Freytags-Frage: Was haben die deutsch-deutsche und die europäische Währungsunion gemeinsam?

kolumneFreytags-Frage: Was haben die deutsch-deutsche und die europäische Währungsunion gemeinsam?

Bild vergrößern

Altes DDR-Geld.

Kolumne von Andreas Freytag

Vor 25 Jahren bekam Ostdeutschland die D-Mark. Die deutsch-deutsche Währungsunion wurde zu einem Erfolg - die europäische Währungsunion nicht. Was sind die Gründe?

Die D-Mark für alle: Am 1. Juli 1990 wurde der Traum Realität. 25 Jahre später wird an die deutsch-deutsche Währungsunion erinnert. Sie ist heute Geschichte, wird überschattet von den gegenwärtigen Ereignissen in und um Griechenland und damit der Krise der Europäischen Währungsunion (EWU). Gleichzeitig erlaubt sie einen wehmütigen Blick zurück in die Zeit, als in Deutschland noch eine unzweifelhaft stabile Währung umlief.

Dies ist Anlass genug, nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen diesen beiden geld- und währungspolitischen „Experimenten“ zu fragen. Gemeinsam ist ihnen, dass jeweils ökonomisch recht unterschiedlich weit entwickelte und reiche Volkswirtschaften eine gemeinsame Währung erhielten. Gemeinsam ist außerdem, dass die jeweils schwächeren Räume (im deutsch-deutschen Fall der schwächere Raum, die DDR) eine reale Aufwertung erlebten. Hier beginnen auch schon die Unterschiede: Im Fall der DDR und nach dem 3. Oktober 1990 der neuen Länder ist diese Aufwertung recht abrupt erfolgt, während die Peripherieländer der EWU diese reale Aufwertung in langsameren Tempo erlebten.

Anzeige

Weitere Unterschiede sind in den Anpassungsreaktionen auf diesen Schock zu sehen.

In den neuen Ländern trug die reale Aufwertung zu einer beispiellosen Deindustrialisierung bei. Letztere wurde aber nicht durch die Währungsunion verursacht; sie wäre ohnehin gekommen, denn die DDR-Industrie war nicht wettbewerbsfähig. Außerdem trugen die finanziellen Transfers von West nach Ost in Höhe von insgesamt über einer Billion Euro dazu bei, weil die transferbedingte Erhöhung der Kaufkraft zu Preissteigerungen bei lokalen Gütern und Diensten (z.B. Mieten) führten.

Diese Transfers lösten aber zugleich das Problem zumindest teilweise, weil sie zur Erhöhung des Lebensstandards in den neuen Ländern beitrugen. Bemerkenswert ist die Bereitschaft der Zahler im Westen, diese Lasten zu schultern. Gewissermaßen zum Ausgleich war die Bevölkerung in den neuen Ländern bereit, die vollständige Neufassung ihres Gesellschaftsmodell mitzutragen.

Außerdem wurde die Wirtschaft dort gründlich modernisiert, die Infrastruktur wurde erneuert; es gab sozusagen einen positiven Angebotsschock. Heute ist die Produktivität in den neuen Ländern recht nahe an derjenigen der alten Länder; die Unterschiede sind vor allem damit zu begründen, dass die wertschöpfenden Tätigkeiten und Funktionen, vor allem Forschung und Entwicklung zumeist in den alten Ländern stattfinden.

PremiumGriechenland-Krise Die Währungsunion steckt in der Falle

Das Drama um Griechenland enthält nicht nur die immer gleichen Akte, es offenbart auch den prekären Zustand der Währungsunion: Nur ein Politikwechsel rettet den Euro.

Alexis Tsipras Quelle: Thorsten Wolber (Illustration), Glow Images, Reuters/Alkis Konstantinidis (Fotos)

Insgesamt ist die deutsch-deutsche Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte, die ohne die Währungsunion nicht so glatt gegangen wäre. Letztere trug zur Konvergenz der Regionen bei. Denn ein weiterer Unterschied zur EWU ist, dass die deutsch-deutsche Währungsunion von der Bevölkerung herbeigesehnt und gefordert wurde („Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“).

