argumenten die Rolle des Euros in Zeiten großer Divergenz innerhalb der Eurozone und wird als ewig gestriger Nationalist gebrandmarkt. Hinterfragt einer die segensreiche Wirkung eines flächendeckenden Mindestlohnes vor dem Hintergrund durchaus zweifelhafter empirischer Evidenz, gilt er sofort als kaltherzig und neoliberal. Gleiches passiert denen, die Fehlverhalten bei einigen Empfängern von Sozialleistungen kritisieren, selbst wenn sie explizit Einzelne meinen und nicht pauschalisieren.

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Bestimmte Dinge sollen offenbar nicht gesagt werden. Andere sollten nicht einmal gedacht werden, werden aber ohne Scham getan. So bedienen sich politische Eliten relativ ungeniert bei öffentlichen Geldern, indem sie Familienangehörige über Jahre zu sehr guten Gehältern beschäftigen - in Afrika fällt das unter Nepotismus. Die Selbstbedienung prominenter Fernsehmoderatoren und -journalisten wird konsequent vom öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehen ignoriert - sie gilt nach kurzer Prüfung als regelkonform. Grüne Politiker versuchen, die Aufklärung vergangener pädophiler Entgleisungen aus ihren Reihen zu verhindern.

Regierende Oberbürgermeister können ohne jede Konsequenz im Aufsichtsrat von Großprojekten sitzen, in denen Milliarden Euros verbrannt werden, und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Entscheidungsträger, die das europäische Recht als kleineres Hindernis auf dem Weg zu übergeordneten Zielen einfach über den Haufen werfen und leichtfertig den Wohlstand Hunderter von Millionen Menschen riskieren, gelten als pragmatisch und visionär. Die Kritiker dieser - sagen wir mal - flexiblen Rechtsauffassung dagegen werden verhöhnt.

Politische Debatte Die Asozialen - ganz unten und ganz oben

Ober- und Unterschicht ruinieren beide den Zusammenhalt der Gesellschaft. Walter Wüllenweber hat ein befreiendes Buch geschrieben: "Die Asozialen".

Quelle: AP

Um nicht falsch verstanden zu werden: Rassismus und Sexismus sowie jede andere Form der Diskriminierung haben weder in Handlung noch in Sprache etwas zu suchen. Mangelndes Feingefühl in der Sprache kann durchaus auf tieferliegende Ressentiments hinweisen. Sprache kann Waffe sein und muss sorgfältig eingesetzt werden.

Dennoch oder gerade deshalb mutet es gespenstisch an, wenn Kritik oder gar eine einfache Beobachtung nur deshalb in quasi-stalinistischer Manier abgebürstet werden, weil sie beispielsweise auf unerwünschte Nebenwirkungen einer eigentlich wünschenswerten Entwicklung oder Politik hinweisen.

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