Freytags-Frage: Welchen Anteil hat der Handel am Frieden?

kolumneFreytags-Frage: Welchen Anteil hat der Handel am Frieden?

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Der internationale Handel stärkt Wohlstand und Frieden in der Welt.

Kolumne von Andreas Freytag

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazi-Deutschland. Es folgten Jahrzehnte in Freiheit in Wohlstand in der BRD. Der Anteil des internationalen Handels darin wird unterschätzt.

Vor 70 Jahren endete in Deutschland der Zweite Weltkrieg. Seitdem hat sich vieles im Verhältnis Deutschlands zur Welt zum Positiven gewandelt. Dazu werden heute viele Gedenkveranstaltungen abgehalten. Ein Thema, das wenig Aufmerksamkeit erhalten wird, ist der internationale Handel. Dabei hat gerade die Wiedereingliederung der westdeutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft, wie es der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim genannt hat, wesentlich zu der heutigen Rolle der Bundesrepublik in der Welt beigetragen.

Um dies zu verstehen, muss man ein wenig in der Geschichte zurückblättern und sich das Ringen um die Nachkriegsordnung innerhalb alliierter Kreise in Erinnerung rufen. Im September 1944 trafen sich Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill in Quebec zur Diskussion ebendieser Ordnung. Auf dieser Konferenz war auch der US-amerikanische Finanzminister Morgenthau anwesend, der sich mit der Idee durchsetzte, Deutschland zu isolieren und seine industriellen Möglichkeiten einzuschränken. Zum Glück der Deutschen (aber auch der anderen Europäer) wurde dieser Plan vom US-Außenminister Cordell Hull intellektuell soweit diskreditiert, dass er aufgegeben wurde.

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Streitpunkte beim TTIP

  • Chlor-Hühnchen

    US-amerikanische Fleischhersteller legen geschlachtete Hühnchen und viele andere Schlacht-Tiere für ein bis drei Stunden in chlorhaltige Desinfektionsbäder oder besprühen sie mit hochdosierter Chlor-Lösung. Das finden die meisten Europäer widerlich. Und so avancierten die „Chlorhühnchen“ und ihr möglicher Import zum Inbegriff aller Übel, die Verbrauchern durch die TTIP-Verhandlungen drohen könnten. Dieses transatlantische Abkommen soll den freien Handel zwischen den USA und Europa erleichtern. Tatsächlich ist eine solche Chlorbehandlung für Fleisch in Europa bisher nicht zulässig. Die Sorge: Durch die Behandlung könnten gesundheitsschädliche Chlorverbindungen entstehen.

    Tipp für den Haushalt: Weil bei nicht entkeimtem Geflügel die Möglichkeit einer Salmonellen-Infektion besteht, sollte das Fleisch gut durchgebraten werden. Messer und Brettchen, die mit dem rohen Fleisch in Kontakt kamen, gut abwaschen und keinesfalls für andere Lebensmittel wie die Zutaten für den Salat benutzen. Hände waschen!

  • Verzehrfertiger Salat

    Auch Salat, Gemüse und Obst darf in den USA mit Chlorwasser behandelt werden. In Europa ist das – wie auch das schwache Chloren des Trinkwassers – nicht generell verboten. Der gezielte Einsatz von Chlor zur Desinfizierung von Obst und Gemüse muss in der EU aber genehmigt werden, wofür jedes Land selbst zuständig ist. So verbieten Deutschland, Österreich und Dänemark das Chlorieren des Salat-Waschwassers. Belgien und Frankreich gestatten es in sehr geringen Maße. Die Dosis ist aber viel niedriger als bei der US-Chlordusche für Hühnchen.

    Tipp: Gerade der fertig geschnibbelte, verzehrfertige Salat ist eine echte Keimbombe und ebenso empfindlich wie rohes Hackfleisch. Denn durch das Schneiden werden die Pflanzenzellen verletzt, so dass Zucker und andere Nährstoffe austreten – Mikororganismen leben dort wie im Paradies. Deshalb gehört Fertigsalat in den Kühlschrank und sollte nach spätestens drei Tagen gegessen sein.