In der EWU löste die Gemeinschaftswährung komplett andere Reaktionen aus. Erst einmal fehlt ihr die Begeisterung der D-Mark-Einführung in den neuen Ländern; die EWU war von Anfang an ein Elitenprojekt. Gerade in Deutschland ist sie es geblieben – Vernunft anstelle von Begeisterung treibt ihre Befürworter. Heute zeigt sich, wie Recht die Bevölkerung damals mit ihrer Skepsis hatte!

Denn auch in ökonomischer Hinsicht sind die Ergebnisse in der EW andere als im Deutschland der frühen 1990er. Zwar bestand die Hoffnung, dass es zur wirtschaftspolitischen Konvergenz kommt, wenn das Instrument der Abwertung als ein Mittel der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit wegfällt. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

  • Problem Euro

    Seit Wochen betonen die Euro-Partner, dass die Ansteckungsgefahr nach einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone eher gering wäre. Zum einen wird darauf verwiesen, dass sich heute fast alle griechischen Schulden bis auf 40 bis 50 Milliarden Euro in der öffentlichen Hand befinden - eine Kettenreaktion kollabierender Banken also nicht zu befürchten sei. Zum anderen hätten sich Gläubiger seit langem auf mögliche Probleme eingestellt und ihre griechischen Geschäfte reduziert.

    Alles falsch, meint Schulz und verweist darauf, dass die Risikoaufschläge etwa für spanische Staatsanleihen in den vergangenen Wochen erheblich gestiegen seien. Kommt ein Staatsbankrott, würde der möglicherweise einen Schuldenschnitt nach sich ziehen - mit erheblichen Belastungen für die klammen Haushalte etwa der südlichen EU-Staaten, aber auch Frankreichs.

    Außerdem könnte das Vertrauen in den Euro als Währung weltweit Schaden nehmen, wenn eines der 19 Mitglieder ausbreche, heißt es in der Bundesregierung. Dabei spiele keine große Rolle, dass Griechenland weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Währungszone beisteuere. Denn die angebliche Unumkehrbarkeit der Euro-Einführung wäre widerlegt.

  • Problem Großbritannien

    In Berlin fürchtet man aber auch, dass ein Kollaps Griechenlands den Befürwortern eines britischen Austritts aus der EU Auftrieb geben könnte. Europa droht also an seinen Rändern zu zerfasern. Der Grund ist einfach: Die EU wäre nach einem Ausstieg Athens wahrscheinlich in einem so desolaten Zustand und müsste so viel kurzatmige Rettungsaktionen für Griechenland starten, dass die Gemeinschaft auf britische Wähler kaum noch attraktiv wirken dürfte. Möglicherweise würden zudem mehr Griechen das eigene Land auch Richtung Großbritannien verlassen wollen. Die Briten schimpfen aber bereits jetzt über zu viele Migranten aus anderen EU-Ländern - dies ist einer der Kritikpunkte der EU-Gegner auf der Insel.

  • Problem Russland

    Griechenland ist nicht nur ein angeschlagener Euro-Staat, sondern auch ein schwieriger EU-Partner. Mit seiner Linksaußen- Rechtsaußen-Regierung betonte Ministerpräsident Alexis Tsipras politische Nähe zum Kreml und hat sich mehrfach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. In der EU gibt man sich zwar gelassen, dass Russland nicht als alternativer Geldgeber gegen die EU ausgespielt werden kann - dafür sind die nötigen Hilfssummen viel zu groß. Auch die Träume des Links-Politikers, dass Griechenland Verteilland für russisches Gas in der EU werden könnte, dürften sich angesichts des Vorgehens der EU-Kommission gegen den russischen Gasriesen Gazprom zerschlagen. Aber Putin hat nach Ansicht von EU-Diplomaten durchaus schon bewiesen, dass er Differenzen zwischen EU-Staaten ausnutzen kann. Bei der Verlängerung von EU-Sanktionen gegen Russland braucht es etwa auch die Zustimmung Griechenlands.

