Freytags-Frage: Wie stehen die Deutschen zur Bundeswehr?

kolumneFreytags-Frage: Wie stehen die Deutschen zur Bundeswehr?

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Bundeswehr-Soldaten in Kabul.

Kolumne von Andreas Freytag

Die kürzlich aufgekommene Diskussion um das Sturmgewehr der Bundeswehr ist nur Teil einer seit Jahren intensiv geführten Debatte um die Verteidigungsbereitschaft und den Verteidigungswillen des Landes. Denn sie berührt nicht nur die Frage nach der Qualität der Ausrüstung der Soldaten, sondern letztlich auch die Bedeutung, die wir der Bundeswehr heute noch zubilligen.

Es sah lange so aus, als wäre die Funktionsfähigkeit der Bundeswehr nachrangig geworden. Auf jeden Fall wurde sie so behandelt. Sowohl die Personalstärke als auch die Ausrüstung sind massiv heruntergefahren worden, Standorte sind aufgegeben worden. Strategische Überlegungen sind offenbar neu ausgerichtet worden. Gegner wurden (ausschließlich) außerhalb Europas identifiziert; der berühmte Verteidigungsfall am Hindukusch.

Zudem wurde die Wehrpflicht einfach ausgesetzt, formal abgeschafft wurde sie noch nicht. Die zunehmende Wehrungerechtigkeit, aber auch die offenbar fehlende Notwendigkeit eines großen stehenden Heeres (als Alternative zur flexiblen Eingreiftruppe) haben dazu beigetragen.

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Bundeswehr im Einsatz. Quelle: dpa Picture-Alliance

Nun sieht die strategische Lage in Europa anders aus als vor 10 Jahren. So ganz hat die russische Regierung sich dann doch nicht dazu entschließen können, Großmachtstreben aufzugeben und sich als ein gleichberechtigter Partner in Europa zu verstehen. Dadurch bedingt wird es wieder wichtiger, sich gegen Aggressionen von Osten her zu wappnen.

Kann man einfach den Status-Quo ante wieder herstellen? Also mehr Panzer, zurück zur Wehrpflicht für alle, Wiederöffnung alter Standorte? Das dürfte unmöglich sein. Denn die allgemeine Haltung zur Verteidigung scheint sich gewandelt zu haben. Weite Teile der Bevölkerung schätzen die Bundeswehr gering, sind gegen die Waffenindustrie eingestellt und lehnen verteidigungsbezogene Forschung ab. Diese Vorbehalte sind in gewisser Weise sachlich nachvollziehbar.

Die Debatte um das G36

  • Das Gewehr

    Das Sturmgewehr G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Der Hersteller, das deutsche Rüstungsunternehmen Heckler & Koch, hat nach eigenen Angaben 178.000 Gewehre des Typs G36 an die deutsche Armee verkauft. Der Preis: Mehr als 180 Millionen Euro. Das Gewehr zeichnet sich nach Angabe der Bundeswehr durch „seine einfache Bauweise aus, sämtliche Hauptbaugruppen sind mit nur drei Haltebolzen am Waffengehäuse befestigt.“
    Quellen: Bundeswehr, Unternehmen, dpa

  • Die technischen Daten

    Das G36 wiegt 3,63 kg    und verfügt über ein Zielfernrohr sowie ein Reflexvisier. Es handelt sich um einen automatischen Gasdrucklader mit Drehkopfverschluss im Kaliber 5,56 x 45 Millimeter. Mit dem Gewehr können sowohl einzelne Schüsse als auch Feuerstöße abgegeben werden.

  • Der Vorgänger

    Das G36 löste das G3 ab, das sich seit 1959 im Einsatz bei der Bundeswehr befindet. Bei dem G3 handelt es sich um eine schwerere Waffe im größeren Kaliber 7,62 x 51 Millimeter.

  • Die Debatte

    Ende März 2015 hat die Bundeswehr Probleme bei der Treffsicherheit des G36 eingeräumt. „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen aber auch im heißgeschossenen Zustand“, erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.  In den Jahren zuvor hatte es mehrere widersprüchliche Berichte über die Treffsicherheit des G36 gegeben. Unter anderem war die Munition für Ungenauigkeiten verantwortlichgemacht worden. Daraufhin hatte von der Leyen im Frühsommer 2014 eine Expertenkommission mit Vertretern der Bundeswehr, des Bundesrechnungshofs und des Fraunhofer-Instituts eingesetzt, um Klarheit zu schaffen. Der Abschlussbericht stand zum Zeitpunkt der Äußerungen noch aus.

  • Wo das G36 noch eingesetzt wird

    Das Sturmgewehr G36 von Heckler & Koch wird nicht nur von der Bundeswehr verwendet, sondern auch von Armeen anderer Staaten. In Lettland, Litauen und Spanien ist die Waffe nach Angaben der Bundeswehr ebenfalls als Standardgewehr der Armee im Einsatz. Verwendet wird das G36 zudem von Spezialeinheiten in Jordanien, Norwegen und Mexiko. Aus Bundeswehr-Beständen sind kürzlich G36-Sturmgewehre an die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Nord-Irak geliefert worden. Die Kurden sollen damit gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kämpfen.

    Im spanischen La Coruña wurde das G36 in Lizenz von General Dynamics Santa Bárbara Sistemas hergestellt. 2008 erteilte die Bundesregierung außerdem eine Genehmigung zur Ausfuhr von Technologie für die Herstellung des Gewehrs in Saudi-Arabien. Diese Genehmigung sieht allerdings nach Angaben der Regierung nur eine Produktion für den Eigenbedarf der saudischen Sicherheitskräfte vor und keine autonome Fertigung ohne Zulieferung von Schlüsselkomponenten aus Deutschland.

Denn wenn erstens kaum noch ein junger Erwachsener bzw. seit einigen Jahren eine junge Erwachsene mit der Bundeswehr in Berührung kommt, wird diese mehr und mehr zum Fremdkörper im Land. Das war – durchaus gewollt – anders zur Zeiten der Wehrpflicht. Damals wurde aufgrund der Erfahrungen des Dritten Reichs mit einer sich unpolitisch gebenden, aber dabei umso stärker in die politischen Ziele der Diktatur eingebundenen Wehrmacht ein ständiger Austausch des Offizierkorps mit der Bevölkerung angestrebt; das Stichwort war Bürger in Uniform. Diese Strategie hat sich bewährt, die Zeit der deutschen Teilung wurde konfliktfrei durchlebt und überwunden; der Beitrag der Wehrpflicht (auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs) kann zwar nicht bemessen werden, sollte aber nicht ignoriert werden. Gelegentlich konnten auch die Wehrpflichtigen selber etwas für ihr Leben lernen, schon deshalb weil junge Männer aus unterschiedlichen Regionen und sozialen Gruppen zusammenleben mussten. Und wer aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe nicht verrichten konnte, hatte Alternativen.

Auch die Waffenindustrie kann durchaus kritisch betrachtet werden. Auf der einen Seite braucht ein Land zur Sicherung der eigenen Verteidigungsbereitschaft eigene Kapazitäten. Sich vollständig auf ausländische Anbieter zu verlassen, ist bei solch sensiblen Gütern nicht sinnvoll. Mit engen Verbündeten, zum Beispiel im Rahmen der Nato kann man natürlich die Rüstungsprojekte in Kooperation durchführen. Dieses Argument spricht stark für eine eigene Rüstungsindustrie.

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