Freytags-Frage: Wer braucht den Meisterzwang im deutschen Handwerk?

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kolumneFreytags-Frage: Wer braucht den Meisterzwang im deutschen Handwerk?

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Schützt der Meisterbrief die Betriebe durch die Quasi-Monopolstellung vor Qualitätsdruck?

Kolumne von Andreas Freytag

In 41 Gewerken herrscht immer noch ein Zwang zum Meisterabschluss. Doch es gibt viele Gründe, warum man davon abrücken könnte.

Die Europäische Kommission hat im Mai der Bundesregierung nahegelegt, auf den Meisterzwang im Handwerk zu verzichten. Wörtlich heißt es in den Empfehlungen der Kommission: „In vielen Handwerksbranchen, einschließlich im Baugewerbe, ist nach wie vor ein Meisterbrief oder eine gleichwertige Qualifikation erforderlich, um einen Betrieb zu führen. … Deutschland könnte prüfen, ob sich die gleichen im öffentlichen Interesse liegenden Ziele nicht durch eine weniger strikte Reglementierung erreichen ließen.“

Dies ist eine klare Aussage, die sich mit der Einschätzung zahlreicher Beobachter einschließlich der Empfehlung der Deregulierungskommission aus dem Jahre 1991 deckt. Ähnlich bekannt kommen einem die Reaktionen der Handwerkskammern vor. Paradox sei es, die Zulassungsregeln angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit aufgeben zu wollen. Schließlich zeige das deutsche Beispiel, dass das gute duale System Erfolge in der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zeitige. Indirekt wird auch wieder die Qualität beschworen, die es ohne Meisterbrief nicht gäbe. Außerdem wird argumentiert, dass die Absolventen von Meisterkursen betriebswirtschaftlich gut ausgebildet seien und die Betriebe deswegen weniger anfällig für Pleiten wären.

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Das mag ja in Teilen so sein. Meister bilden gut aus, sie haben außerdem die Expertise und die Ausbildung, hervorragende Qualität zu liefern. Jeder Meister? Es gibt auch hier mit Sicherheit Unterschiede, wie in allen Berufen. Überall, wo es Zwang zur Ausbildung gibt, gibt es bessere und schlechtere Anbieter, egal ob in der Medizin, der Verwaltung, der Wissenschaft oder der Industrie, um nur einige zu nennen.

Aber selbst wenn man unterstellt, dass Handwerker mit Meisterbrief besser ausbilden und mehr Qualität bieten als Kollegen ohne Meisterbrief, stellt sich die Frage, warum immer noch ein Meisterzwang in 41 Gewerken herrscht. Denn wenn es stimmt, wird ein Handwerker im Wettbewerb sicher von selber darauf kommen, sich entsprechend zu bilden. Anders dürfte er keine guten Auszubildenden bekommen, und anders wird im Wettbewerb wohl nicht bestehen. Gleiches gilt für betriebswirtschaftliche Kenntnisse: Wer betriebswirtschaftliche Fehler vermeiden will, wird sich selber darum kümmern, die entsprechende Expertise aufzubauen oder einzukaufen. All das spricht für den Meisterbrief, sofern er wirklich so wertvoll ist. Diese Argumente sprechen aber nicht dafür, ihn verpflichtend zu machen.

Es kommt also auf das Wort Zwang an, das die Handwerkskammern nicht gerne verwenden. Eher spricht man von Pflicht; es meint aber dasselbe. Kritiker des Meisterzwangs stellen dann auch die Frage nach der Ratio: Ist es wirklich der Wunsch der Handwerkskammern, durchgängig gute Qualität zu bieten? Oder steht nicht vielleicht das Motiv dahinter, die etablierten Meisterbetriebe vor Wettbewerb zu schützen?

Dafür spricht zunächst der Umstand, dass die Prüfer in den Kammern aus erfahrenen Meistern bestehen. Sind sie wirklich an einer hohen Anzahl der Wettbewerber interessiert? Eine Studie aus dem Institut Wirtschaftspolitik aus dem Jahre 1998 kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Verhältnis der bestandenen zu den abgelegten Meisterprüfungen in den alten und neuen Ländern Anfang der 1990er Jahre erheblich unterschied: Im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 1996 bestanden im Westen 76,6 Prozent der Absolventen die Meisterprüfung, im Osten waren es im selben Zeitraum 89,3 Prozent. Es kann natürlich sein, dass die ostdeutschen Prüflinge systematisch besser waren. Vermutlich war der Auslöser aber der höhere Bedarf an selbstständigen Handwerksbetrieben im Osten damals.

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