  • Problem Balkan

    In Berlin sorgt man sich zunehmend, dass die gesamte Balkan-Region ohnehin sehr instabil werden kann. Immer noch gärt der Namensstreit zwischen Griechenland mit dem EU-Beitrittsaspiranten Mazedonien - in dem ein heftiger innenpolitischer Machtkampf tobt. Und Geheimdienste warnen, dass die radikalislamische Miliz Islamischer Staat (IS) in den vergangenen Monaten massiv versucht hat, in den moslemischen Bevölkerungen Bosnien-Herzegowinas, Albaniens oder Mazedoniens Fuß zu fassen. Ein zusammenbrechender Nachbarstaat Griechenland würde die Unruhe in der Region noch verstärken.

  • Problem Flüchtlinge

    Kaum diskutiert worden ist die Rolle Griechenlands bei der Abwehr eines unkontrollierten Zuzugs von Flüchtlingen in die EU. In den vergangenen Jahren hat der bessere Schutz der griechisch-türkischen Grenze Flüchtlingen aus dem Nahen Osten die Einwanderung in die EU zumindest zum Teil erschwert. Die linke Syriza-Partei könnte im Falle eines Staatsbankrotts die Schleusen für afrikanische oder syrische Flüchtlinge aufmachen. Entsprechende Drohungen waren aus Athen bereits zu hören. Denn seit Jahresbeginn seien bereits 46.000 Flüchtlinge nach Griechenland gekommen, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. 2014 waren es im selben Zeitraum nur 34.000 Personen. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer Flüchtlingskatastrophe in Griechenland.

    EU-Kommissar Günther Oettinger forderte die Brüsseler Behörde auch deshalb auf, einen "Plan B" zu erarbeiten. Dabei soll Hilfe für das Land für den Fall eines Bankrotts vorbereitet werden. Neben humanitärer Hilfe gehe es um die Frage, wie man eigentlich die Sicherheit in dem EU-Land noch gewährleisten will, wenn die Regierung den Polizisten keine Löhne mehr zahlen kann.

Denn einige europäischen Regierungen haben ein Substitut zur wirtschaftspolitischen Konvergenz, die für einige EWU-Mitglieder im Grundsatz ja nichts als eine angebotspolitische Reform darstellt, gefunden: die Staatsverschuldung. Befeuert durch die dramatisch fallenden Zinsen auf ihre Staatsanleihen haben sich einige Regierungen stark verschuldet und damit Wirtschaftswachstum simuliert. Leider haben sie die Schulden verkonsumiert und nicht investiert.

In anderen Ländern haben sich die Privaten stark verschuldet und einen Bauboom ausgelöst, der spätestens nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008ff verpuffte. Somit war die Wachstumsdynamik nicht nachhaltig.

In der Krise zeigte sich dann die Anfälligkeit der Eurozone, deren Mitglieder eben nicht konvergiert waren, sondern eher einen Divergenzprozess gestartet hatten. An der Peripherie begann eine Deindustrialisierung ähnlich wie in den neuen Ländern nach dem Fall der Mauer. Die Folgen sind dramatisch: Einbruch des Sozialprodukts, Steigerung der Arbeitslosigkeit sowie innereuropäische Aggressionen und Konflikte.

Weitere Artikel

Anders als in Deutschland gab und gibt es in der EWU auch niemanden, der leichten Herzens Transfers bewilligt und sich daran erfreuen kann, wie diese Transfers den Lebensstandard anderswo zu steigern vermögen. Dies ist der wohl entscheidende Unterschied der EWU im Vergleich zur deutschen Währungsunion: Die fehlende Konvergenz wird bei uns durch Transfers abgefangen, die von einer breiten Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit getragen werden.

In Europa gibt es diese breite Mehrheit nicht, wahrscheinlich noch nicht einmal eine europäische Öffentlichkeit. Insofern bleibt abzuwarten, ob die europäische Währungsintegration ebenfalls eine Erfolgsgeschichte wird – noch ist sie es nicht.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%