  • Radioaktiv bestrahlte Lebensmittel

    Um Keime abzutöten, benutzen Hersteller vor allem von Obst, Gemüse, Gewürzen oder Meeresgetier schwach ionisierende Strahlung, was vor einigen Jahren für heftige Diskussionen sorgte. In USA werden zudem auch Fleischprodukte wie das Hackfleisch für Hamburger so behandelt. Das Bestrahlen ist aber auch in einigen europäischen Ländern gestattet, zum Beispiel in Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Tschechien, Polen und in Großbritannien. In Deutschland ist diese Methode nur für getrocknete aromatische Kräuter und Gewürze erlaubt. Allerdings dürfen bestrahlte Erdbeeren, Pilze oder Zwiebeln aus anderen Ländern auch in Deutschland angeboten werden, müssen aber gekennzeichnet sein. Selbst eine Tiefkühlpizza, die mit bestrahltem Pfeffer gewürzt ist, muss auf der Zutatenliste den Hinweis „bestrahlt“ oder „mit ionisierenden Strahlen behandelt“ tragen. Auch in Restaurants oder Kantinen müssen die Kunden durch Aushang oder Hinweise auf der Speisekarte darüber informiert werden – jedenfalls lautet so die Gesetzgebung.

  • Rohmilchkäse

    Moderne Molkereibetriebe haben heute sehr strenge Wareneingangskontrollen. Hier wird geprüft, ob die Rohmilch mit Keimen oder Medikamentenrückständen belastet ist. Früher war es dagegen durchaus möglich, die Milchchargen, die zum Beispiel durch die Milch von Kühen mit eitriger Euterentzündung nicht für die Frischmilch taugten, zu H-Milch zu verarbeiten. Das entsprechende Behandlungsverfahren – das sogenannte Ultrahocherhitzen – macht jeglichen Keimen den Gar aus, so dass keine Gesundheitsgefahr bestand. Appetitlich war das trotzdem nicht.

  • Hormonbelastetes Fleisch

    In den USA sind Hormone als Wachstumsbeschleuniger zugelassen. In Europa ist das verboten und der Import von solchem Fleisch nicht erlaubt.

  • Gentechnisch veränderte Lebensmittel

    In den USA werden große Mengen gentechnisch veränderten Sojas, Mais und Raps und hergestellt und ohne Kennzeichnung verkauft. In Europa ist eine Kennzeichnung vorgeschrieben, wenn der Anteil des gentechnisch veränderten Organismus (GVO) über 0,9 Prozent liegt.

  • Rohmilchkäse 2

    Während es in Europa ganz selbstverständlich ist, aus unbehandelter Milch leckere Käsesorten wie Camembert, Brie, Roquefort oder Emmentaler herzustellen, graut es hier – wegen der möglichen Keimbelastung – die amerikanischen Verbraucher. Deshalb müssen alle aus Europa in die USA exportierten Weichkäse aus pasteurisierter Milch hergestellt werden. Zuletzt erklärte die US-Gesundheitsbehörde FDA im vorigen Jahr auch den aus Nordfrankreich stammenden orangefarbenen Hartkäse Mimolette für ungenießbar: Besonders ekelhaft fanden die FDA-Prüfer die Rinde des Käses. Sie wird zwar nicht mit gegessen, aber auf ihr leben mikroskopisch kleine Milben. Sie verhelfen dem Käse zu seinem leicht nussigen Aroma.

  • Klonfleisch

    In den USA werden inzwischen Hochleistungsrinder von Züchtern mit der selben Methode geklont, die erstmals beim Schaf Dolly 1996 erfolgreich war. Da es sich aber um sehr wertvolle Zuchttiere handelt, kommt deren Fleisch selbst in Amerika allerdings in der Regel nicht in den Handel, sondern nur die Steaks ihrer traditionell gezüchteten Nachkommen.

