Freytags-Frage: Wie gefährlich ist Ihre Weihnachtsgans?

kolumneFreytags-Frage: Wie gefährlich ist Ihre Weihnachtsgans?

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Hühner in einem Legebetrieb. Über Pute, Gans und Schwein nehmen Konsumenten oft Antibiotika zu sich

Kolumne von Andreas Freytag

Jedes Jahr werden in Deutschlands Tiermastanlagen rund 1.700 Tonnen Antibiotika verfüttert. Die Gefahr für die Menschen steigt, von resistenten Keimen befallen zu werden. Der Markt versagt, die Politik muss eingreifen.

Nun steht wieder Weihnachten vor der Tür, und viele freuen sich auf besinnliche Tage mit opulenten Mahlzeiten im Familienkreise. Der Duft der Weihnachtsgans steigt quasi von selbst in die Nase; eine große Vorfreude liegt in der Luft.

Es gibt allerdings auch einige Wermutstropfen, einer bezieht sich explizit auf das Essen: Denn das Weihnachtsessen muss nicht notwendigerweise ein Genuss ohne Reue sein. Vor allem die Tierhaltung gibt Anlass zum Nachdenken. Jedes Jahr werden in Deutschlands Tiermastanlagen rund 1.700 Tonnen Antibiotika verfüttert, um die Stallbewohner gesund zu halten. Wem das zu abstrakt ist, der sei auf den Vergleich mit der Medizin verwiesen: Jährlich verwenden die Menschen etwa 700 bis 800 Tonnen Antibiotika als Medizin, gerade mal knapp die Hälfte dessen, was in den Ställen verfüttert wird. In Deutschlands Mastbetrieben sollen auch wesentlich mehr Antibiotika eingesetzt werden als anderswo. In den Niederlanden ist der Einsatz in den vergangenen Jahren sogar halbiert worden, während bei uns kein Trend erkennbar ist.

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Wie man Antibiotika richtig einsetzt

  • Wie Antibiotikaresistenzen entstehen

    Bakterien verändern sich ständig, um sich an wandelnde Umweltbedingungen anzupassen. Kleine Variationen im Erbgut, die Mutationen, verschaffen manchen Mikroben einen Überlebensvorteil, die sich daraufhin stärker vermehren als ihre übrigen Artgenossen. Dieses Grundprinzip der Evolution hilft auch Krankheitserregern, sich gegen Antibiotika zu wehren, etwa indem sie Wirkstoffe zerstören, bevor sie ihnen gefährlich werden. Doch wir können es den Keimen schwerer machen, diese Resistenzen zu bilden, indem wir einige Taktiken beachten.

  • Antibiotika sparsam verwenden

    Auch wenn es banal klingt – nur wenn ein Bakterium mit einem Antibiotikum in Kontakt kommt, bringt ihm eine Resistenz einen Überlebensvorteil. Daher sollten Mediziner die Mittel nur dann verordnen, wenn es aus medizinischen Gründen wirklich erforderlich ist. Doch noch immer setzen sie Antibiotika viel zu lax und häufig ein. Sogar dort, wo sie gar nicht wirken: etwa bei Erkältungen. Die werden meist von Viren verursacht, gegen die jedes Antibiotikum machtlos ist. Erste Schnelltests für Hausärzte gibt es schon, die zwischen Viren oder Bakterien unterscheiden.

    Zudem verwenden Landwirte Breitbandantibiotika seit Jahrzehnten als Mastmittel in der Tierzucht, was zumindest in Europa offiziell verboten ist. Von den 2000 pro Jahr in Deutschland verbrauchten Tonnen sind nur 350 Tonnen für den Menschen bestimmt, der Rest für Tiere. In den Ställen entstehen durch den dauernden Kontakt mit Antibiotika schnell Resistenzen, die auch auf Keime überspringen, die Menschen befallen.

  • Antibiotika richtig dosieren

    Verordnet ein Arzt ein Antibiotikum, darf es nicht zu niedrig dosiert sein oder die Behandlung zu früh abgebrochen werden. Sonst überleben genau jene Keime, die Abwehrstrategien entwickelt haben. Sie geben die Resistenzen
    dann an die Nachkommen weiter.

  • Sorgfältig desinfizieren

    Krankenhäuser sind eine Art Paradies für Keime: Die vielen vorkommenden Erreger können Resistenzgene austauschen; alte, immungeschwächte Patienten bringen neue Keime ins Haus: Jede Operation eröffnet den Erregern ideale Einflugschneisen in den Körper. Deshalb ist penible Hygiene in den Kliniken extrem wichtig. Viele Häuser lehnen es mittlerweile ab, verkeimte Patienten etwa aus schlecht geführten Pflegeheimen aufzunehmen, oder schicken sie konsequent auf Isolierstationen.

  • Früh diagnostizieren

    Bisher weiß ein Arzt oft nicht, ob er mit einem Breitbandantibiotikum früh zugeschlagen soll, um möglichst schnell viele Bakterienarten zu töten, oder ob er lieber mit einem speziellen Mittel einen einzelnen Erreger zielgerichtet
    angreifen soll. Gen-Schnelltests machen es jetzt möglich, einen Krankheitserreger vor der Behandlung genau zu identifizieren. Bisher dauerte das Tage.

Immer mehr Antibiotika sind wirkungslos

Dieses Vorgehen wird von Fachleuten für sehr bedenklich gehalten, weil es die Resistenz von Keimen erhöht und damit dazu beiträgt, dass Antibiotika immer häufiger nicht mehr wirken und damit die Gefahr für die Menschen steigt, von resistenten Keimen befallen zu werden. Die Anzahl der in Europa im vergangenen Jahr an bakteriellen Infektionen verstorbenen Menschen liegt Schätzungen gemäß bei über 25.000; die Tendenz ist offenbar stark steigend. Die Sepsis-Forschung boomt.

Fairerweise muss betont werden, dass die Tierhaltung nicht der einzige Grund für die zunehmende Resistenz von Keimen gegen Antibiotika ist. Dennoch ist die Größenordnung atemberaubend. Es wird vielfach befürchtet, dass die Folgen in Zukunft noch erheblich dramatischer sein werden.

Die Mastbetriebe schaden den Patienten

Also besteht Handlungsbedarf. Und tatsächlich sieht man, dass hier so etwas wie Marktversagen besteht. Denn die Tierhaltung erzeugt eine negative Externalität, die es zu beseitigen gilt. Durch die Verwendung von Antibiotika im Tierfutter schädigen die Geflügelfarmen und Schweinmastbetrieben die Patienten, ohne die Kosten dafür in Rechnung gestellt zu bekommen. In einem solchen Fall des Marktversagens ist es gerechtfertigt, dass der Staat eingreift. Dies kann durch eine Steuer geschehen, die auf den Einsatz von Antibiotika erhoben wird. Man spricht von einer Lenkungssteuer, denn die Steuer dient nicht in erster Linie zusätzlichen Steuereinnahmen; vielmehr soll der Einsatz der Antibiotika reduziert werden. Trotzdem anfallende Steuereinnahmen könnten dann in die Sepsis-Forschung oder die Erforschung neuer Antibiotika fließen.

Alternativ kann man die Verwendung von Antibiotika in der Tierzucht auch schlicht verbieten bzw. eine Reduktion vorschreiben; das muss natürlich kontrolliert werden (Kontrolle scheint in dem Sektor ohnehin nötig, also wären die Zusatzkosten gering). Die Gefahrenlage scheint es ja zu rechtfertigen.

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