  • Antibiotika im Fleisch

    Sowohl in den USA wie in Europa sind Antibiotika in der Tierzucht nicht mehr als Mastbeschleuniger erlaubt, sondern nur noch um kranke Tiere zu behandeln. Theoretisch jedenfalls. Die Kontrolle ist allerdings schwierig – und sie liegt in den Händen derselben Tierärzte, deren Geschäft es ist, den Bauern Tierarzneimittel zu verkaufen. So wurden laut Bericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Jahr 2011 gut 1.734 Tonnen Antibiotika von der pharmazeutischen Industrie an Veterinäre geliefert. Im Jahr 2012 bekam beispielsweise ein Masthähnchen durchschnittlich an zehn seiner 39 Lebenstage Antibiotika – und das sei nach Aussage des Bundesverbandes Naturkost Naturwaren die Regel, nicht die Ausnahme. Allerdings ist die Belastung mit Antibiotika beim Fleisch in Deutschland nach Angaben des BVL rückläufig. So wurden im Jahr 2012 im Rahmen des Nationalen Rückstandskontrollplans 58.998 Proben untersucht. Davon waren 268 positiv, wurden also beanstandet. Der Prozentsatz der ermittelten positiven Rückstandsbefunde war mit 0,45 Prozent etwas niedriger als im Jahr 2011. Damals waren 0,56 Prozent und im Jahr 2010 noch 0,73 Prozent der untersuchten Planproben mit Rückständen belastet.

  • Kontrollen

    Wie schwer die Kontrolle von Lebensmittelgesetzen auch in Europa ist, zeigte der Lasagne-Skandal Anfang des vorigen Jahres. Damals tauchten massenweise falsch deklarierte Tiefkühlprodukte wie Lasagnen, Canneloni oder Moussaka in den Supermärkten auf. Deren Hackfleischfüllungen bestanden nicht nur aus Schwein oder Rind, sondern auch aus Pferdefleisch. Das ist zwar grundsätzlich sogar gesund, aber nicht jedermanns Sache. Weil die geschlachteten Pferde zudem keinerlei offiziellen Kontrollen unterlagen, fanden die Prüfer in diesen Tiefkühlwaren allerlei unzulässige Medikamentenrückstände.

  • Innereien und Schlachtabfälle

    In Deutschland werden zwar Innereien wie Leber und Niere oder die Zunge vom Rind gerne gegessen, Schweinefüße kommen hierzulande allerdings nicht auf den Tisch. Solche sogenannten Nebenprodukte von gesund geschlachteten Tieren werden aber in Länder exportiert, wo sie als Delikatesse gelten, zum Beispiel nach China. Das Problem, das Verbraucherschutz-Organisationen damit haben: Diese Nebenprodukte unterliegen nicht mehr den Lebensmittelbestimmungen, so dass es beispielsweise passieren könne, dass die Kühlkette nicht eingehalten wird.

Stattdessen setzte sich die von Hull bereits im Ersten Weltkrieg gewonnene Erkenntnis durch, dass Handel zwischen den Nationen friedensstiftend ist und dass Autarkie mit Krieg „verwandt“ ist. Hull hat sich in seiner gesamten politischen Karriere dafür eingesetzt, Handelsbarrieren abzubauen und die globale Arbeitsteilung zu vertiefen. Sowohl die Ergebnisse theoretischen Überlegens als auch die empirische Evidenz sind eindeutig: Länder, die intensiv miteinander handeln, verzichten weitgehend auf transnationale Konflikte bzw. lösen solche Konflikte auf zivilisierte Weise; dazu gibt es zahlreiche Studien. Es geht beim Außenhandel also nicht nur um Exportweltmeisterschaften, Wohlstand, Beschäftigung und Wachstum; es geht auch, wenn nicht vor allem, um Frieden und Völkerverständigung. Außenhandel ist schon allein deshalb vertrauensstiftend, weil sich die Beteiligten kennenlernen und auf die Durchsetzung ihre Absprachen und Verträge angewiesen sind. Wer langfristig auf Märkten erfolgreich sein will, muss Reputation aufbauen und vertrauenswürdig sein. Dann spielt die Nationalität oder Hautfarbe des Handelspartners keine Rolle mehr.

Diese Erkenntnisse wurden in der Gründung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) im Jahre 1947, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahre 1958 sowie in zahlreichen internationalen Freihandelsabkommen unterschiedlicher Tiefe und Breite praktisch umgesetzt. Die europäische Integration führte gar zur längsten Friedensperiode in der Geschichte Europas. Als Konsequenz wurde die Europäische Union (EU) im Jahre 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet; so wie übrigens Cordell Hull bereits 1945 für sein Engagement für die Vereinten Nationen (UN) den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam. Die Welt ist weit entfernt davon, perfekt zu sein. Man stelle sich aber vor, wie sie ohne diese Abkommen und Integrationsbemühungen aussähe!

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